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Ministerpräsidentin und Landeschefin: Was Schwesigs Kampf gegen den Krebs für die SPD bedeutet

Manuela Schwesig hat gezeigt, was geht: Politisch ging es für sie bisher stets bergauf. Jetzt muss sie gegen eine tückische Krankheit kämpfen. Auch für die SPD ist das eine schlechte Nachricht.

Politikerin Manuela Schwesig

Manuela Schwesig wirkt gefasst, als sie Dienstagmittag im dunkelblauen Kostüm in der Schweriner Staatskanzlei vor die Journalisten tritt und über ihre Brustkrebs-Erkrankung spricht. Ein "riesiger Schock" sei die Diagnose gewesen, sagt die Ministerpräsidentin mit fester Stimme. 

Ein Schicksalsschlag ist eine Krebsdiagnose in jedem Alter, noch einmal schlimmer aber vielleicht, wenn man noch kleine Kinder hat.  Schwesig ist zweifache Mutter. Ihr Sohn Julian ist zwölf, die kleine Julia gerade dreieinhalb Jahre alt. Sie habe eine großartige Familie, sagt die 45-Jährige. 

"Die gute Nachricht ist: Dieser Krebs ist heilbar", zitiert die Staatskanzlei aus der Erklärung, die Schwesig am Vormittag zu Beginn der Kabinettssitzung in Schwerin abgegeben hat. Nach intensiven Gesprächen mit ihren Ärzten sei sie "sehr zuversichtlich", dass sie wieder ganz gesund werde. 

Deshalb wolle sie Ministerpräsidentin und SPD-Landeschefin bleiben. "Allerdings ist auch klar, dass ich in den kommenden Monaten meine Kräfte auf Mecklenburg-Vorpommern, meine Gesundheit und meine Familie konzentrieren muss. Deshalb werde ich meine Parteiämter auf Bundesebene niederlegen", so Schwesig. 

Erkrankung von Manuela Schwesig stellt SPD vor Herausforderungen

Für die SPD ist das eine weitere schlechte Nachricht. Als Schwesig, Malu Dreyer und Thorsten Schäfer-Gümbel Anfang Juni kommissarisch die Nachfolge der zurückgetretenen Parteichefin Andrea Nahles übernahmen, sagte Schwesig: "Wir haben uns diese Situation nicht ausgesucht, aber wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen." 

Die SPD erschien vielen seither trotzdem ziemlich chaotisch, auch als sie sich auf das Verfahren zur Auswahl einer neuen Parteispitze einigte und dabei auf die Bewerbung von Kandidatenduos setzte - sich zunächst aber kaum jemand meldete. Auch Schwesig, die seit Jahren zu den Hoffnungsträgern ihrer Partei zählt, machte schnell klar, dass sie ihren Platz in Mecklenburg-Vorpommern sieht.

Mittlerweile ist das Kandidatencasting in der SPD in vollem Gange, die Regionalkonferenzen der 15 Bewerber sind recht munter. Doch bis es einen neue regulären Vorsitz gibt, dauert sich noch. Bis zum 12. Oktober touren die Anwärter durch Deutschland, dann haben erstmal die Mitglieder das Wort, und der Parteitag vom 6. bis 8. Dezember in Berlin soll die siegreichen Kandidaten noch formell wählen. 

Zunächst führen nun Schäfer-Gümbel und Dreyer die SPD übergangsweise noch zu zweit - aber nur bis zum Wechsel von "TSG" zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) am 1. Oktober. Dann muss Dreyer noch zwei Monate alleine weitermachen. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin versichert: "Die Parteiführung wird nicht erschüttert." 

Dreyer weiß, was es als Politikerin heißt, eine schwere Krankheit öffentlich zu machen. 2006 war das. Seither geht sie offen damit um, dass sie Multiple Sklerose hat, auch eingeschränkt ist beim Laufen, ohne die Krankheit in den Vordergrund zu stellen. In einem "Zeit"-Interview sagte sie einmal: "Körperliche Verletzlichkeit einzugestehen wird von vielen immer noch als Schwäche gesehen - und nicht als mentale Stärke. Deshalb ist dies eine schwere Entscheidung für jeden Politiker, immer noch." 

"Von guten Mächten wunderbar geborgen... Darauf vertraue ich."

Schwesig ist diese Entscheidung nicht erspart geblieben. Bisher hat ihr Weg sie stets nach oben geführt. Ihr Sohn ist noch ein Baby, da tritt sie erstmals politisch in Erscheinung. In Schwerin ist 2007 die fünfjährige Lea-Sophie verhungert. Schwesig ist Fraktionschefin der SPD im Stadtparlament und macht sich im Untersuchungsausschuss zu Lea-Sophie einen Namen. Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) holt sie 2008 als Sozialministerin in sein Kabinett. Fünf Jahre später wechselt sie als Bundesfamilienministerin nach Berlin.

Dann erkrankt Sellering im Mai 2017 an Lymphdrüsenkrebs. Schwesig kehrt auf seine Bitte hin nach Schwerin zurück und wird seine Nachfolgerin. Der Abschied aus Berlin fällt ihr nicht leicht. Doch als stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende behält sie weiter einen Fuß in der Bundespolitik. Und sie meldet sich weiterhin kräftig zu Wort, oft als Stimme der Ostdeutschen. Schwesig ist in der DDR geboren, sie kam 1974 in Frankfurt (Oder) zur Welt. 

Für die vielen Genesungswünsche, die sie in den ersten Stunden nach der Bekanntgabe ihrer Erkrankung erhält, dankt Schwesig am Dienstag auf Twitter mit einer Gedichtzeile des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945): "Von guten Mächten wunderbar geborgen... Darauf vertraue ich. Vielen Dank für die guten Wünsche! Das berührt mich sehr und gibt mir viel Kraft."

Schwesigs Krebserkrankung ist kein Einzelfall, ihr offener Umgang mit der Erkrankung auch nicht. Auch Sellering sagte bei seinem Rücktritt 2017 klar, dass er an Lymphdrüsenkrebs litt. Hessens Regierungschef Volker Bouffier (CDU) und der thüringische CDU-Chef Mike Mohring machten ihre Erkrankung Anfang dieses Jahres publik. Mohring, der seine Behandlung im Juni abgeschlossen hat, tritt bei der Thüringer Landtagswahl Ende Oktober als CDU-Spitzenkandidat an. Sellering sitzt heute wieder im Landtag.

Iris Leithold und Basil Wegener / fs / DPA