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Linkspartei und SPD: Lafontaine gibt den Großzügigen

Es muss ihm eine Wonne sein: Der SPD-Führung ist Linkspartei-Boss Oskar Lafontaine spinnefeind, aber nach den Wahlerfolgen in Niedersachsen und Hessen kann er genüßlich den Großzügigen geben. Klar, Kurt, Frank-Walter, Peer und wie ihr alle heißt: Wenn ihr unbedingt regieren wollt, helfen wir euch. Beobachtungen von einem Lafontaine-Auftritt.

Von Marcus Müller

Da hat die Linke gerade in zwei westdeutschen Flächenländern ihren Durchbruch hingelegt, und die Sozialisten haben nichts Besseres zu tun, als die Presse zur Wahlnachbereitung in den tiefsten Osten zu laden. Im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain gibt es die frühere Stalin-Allee und einen grauen Bau, in dem das "Neue Deutschland" sitzt und es immer noch ein bisschen nach DDR riecht. Ausgerecht dort wollen die beiden Linkspartei-Vorsitzenden Lothar Bisky und Oskar Lafontaine ihren Wahlerfolg von Hessen und Niedersachsen noch einmal deuten.

Lafontaine sagt ein paar Mal "Wir sind über Plan" und lächelt sein spitzbübisches Lächeln. Ausgerechnet im Haus des früheren Zeitungszentralorgans der DDR von der in sozialistischen Staaten früher zum Fetisch erhobenen Planübererfüllung zu reden, kann er sich offenbar nicht verkneifen.

"Das können Sie auszählen"

Auch sonst geht es ausgesprochen selbstbewusst zu bei der Linken, einen Tag nachdem sie in Hessen knapp (5,1%) und in Niedersachsen deutlich (7,1%) den Sprung in die Parlamente schaffte. In Deutschland gebe es jetzt ein stabiles Fünf-Parteiensystem, sagt Bisky. Das sei ein Meilenstein, ein Durchbruch und die Linkspartei sei nun die drittstärkste politische Kraft in Deutschland. Letzteres erklärt er später noch mal etwas umständlich mit den Mandaten in den Parlamenten von Bund, Ländern und Kommunen. "Das können Sie auch auszählen", sagt er in etwas ratlose und fragende Journalistengesichter.

Aber nach solchem Kleinholz bücken sich die beiden an diesem Tag ohnehin nicht weiter. Sie haben den Blick aufs große Ganze gerichtet und das etwas Kleinere aber dafür Vertracktere in Hessen. Man könne der SPD in Hessen schon zur Macht verhelfen, sagt Lafontaine, aber natürlich nur, wenn die sich an ihre eigenen Ziele und Wahlversprechen auch selbst halte. Das ist fast schon dialektisch und damit es nicht so theoretisch daherkommt, schiebt das Enfant terrible der deutschen Politik aber noch hinterher: "Losgelöst vom Programm kriegt keiner einen Scheck."

"Nicht nach der Pfeife von Hern Beck"

Das ist also die Linie der Linken: Eigentlich, so heißt es, vertreten wir und die Sozialdemokraten etwa bei den Themen Bildung, Privatisierung von kommunalen Betrieben oder in der Energiepolitik doch identische Positionen. Nur die Funktionärsebene der SPD sperre sich. Es ist Bisky, der dann als erster die ganz markigen Sprüche auspackt, die wohl ganz gut illustrieren, wie froh man in der Linken ist. "Eine Zusammenarbeit mit der SPD ist immer möglich, aber nicht nach der Pfeife von Herrn Beck", sagt Bisky also. Und: "Wir kriechen nicht der SPD entgegen."

Die Sozialdemokraten bewegen sich zur Zeit aber ohnehin nicht auf die Linkspartei zu. Vor und nach der Wahl haben Beck und die hessische Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti immer wieder ein Bündnis mit der Linkspartei ausgeschlossen. Vier Mal erwähnt Beck am Montag auf einer Pressekonferenz die Partei von Bisky und Lafontaine. Seit dem Landtagswahlabend spricht er von der "so genannten" Linken. Vielleicht in Anlehnung an die früher übliche Redewendung der "so genannten DDR", was den Abscheu vor dem stalinistischen Regime im Osten Deutschlands ausdrücken sollte. Für Beck ist die Linke eine Protestpartei, die weit rechts und links Stimmen sammle. Zwar seien Koalitionsverhandlungen Ländersache, eine Regierung in Hessen werde aber weder in einer Koalition mit der Linken noch durch deren Duldung zustande kommen, so Beck. Er gibt den ruhigen und gelassenen und in der Partei ist auch zu hören, dass man sich in Hessen - wenn nötig - viel Zeit lassen könne.

Bisky bietet Tolerierung an

Es könnte also darauf hinauslaufen, abzuwarten, wer sich zuerst regt. Denn in Hessen stehen die Parteien vor einem Dilemma: SPD-Spitzenkandidatin Ypsilanti lehnt eine Große Koalition ab. Die Ampel von SPD, FDP und Grünen kommt für die FDP nicht infrage. Die Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen wird nicht ernsthaft diskutiert. Ein rot-rot-grünes Bündnis von SPD, Grünen und Linkspartei lehnen neben der SPD auch die Grünen ab. Die Tolerierung eines rot-grünen Bündnisses hatte Linksparteichef Bisky am Morgen unter Bedingungen in einem stern.de-Interview als möglich angedeutet. Lafontaine ließ am Montag aber keinen Zweifel daran, dass die SPD schon über ein nicht allzu tiefes gehaltenes Stöckchen springen müsste, wenn sie auf irgendeine Weise mit der Linken ins politische Geschäft kommen will: "Nur wenn die Inhalte da sind, wird es gehen, sonst nicht." Er greife im Moment nicht zum Telefonhörer, um mal zu sondieren, ob die SPD sich vielleicht bewege, sagte Lafontaine gegenüber stern.de.

Tiefer Riss zwischen Lafontaine und SPD-Politikern

Das Problem zwischen der Linkspartei und der SPD dürfte zudem der tiefe Riss zwischen Lafontaine und den Politikern seiner ehemaligen politischen Heimat sein. "Es ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit", sagte Lafontaine zu Becks mürrischer Rede von der "so genannten Linken". "Mehr gibt es dazu nicht zu sagen", so Lafontaine, der früher SPD-Vorsitzender und Bundes-Finanzminister war, am Rande der Pressekonferenz. Er habe noch nie Politik danach gemacht, ob ihm die Nase eines Partners gefalle, sagt er später im Scheinwerferlicht.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist Lafontaine während der Pressekonferenz dann auch endlich warmgelaufen oder er kann sich nicht weiter zurückhalten. Wie es so die Art des früher gern als "Saar-Napoleon" Betitelten ist, fängt er an, die Fragen der Journalisten zu bewerten. Da wird dann etwas "ganz einfach" oder er klärt auf, dass es sich um eine "Frage des Politikverständnisses" gehandelt habe, bevor er antwortet.

"Natürlich nicht die ganze Flasche"

Dieser Mann ist jetzt also quasi amtlich von den Wählern wieder als das bewertet worden, was er in seinen Augen ist: der Beste. Und dieses Gefühl spricht aus ihm, wenn dieser doch recht kompakte Mann mit leicht schlenkernden Armen und hoch erhobenen Kopf in die nächste Gremiensitzung schreitet. Aber es klingt eben auch ehrlich, wenn er davon spricht, dass er Politik für die kleinen Leute mache, die Hilfe nötig hätten. Natürlich habe er am Wahlabend das amtliche Endergebnis abgewartet: "Das war wichtig", sagt er mit sehr ernster Miene. Danach habe er dann aber doch ein Gläschen guten südfranzösischen Weins getrunken. "Aber natürlich war es nicht die ganze Flasche." Morgens um sechs ist er dann natürlich wieder angetreten, um den etablierten Parteien das Früchten zu lehren.