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Interview

"Die Partei"-Chef: "Venedig-Besuche nur noch für Leute mit Abitur": So will Martin Sonneborn das Klima retten

Martin Sonneborn hat angekündigt, mit 20 Klimaforschern auf den vorderen Listenplätzen der "Partei" bei der nächsten Bundestagswahl antreten zu wollen. Was steckt dahinter? Wir haben nachgefragt.

Martin Sonneborn

Für Martin Sonneborn, Chef von "Die Partei", mangelt es im Bundestag an Experten, die wirklich einen Beitrag zur Klimadebatte leisten können. Deshalb hat der EU-Abgeordnete und Satiriker zuletzt in einem Interview mit "T-Online" aufhorchen lassen: Er will mit 20 Klimaforschern auf den vorderen Listenplätzen der "Partei" bei der Bundestagswahl antreten.

Im Interview spricht Sonneborn über die Beweggründe für seine Idee, was er in der Klimapolitik ändern würde – und warum er absolut keine Chance auf einen Einzug der "Partei" in den Bundestag sieht ...

Martin Sonneborn: "Andy B. Scheuert sofort entlassen"

Herr Sonneborn, Sie wollen bei der nächsten Bundestagswahl mit 20 Klimaforscherinnen und -Forschern auf den vorderen Listenplätzen antreten, wie Sie im Gespräch mit "T-Online" ankündigten. Warum?

Weil ich denke, dass deren Sachverstand im Bundestag fehlt. Anders kann ich mir das sogenannte "Klimapaket" der Bundesregierung nicht erklären.

Allerdings diskutieren wir noch, ob wir die Liste nicht auch für Armuts- und Friedensforscher öffnen. Und Soziologen, die verstehen, wie sich die Gesellschaftsstruktur verändert. Ökonomen, am besten Postwachstums-Ökonomen, die eine Alternative zum irren Wachstumsgedanken formulieren. Und Glücks-Ökonomen, Wirtschaftskraft ist in progressiveren Gesellschaften nicht mehr der Maßstab aller Dinge. Historiker. Und Politikwissenschaftler, Philosophen – wir brauchen jemanden, der ethische Grundgedanken formulieren kann. Und einen Germanisten, der alle mit ausreichend Kommata versorgt und die schlimmsten Euphemismen und Phrasen mit dem Rotstift herausstreicht.

An wen denken Sie? Sind Sie schon auf mögliche Kandidatinnen und Kandidaten zugegangen oder umgekehrt?

Wir stehen ganz am Anfang, aber es gibt schon ein knappes Dutzend Initiativbewerbungen, vom HiWi bis zum Professor für Erneuerbare Energien. Ich würde mich freuen über ein paar emeritierte Professoren, denen ein Antreten für die "Partei" nicht mehr die Karriere verhageln kann.

"Ihr Sachverstand fehlt derzeit“, sagten Sie im Gespräch mit "T-Online". Warum sprechen Sie den im Bundestag vertretenden Parteien im Bundestag einen ausreichenden Sachverstand beim Klimaschutz ab? 

Wir haben derzeit eine politische Klasse mit einem ungesunden Übergewicht an Juristen, Verwaltungsfachleuten und Saarländern. Die stehen bestenfalls für  interessenausgleichende Regelwerke, aber kaum für politische Phantasie und Utopien, wie sie heute erforderlich wären. Ich habe in dem Interview auch gedroht, wenn das mit den Wissenschaftlern nicht klappt, stellen wir bei der nächsten Wahl unsere Mütter auf. Und zwar die resoluteren. Dann weht ein anderes Lüftchen im Bundestag!

Was muss sich Ihrer Meinung nach in der deutschen Klimapolitik ändern, wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Die Spielregeln dürfen nicht mehr von der Industrie bestimmt werden. Wir müssen unsere Gesellschaft komplett verändern,  und zwar nicht nur in Bezug auf kostenfreien öffentlichen Nah- und Fernverkehr, autofreie Innenstädte etc. Wir brauchen grundsätzlich eine andere Einstellung zur Produktion, Haltbarkeit, Energiebilanz und Statussymbolik von Geräten.

Ich würde sinnloses Herumgereise verbieten und Venedig-Besuche nur noch Leuten mit Abitur oder guter Begründung erlauben. Die Produktion von Militärprodukten bedeutet eine absurde Verschwendung von Ressourcen. Die Aktionen der US-Streitkräfte belasten unsere Umwelt mehr als viele Kleinstaaten zusammen.  Im übrigen bin ich der Meinung, dass Verkehrsminister Andy B. Scheuert sofort entlassen werden muss.

Warum glauben Sie, dass sich Klimawissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler für "Die Partei" aufstellen lassen würden – wären Sie bei den Grünen nicht besser aufgehoben?

Doch, bestimmt, ich würde mich freuen, wenn die Grünen Wissenschaftler aufstellen würden, sie  werden ja wesentlich mehr Mandate erzielen als wir. Aber der Unterschied liegt auf der Hand: Die "Partei" fordert eine Reduzierung des BIP auf sozial- und umweltverträgliche 50 Prozent. Die Grünen setzen auf ungebremstes Wachstum mit grüner Etikettierung. 

Wie rechnen Sie sich die Chancen für die Partei aus, bei der nächsten Bundestagswahl ins Parlament einzuziehen?

Wir lagen in der EU-Wahl bei 2,4 Prozent bundesweit und haben absolut keine Chance auf einen Einzug. Wenn es aber doch klappen sollte, freue ich mich über etwas mehr wissenschaftlichen Fachverstand und langfristigeres Denken im Bundestag.

Interview: Florian Schillat