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MEINUNG: »Ich heuchle kein Eheleben vor«

Ein bekannter CDU-Politiker, der anonym bleiben will, über seine Homosexualität, die Angst vorm Karriereknick und den Umgang mit der Öffentlichkeit.

Ein bekannter CDU-Politiker, der anonym bleiben will, über seine Homosexualität, die Angst vorm Karriereknick und den Umgang mit der Öffentlichkeit

Ich bin schon sehr lange politisch aktiv, aber dass ich schwul bin, weiß ich noch länger. Ich habe in einem bekannten Knabenchor gesungen und war in den zwei Jahre älteren Starsopran verliebt, so wie die meisten anderen Jungs. Damals habe ich mir vorgenommen, dass meine späteren Söhne nie in einem Knabenchor singen dürften, weil es viel zu verführerisch ist. Ich habe mir nämlich lange in die Tasche gelogen, dass ich mal eine Familie gründen würde. Selbst noch im Studium, und das, obwohl ich mich in einen Mitstudenten unsterblich verliebt hatte.

Nachdem Klaus Wowereit, der am Samstag zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt worden ist, sich zu seinem Schwulsein bekannt hat, frage ich mich, ob ich es nun auch tun soll oder nicht. Offen schwule Politiker kommen jetzt mit einer Mischung aus Mitgefühl und Schadenfreude auf mich zu und fragen, wann denn ich dran sei. Vor allem melden sich Journalisten, die immer gleich beteuern, dass ich in ihrem Medium mit einem Coming-out besonders gut aufgehoben sei. Dabei sind manche so befangen, dass ihnen das Wort »schwul« gar nicht über die Lippen geht und sie sich schon taktlos finden, weil sie mich überhaupt fragen.

Wowereit mag Erfolg gehabt haben

Wowereit mag Erfolg gehabt haben. Für mich sprechen trotzdem zwei Gründe dagegen: Erstens möchte ich nicht den Stempel »schwul« aufgedrückt bekommen. Denn dann werden alle meine politischen Äußerungen in einem anderen Licht gesehen. Würde ich mich auf Kulturpolitik stürzen, hieße es bei jedem Ballettbesuch, ich würde mir nur die Tänzer angucken. Würde ich Law- and-Order-Thesen vertreten, würde man mir unterstellen, dass ich als Weichei mit dieser Haltung mein Schwulsein kompensieren will. Ich habe keine Lust, in eine solche Schublade gesteckt zu werden, und ich bin gespannt, wie Klaus Wowereit mit diesem Problem zurechtkommt.

Zweitens: Wozu outen? Ich heuchle kein Eheleben vor, ich verstecke keinen Partner. Warum soll ich über meine sexuellen Vorlieben sprechen, andere Politiker aber nicht? Schwule Funktionäre sagen, es seien Vorbilder gefragt. In der Tat haben die offen schwulen Abgeordneten manches bewegt. Aber was ich tue, muss ich selbst entscheiden können. Von schwulem Missionarstrieb halte ich nichts. Ein Vorbild muss man sein in Aufrichtigkeit – das gilt für alle, nicht nur für Schwule.

Ich würde jedem raten, es ähnlich zu machen wie ich und zumindest im engeren Kreis auch private Dinge zu erzählen. Aber ich will nicht über Leute richten, die in einem schwierigeren Umfeld leben als ich. Ich kann verstehen, dass jemand Angst hat, der sich etwa im Bayerischen Wald zur Wahl stellt. Es muss ein furchtbares Gefühl sein, in der Angst vor einem Outing zu leben,

wenn man glaubt, dass danach die Welt zusammenbricht. Aber eine Charakterschwäche kann ich erst erkennen, wenn einer vor dem Untergang des Abendlandes warnt und dabei selbst durch die Gegend hurt. Wenn Journalisten so eine Täuschung aufdecken, dann ist das auch für mich eine Nachricht wert. Aber so wie ich lebe, täusche ich niemanden. In meinem Umfeld, glaube ich, wissen alle, dass ich schwul bin, auch die örtliche Presse.

Vor 15 Jahren

Vor 15 Jahren sagte mir eine Sekretärin während einer Feier: »Ich weiß alles über Sie, da sind Sie nicht der Einzige in meinem Bekanntenkreis.« Ich bekam Panik und verließ fluchtartig die Party. Damals lebte ich mit meinem ersten Freund zusammen, und mir war wichtig, dass auf dem Klingelschild nur mein eigener Name stand. Inzwischen würde mir so etwas nichts mehr ausmachen. Ich lebe nur einmal, also gehe ich auch dort aus, wo es mir gefällt, und dazu gehört, dass ich öfter schwule Lokale besuche. Ich lasse mir doch mein Leben nicht durch Übervorsicht versauen. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich mit wachsender Gelassenheit immer weniger angreifbar bin.

In meiner Partei, der CDU, können die Leute privat im Prinzip machen, was sie wollen. Das gilt nicht nur für Homosexualität, sondern auch bei Ehekrisen oder Alkoholproblemen. Es wird getratscht, es hat mich auch schon jemand »Schwuchtel« genannt, so wie andere schon mal als »Schnapsdrossel« bezeichnet werden, aber weitere Folgen hat das nicht. Bei uns und in der FDP scheint es sogar lockerer zuzugehen als in der SPD. Ich bin jedenfalls in meiner Partei nicht der einzige Schwule. Das galt auch zu Zeiten, als wir an der Regierung waren. Helmut Kohl soll gesagt haben: »Mir ist es egal, was jemand privat macht.

Ich will es eigentlich nicht einmal wissen, solange es nicht an die Öffentlichkeit kommt.» Ich weiß von einem prominenten Spitzenbeamten, dessen Beförderung mit der Begründung torpediert wurde, dass er als Schwuler erpressbar und deshalb ein Sicherheitsrisiko sei. Kohl hat es nicht gekratzt, der Mann wurde trotzdem befördert.

Probleme durchs Outing

Aber auch für den Fall, dass ich geoutet werde, rechne ich nicht damit, Probleme zu bekommen. Es würden ein paar Artikel geschrieben, und danach wäre das Thema erledigt. Vielleicht würden einige ältere Leute nicht mehr erscheinen, die bei öffentlichen Veranstaltungen an meinen Lippen hängen und mir dann Dinge anvertrauen, die sie mir nie sagen würden, wenn sie

wüssten, dass ich schwul bin. Aber inzwischen traut sich doch keiner mehr, sich offen als Schwulenfeind zu bekennen. Was hinter vorgehaltener Hand getratscht wird, mag teilweise übel sein, hat aber sicher keinen Einfluss auf Abstimmungsergebnisse.

Wenn ich heute in einer Schwulenkneipe stehe, werde ich manchmal angesprochen, aber meist geht es den Leuten dann um Politik. Ich spüre oft Interesse, manchmal sogar Bewunderung dafür, dass ich in der Öffentlichkeit stehe, aber genauso oft auch Gehässigkeit bis hin zum Neid. Schwule sind keine verschworene Gemeinschaft, die mehr zusammenhält als der Rest der Gesellschaft. Mir wurden schon Verhältnisse mit anderen schwulen Politikern unterstellt, es hieß, ich stände auf Sado-Maso-Praktiken. Es wird viel dumm gequatscht, aber das lässt mich kalt. Wenn mir etwas wirklich nahe geht, dann nur eins: dass von meinen vier besten Freunden zwei HIV-positiv sind.

Aufgezeichnet von Werner Hinzpeter