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Meinung

Appell im Bundestag: Martin Schulz hätte der Mann des Tages sein können - doch er hat sich vergaloppiert

Ex-SPD-Hoffnungsträger Martin Schulz war schon auf dem Weg, Mann des Tages zu werden. Dann vergaloppierte er sich im letzten Moment. Sein Auftritt für die Demokratie war dennoch wichtig.

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Es war ein starker Moment im Bundestag. , einst großer Hoffnungsträger der SPD und nun einfacher Abgeordneter, musste auf die Rede von AfD-Co-Chef Alexander Gauland unbedingt reagieren. Er tat das, was man sich von Regierungsmitgliedern, gerne auch von der Bundeskanzlerin, längst in dieser Form gewünscht hätte: Schulz stand auf, redete Klartext und forderte, "dass sich die Demokratie gegen diese Leute wehrt." Mit "diesen Leuten" meinte er selbstverständlich die Mitglieder der AfD, die sich mit dem Aufbau von Feindbildern, dem Vorgaukeln einfacher Lösungen für komplexe Probleme und "rhetorischer Aufrüstung" althergebrachter "Mittel des Faschismus" bedienen, so Schulz' treffende Analyse.

Zu recht gab es - von der AfD natürlich abgesehen - aus den Reihen aller Fraktionen lang anhaltenden Applaus, die Genossen erhoben sich gar von den Sitzen. Doch obwohl man Martin Schulz für seinen leidenschaftlichen Appell an alle Demokraten geradezu dankbar sein kann: Schulz wäre nicht Schulz, hätte er sich nicht selbst mit- und letztlich hinreißen lassen. Den viel kritisierten "Vogelschiss"-Spruch von Alexander Gauland aufzugreifen und ihn seinem Schöpfer um die Ohren zu hauen, indem er den AfD-Mann "auf den Misthaufen der Geschichte" wünschte, war schlicht ein Schritt zu viel. Süffisant lächelnd nahm Gauland die Einladung an und durfte prompt entgegnen, dass er "auf diesem Niveau" nicht diskutieren werde. Damit war Schulz' Aufruf einiges an seiner Wirkung genommen.

"Hättest Du geschwiegen", ist man versucht mit dem römischen Gelehrten Boethius zu sagen, "wärest du ein Philospoh geblieben." Das freilich kann nur für Schulz' letzte Sätze gelten. Denn mit dem großen Teil seines leidenschaftlichen Appells hatte der frühere -Kanzlerkandidat vollkommen recht. Die vergangenen, aufwühlenden Tage haben gezeigt, dass die demokratischen Kräfte sich sammeln und endlich laut werden müssen, wenn diese Demokratie gegen Populismus und Rechtsradikalismus verteidigt werden soll. Entscheidend wird dabei sein - anders als Martin Schulz - denen, die seit Monaten "rhetorisch aufrüsten" und Unsagbares sagbar gemacht haben, nicht in die Karten zu spielen.

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