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MAUERBAU: Mauern für den Frieden

Am 13. August 1961 ereignete sich im geteilten Berlin das, was viele seit langem befürchtetet hatten. Um 1.05 Uhr erlosch am Brandenburger Tor die Straßenbeleuchtung, Polizisten rammten Betonpfähle in das Pflaster. In kurzer Zeit war das Tor mit Stacheldraht abgeriegelt.

Um 1.05 Uhr erlosch am Brandenburger Tor die Straßenbeleuchtung. Hundertschaften bewaffneter Grenzpolizisten und Kampfgruppenmitglieder rückten von der Ostseite an die Sektorengrenze vor. Im Scheinwerferlicht von Militärfahrzeugen wurden Betonpfähle in das Pflaster gerammt. In kurzer Zeit war das Tor mit Stacheldraht abgeriegelt.

Am 13. August 1961 ereignete sich im geteilten Berlin das, was viele seit langem befürchtetet hatten. Um die Massen-Abwanderung von Arbeitskräften zu stoppen, ließ die DDR eine Mauer errichten. Zu stark war der Flüchtlingsstrom in den Vormonaten angestiegen. So trafen im Juli im West-Berliner Aufnahmelager Marienfelde erstmals seit Anfang der 50er Jahre mehr als 30.000 DDR-Bürger ein. Im August waren es täglich zwischen 1.000 und 4.000.

In der offiziellen Begründung für den Mauerbau war von dem Exodus keine Rede: »Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militärischen Kräfte Westdeutschlands und Westberlins wird eine solche Kontrolle an den Grenzen der DDR einschließlich der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist«, hieß es in einer Erklärung des DDR-Ministerrats.

Mit der Grenzabriegelung beauftragte Staats- und Parteichef Walter Ulbricht den Sekretär des Nationalen Verteidigungsrats, Erich Honecker. Insgesamt rückten fast 20.000 Kräfte von Nationaler Volksarmee (NVA), Volks- und Grenzpolizei, den Kampfgruppen und der Staatssicherheit aus. Nach sechs Stunden war die 155 Kilometer lange Grenze um West-Berlin dicht. Von den insgesamt 81 Grenzübergängen wurden 69 sofort abgeriegelt, fünf weitere in den folgenden Tagen. Die restlichen sieben waren fortan nur noch für Besucher der DDR und den Warenverkehr passierbar.

Empörung und Appelle

Der Westen reagierte mit Empörung, aber auch mit Appellen zur Besonnenheit. Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach in einer ersten Reaktion zwar von einer »ernsten Situation« und einem »offenen Bruch der Viermächteabkommen«. Gleichzeitig rief er allerdings dazu auf »in Ruhe der Herausforderung des Ostens zu begegnen« und auf Maßnahmen der Alliierten zu vertrauen.

Weitaus schärfer äußerte sich der West-Berliner Senat unter Leitung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt. Die Abriegelung bedeute, »daß mitten durch Berlin die Sperrwand eines Konzentrationslagers gezogen wird«, hieß es in einer Erklärung. »Senat und Bevölkerung von Berlin erwarten, daß die Westmächte energische Schritte bei der sowjetischen Regierung unternehmen werden.«

Die Alliierten sahen allerdings keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Den Überlieferungen zufolge soll US-Präsident John F. Kennedy sogar mit einer gewissen Erleichterung auf die Nachricht vom Mauerbau reagiert haben. »Keine besonders angenehme Lösung, aber eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg«, soll er damals nach Angaben von Historikern in vertraulicher Runde gesagt haben.

Mehrere hundert Mauertote

Am 22. August gab das SED-Politbüro die Weisung aus, »daß jeder, der die Gesetze unserer Deutschen Demokratischen Republik verletzt, auch - wenn erforderlich - durch Anwendung der Waffe zur Ordnung gerufen wird«. Zwei Tage später wurde dieser so genannte Schießbefehl erstmals ausgeführt: Bei einem Fluchtversuch wurde der 24-jährige Schneider Günter Litfin aus Ost-Berlin im Humboldthafen in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße von einem Transportpolizisten erschossen. Die Gesamtzahl der Toten durch das DDR-Grenzregime ist bis heute nicht genau ermittelt. Schätzungen reichen bis zu 1.000 Todesfällen.

Die Berliner Mauer wurde in den 28 Jahren ihres Bestehens mehrfach ausgebaut und modernisiert. Die eigentliche Mauer war zuletzt mehr als 100 Kilometer lang und und bis zu 4,20 Meter hoch. Auf dem 30 bis 100 Meter breiten Todesstreifen gab es 300 Wachtürme, 20 Bunker, 260 Hundelaufanlagen und zahlreiche Scheinwerfermasten.

Noch im Januar 1989 verkündete Staats- und Parteichef Erich Honecker: Die Mauer »wird in 50 Jahren und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.« Tatsächlich gab es nach den Recherchen der Berliner Mauer-Experten Hagen Koch und Thomas Flemming Ende der 80er Jahre konkrete Pläne, den »antifaschistische Schutzwall« zur »High-Tech-Mauer 2000« auszubauen. Unter anderem wollte die Grenztruppen-Führung ein elektronisches Überwachungssystem installieren, das Fluchtversuche bereits weit vor der Sperrmauer erkennen sollte.

Die sich überschlagenden Geschichtsereignisse machten den Kommandeuren einen Strich durch die Rechnung. Am 9. November 1989 fiel die Mauer im Zuge der friedlichen Revolution in der DDR.