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Nach dem Duell: Jeder hat gewonnen

Es ist fast schon ein Ritual: Nach dem direkten Schlagabtausch zwischen Kanzler Gerhard Schröder und seiner Herausforderin Angela Merkel erklärten die Parteistrategen ihren jeweiligen Kandidaten zum Sieger. Umfragen sehen das anders.

Am Ende gab es einen flüchtigen Händedruck. Die versöhnliche Geste zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Unionskanzlerkandidatin Angela Merkel nach dem TV-Duell genügte der Form. Hinter ihnen lagen 90 Minuten teils aggressiv geführtem Schlagabtausch, in dem sich weder der Amtsinhaber noch die Herausforderin etwas schenkten. Schröder punktete beim Publikum nach den ersten Erhebungen offenbar mit seiner Lockerheit und Späßen, Merkel attackierte den Kanzler äußerlich ruhig, aber in der Sache scharf und überzeugte in den Themenfeldern Wirtschaft und Arbeit. Nach der ersten Umfrage lag der Kanzler indes ganz klar vorn in der Zuschauergunst - vor allem, weil diese ihn glaubwürdiger und sympathischer fanden.

In Blitzumfragen für ARD, ZDF, RTL und SAT1 sahen die Zuschauer mit großer Mehrheit Schröder als den überzeugenderen Politiker an. Zwei Wochen vor der Bundestagswahl lieferten sich Schröder und Merkel am Sonntagabend rund 90 Minuten lang einen Schlagabtausch über alle Felder der Politik und warfen sich gegenseitig vor, Deutschland auf einen falschen Kurs zu führen. Nach einer Umfrage von Infratest-dimap für die ARD erklärten 56 Prozent der Unentschiedenen, der Kanzler sei überzeugender gewesen. Die CDU-Vorsitzende Merkel erreichte nur einen Wert von 19 Prozent. Auf die Frage, ob das Duell hilfreich für ihre Entscheidung gewesen sei, antworteten 46 Prozent der Unentschiedenen mit Ja, 52 verneinten dies. Richard Hilmer von Infratest sagte am Montagmorgen in der ARD: "Es kann jetzt ein bisschen knapper werden als erwartet."

TV-Duell: Wer hat die bessere Figur gemacht?

Schröder hatte in den vergangenen Tagen trotz niedriger Umfragewerte für die SPD Siegeszuversicht demonstriert und diese damit begründet, er werde eine Mehrheit der noch großen Zahl der unentschlossenen Wähler überzeugen können. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch sagte dazu im Deutschlandfunk, der im Umgang mit den Medien gewandte Schröder werde mit seiner Art nach wie vor viele Menschen faszinieren. Der Amtsinhaber habe bei Umfragen im direkten Vergleich immer einen Vorteil, aber Merkel habe durch Sachkenntnis und Schlagfertigkeit Augenhöhe erreicht, sagte der CDU-Politiker. Daher werde der Trend für den Machtwechsel nicht aufzuhalten sein.

Merkel erwischte guten Start

Schröder lag in allen Umfragen mindestens 15 Prozentpunkte vor Merkel. In einer Blitzumfrage des Forsa-Instituts für RTL sahen 54 Prozent der Befragten den Kanzler, nur 31 Prozent CDU-Chefin Merkel als Sieger des Streitgesprächs an. In den ARD- und ZDF-Umfragen sahen knapp 50 Prozent Schröder und rund 30 Prozent Merkel als Gewinner. Merkel überzeugte der ARD-Umfrage zufolge nur in den Bereichen Arbeits- und Familienpolitik. Schröder punktete in der Außen-, Steuer- und Rentenpolitik. Auch im persönlichen Auftreten sahen die Institute Schröder vorn.

Dabei war Schröder gleich zu Beginn des Rede-Duells ins Schleudern gekommen. Beim Vergleich der Schuldenstände von Anfang seiner Amtszeit mit denen von heute, gewannen Beobachter den Eindruck, er wollte vom Ende der Amtszeit sprechen, bevor er sich in die Formulierung "Ende des Jahres" rettete. Doch dann verlegte sich der Kanzler immer häufiger auf Versuche, Merkel und auch die Fragesteller mit Scherzen aus dem Konzept zu bringen.

Steuerpolitik war eines der Hauptthemen

Im ersten direkten Aufeinandertreffen der beiden Kandidaten verteidigte Merkel die Pläne der Union und ihres Kandidaten für das Amt des Finanzministers, Paul Kirchhof, Steuerausnahmen zu streichen und die Steuersätze zu senken. Schröder griff Merkel wegen der Pläne für eine Erhöhung der Mehrwertsteuer an: "Ihr Finanzierungskonzept ist wahrlich auf Sand gebaut." In der 90-minütigen Debatte, die als Höhepunkt des Wahlkampfs gilt, warfen sich die beiden Kandidaten auch persönlich vor, den Aufgaben eines Regierungschefs nicht gewachsen zu sein. In der Debatte griffen sich die beiden Politiker häufig an, waren aber um einen sachlichen Ton bemüht und vermieden Attacken gegen die Person.

Der Streit um die Steuerpolitik und das Modell Kirchhofs prägte weite Teile der Debatte, die Millionen Zuschauer sahen. Merkel verteidigte das Modell mit dem Argument, dadurch würden die Steuern tatsächlich gezahlt und nicht durch Ausnahmen heruntergerechnet. Die Union gebe den Bürgern genug Zeit, sich auf die neuen Regeln einzustellen. Schröder hielt Merkel vor, Kirchhofs Modell mit einer Einheitssteuer von 25 Prozent bei Streichung aller Ausnahmen sei ungerecht. "Man kann ja nicht ein ganzes Volk zum Versuchskaninchen machen."

Keine Mehrwertsteuererhöhung durch die SPD

Schröder bekräftigte, unter einer SPD-Regierung werde die Mehrwertsteuer nicht erhöht. "Wir werden es nicht tun." Eine Erhöhung sei in der jetzigen Konjunkturlage schädlich. "Wir müssen die Binnenkonjunktur stützen." Merkel verteidigte die geplante Erhöhung mit dem Hinweis, die Einnahmen würden zur Senkung der Lohnnebenkosten benutzt, um die Schaffung von Stellen zu erleichtern. "Wir müssen alles unternehmen, um zu sagen: Vorfahrt für Arbeit." Sie warf Schröder vor, kein Rezept gegen die Arbeitslosigkeit von fünf Millionen Menschen zu haben. "Wir können uns nicht abfinden damit, wie es im Moment ist." Schröder betonte, die rot-grünen Reformen zeigten erste Erfolge.

In der Diskussion über die Verwendung der Mehrwertsteuer, warnte er Merkel ironisch vor einer Auseinandersetzung mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU): "Viel Spaß mit Herrn Stoiber, wenn’s ums Geld geht." Als ihm die Moderatoren Äußerungen seines Vizekanzlers und Außenministers Joschka Fischer über eine obligatorische Pflicht der Rentenvorsorge vorhielten, nannte er diesen einen bekannten Rentenexperten. Die Journalistin Maybritt Illner wies er zurecht, als sie Merkel fragte, ob sie garantieren könne, den Finanzexperten Paul Kirchhof zum Finanzminister zu machen: "Nein, das kann sie natürlich nicht, weil sie nicht die Wahl gewinnt."

"Jeder hat seinen Stil"

Alleine seine Antwort auf die Frage nach den Äußerungen seiner Frau, Doris Schröder-Köpf, über Merkels Familienpolitik stieß auf negatives Echo. Bundesinnenminister Otto Schily sagte, das hätte ruhig kürzer ausfallen können. "Aber da hat jeder seinen eigenen Stil." Schröder hatte seiner Frau mitten in der Debatte um die Familienpolitik eine Liebeserklärung gemacht und gesagt: "Sie lebt das, was sie sagt und das ist nicht zuletzt der Grund, weshalb ich sie liebe."

Der Kanzler warf den Mineralölkonzernen vor, durch ihre große Gewinnspannen beim Benzinpreis unverantwortlich zu handeln. Er verwies darauf, dass im Jahr 2003 der Preis für einen Liter Superbenzin etwa 1,10 Euro, jetzt aber etwa 1,45 Euro betrage. "Die Differenz streichen die Mineralölkonzerne ein, und ich halte das für unverantwortlich", sagte er. "Ich erwarte auch von großen Konzernen, dass sie ein Stück weit ethische Verantwortung wahrnehmen und nicht nur ans Geldverdienen denken." Merkel sagte, sie stimme Schröder ausdrücklich zu, wenn er die Verantwortung der Konzerne betone. Sie kündigte erneut an, zu prüfen, ob die Einnahmen aus der Ökosteuer, die nicht in die Rentenkassen fließen, wieder an die Bürger zurückgegeben werden könnten.

Angela, die Kämpferin

Merkel zeigte sich ebenfalls kämpferisch: Sie hielt dem Kanzler frühere Aussagen vor, in denen er Familienpolitik als Gedöns bezeichnet hatte. Sie wies ihn darauf hin, selbst gesagt zu haben, seine Regierung verdiene die Wiederwahl nicht, wenn die Arbeitslosigkeit nicht signifikant sinke. Sie warf Schröder vor, jede Reformidee, die nicht auf seiner Agenda stehe, als Angriff auf den Sozialstaat zu bezeichnen: "Das ist eine Kampagne", sagte sie. Mehrfach hielt sie Schröder vor, die Unwahrheit zu sagen. Soweit, wie Schröder fürchtete, ging Merkel dann aber nicht: "Irgendwann werfen Sie mir auch meine Kindheit vor", hatte der Kanzler prophezeit.

Nach Ansicht des Wissenschaftlers Thorsten Faas von der Universität Duisburg kann die Einschätzung der Zuschauer sich in den kommenden Tagen noch relativieren. Die politische Kommentierung und die Einschätzung der Massenmedien trügen einen erheblichen Teil zur Meinungsbildung über das Gespräch teil. Es gebe jedoch nur eine ganz kleine Gruppe, in der eine TV-Debatte tatsächlich zu einer Entscheidung beitrage, die Uninteressierten und Politikfernen. "Einem überzeugten Anhänger kann der Kandidat auch das Telefonbuch vortragen, er sieht ihn immer noch als Sieger."

Schröder lobt Merkel, Merkel lobt Schröder

In den Parteien selbst kamen die jeweiligen Favoriten gut an. So war der Abgeordnete Schröder über Merkel voll des Lobes. Sie sei die Gewinnerin des Duells und habe in ihrer wesentlich zukunftsgewandter und transparenter gewirkt. "Frau Merkel war hervorragend." Die Abgeordnete Merkel sagte über Schröder: "Der Kanzler hat gewonnen." Er wisse wovon er rede und wie die Menschen lebten. Es sei ihm gelungen, ein positives Bild über Deutschland zu zeichnen. Das Lob ist allerdings kaum verwunderlich. Das CDU-Mitglied Ole Schröder ist Bundestagsabgeordneter aus dem Kreis Pinneberg, während die SPD-Politikerin Petra Merkel sich in Berlin wieder um ein Mandat bewirbt.

AP, DPA, Reuters / AP / DPA / Reuters