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Nach der S21-Volksabstimmung: Verloren, um zu bleiben

Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat die Volksabstimmung verloren. Er kann damit realo-prächtig weiterregieren. Mangels Alternative.

Von Mathias Rittgerott, Stuttgart

Ooooch, oh, aaach", geheucheltes Mitleid ergießt sich über Winfried Kretschmann, als er sich am Sonntagabend vor laufenden SWR-Kameras zum Verlierer erklärt. Die Volksabstimmung über Stuttgart 21 ist verloren. Baden-Württembergs grüner Landesvater knarzt, er "trage schwer" an Volkes Watsche. "Ooooch" johlen die S21-Freunde.

Kretschmann schaut irritiert und fasst sich nach wenigen Sekunden. Johlen ist nicht der Stil des bedächtigen Schwaben. Er ist Realpolitiker. Spätestens seit seiner Wahl wird er sich einen Plan zurechtgelegt haben für den Fall, dass die Mehrheit des Volkes einen Bahnhof haben will, den er ablehnt. Den Tag der Volksabstimmung erklärt er umgehend zum Festtag der direkten Demokratie, spricht von "Charme und Leiden", von "Freude und Demut". Die Nacht nach dem Urnengang ist die Nacht der langen Gesichter, nicht der langen Messer. Köpfe, grüne Köpfe, werden trotz der Niederlage nicht rollen.

Bei der Volksabstimmung hatten am Sonntag 58,5 Prozent der Baden-Württemberger für den Bau von S21 gestimmt, 41,2 Prozent für den Stopp des Megaprojekts. 17 Prozentpunkte Unterschied. Es braucht keine tiefschürfende Wahlanalyse, um festzustellen, wer der politische Gewinner ist und wer der Verlierer. Gewonnen haben die Neubaufreunde CDU, FDP und SPD, verloren die Altbaufreunde - die Grünen. Demokratie kann so einfach sein. Erstaunlich ist dabei, dass eben nicht nur im traditionell schwarzen Oberschwaben die S21-Gegner abgewatscht wurden, sondern auch in Stuttgart, wo bei der Landtagswahl drei der vier Wahlkreise an die Ökopartei gingen. Schlimmer geht's nimmer.

Es gibt keine Alternativen zu Kretschmann

Wie in einem alternativ angehauchten Stuhlkreis möchte man fragen: Du, Grüner, was macht das jetzt mit dir? Bei den Grünen im Ländle, die vor Jahren schon die Fundis besänftigt hat, haben die Realos das Sagen. Ganz realpolitisch kann man sich daher die Alternativen anschauen, wie es weitergeht: Was wäre gewonnen, träte Kretschmann zurück? Nichts. Man kann sich keinen Grünen vorstellen, der geeigneter wäre, die Partei zu führen, während im Schlossgarten die Bagger fahren. Kretschmann ist der geborene Versöhner. Ein Katholik, der die Sachfrage Bahnhof nie zur Glaubensfrage gemacht hat.

Was wäre gewonnen, ließen die Grünen die Koalition platzen, die erste in der Republik, die sie anführen? Nichts. CDU und SPD würden koalieren, die Grünen hätten jede Chance verspielt, von den Regierungsbänken Einfluss auf das Projekt zu nehmen. Kurz wären die Sonnenblumenkinder aufgeblüht, um sich nach einem Sommer selbst zu entleiben.

Was wäre gewonnen, ließe die SPD die Koalition platzen? Nichts. Dann müssten die Sozialdemokraten bei der nächsten Landtagswahl um den Einzug ins Parlament bangen, so gnadenlos würden sie vom Wahlvolk abgestraft - wie jüngst die FDP.

Hermann schluckt Kreide

Und was wäre gewonnen, träte Winfried Hermann (Grüne) zurück? Die Sache ist verzwickter. Der Verkehrsminister sah sich bisher als Verhinderungsminister, nun muss zum verantwortlichen Bauminister mutieren. Er wäre vermutlich beleidigt, sagte man ihm Geschmeidigkeit nach. Doch die legt er im Angesicht des Volkswillens an den Tag. Als ehemaliger Lehrer weiß Hermann mit Kreide umzugehen. Nun schluckt er sie. Das Wahlergebnis "bietet keine Legitimation, Stuttgart 21 zu Fall zu bringen", sagt er. Und erklärt sich öffentlich für den Mann, der vom Ministersessel aus das Projekt am besten überwachen könne. Eben weil er so kritisch sei. Rücktritt? Ausgeschlossen.

Zu seinem Verkehrsminister steht Kretschmann felsenfest, so seine unmissverständliche Botschaft am Wahlabend. Innerparteilich wäre es verheerend, ausgerechnet den Kopf des Widerstandes kaltzustellen. Beide Winfrieds - Kretschmann und Hermann - bleiben Baden-Württemberg erhalten. Alternativlos, auch wenn das ein Unwort ist. Die beiden Hermänner auch - der Verkehrsminister und der selbsternannte Sprecher der so genannten Parkschützer, Matthias von Herrmann.

Die radikalsten unter den S21-Gegnern werden - nach dem Motto: was geht mich die Volksentscheidung an - weiter gegen den Bahnhof anrennen. Auch an dem Tag, an dem der Grüne Kretschmann den Weiterbau mit Polizeihundertschaften durchsetzen lassen muss. Schon jetzt kann man sich ausrechnen, was Winfried Kretschmann sagen wird: "Ich trage schwer daran."