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S21-Volksabstimmung: Das Kreuz mit dem Bahnhof

Der Bahnhofsstreit hat Stuttgart tief gespalten, das zeigt sich auch am Tag der Volksabstimmung - vor dem Wahllokal, im Ratskeller, im Landtag und im Schlossgarten.

Von Mathias Becker, Stuttgart

Diese Stadt geht auf dem Zahnfleisch; wie folgende Szene, die sich gestern vor einem Stuttgarter Wahllokal zutrug, zeigt: Der Reporter steht vor dem Schulgebäude und fragt die Wähler nach ihren Motiven. Er habe für S21 gestimmt, sagt ein graumelierter Herr, dessen Gattin einen Yorkshire-Terrier im Arm spazieren führt. Man dürfe sich dem Fortschritt nicht verschließen. Da platzt einem Wahlhelfer, der gerade Pause macht, der Kragen: "Glauben Sie alles, was die Politiker Ihnen auftischen?", herrscht der Unparteiische den Souverän an. "Da sind doch alles Lügen!" Der um den Fortschritt besorgte, hatte sein Kreuzchen bereit gesetzt. Der Wahlhelfer war nicht als solcher zu erkennen. Beeinflussung fand also nicht statt. Doch der Gefühlsausbruch zeigt, was viele Stuttgarter längst kennen: Man kann nicht mehr nicht dagegen oder dafür sein. Zoff lauert überall.

Er lauerte auch am Esstisch von Holger Eilers*, als seine Zwillinge Hanna* und Lukas*, 8, "oben bleiben" skandierend aus der Schule kamen. Ihre Mitschüler waren mit Protestbuttons behängt im Unterricht erschienen. Die Kosten, sagten sie. Und der Park. "Bitte nehmt zur Kenntnis, dass euer Vater für S21 ist", sagte Holger Eilers, der seine Stimme eben in der Vogelsangschule im Stuttgarter Westen abgegeben hat. Der 46-jährige Unternehmensberater findet: "Dieses Projekt ist wichtig für die Zukunft des Landes." Bei der letzten Landtagswahl habe er grün gewählt. Und als der Stuttgarter Wirtschaftsrat seinen Namen unter eine Pro-S21-Anzeige setzte, ohne ihn vorher zu fragen, sei er ausgetreten. "Das geht gar nicht", sagt Holger Eilers. Und trotzdem sei er für den Bahnhof.

Seine Frau Katharina* findet, der Protest sei nicht ganz falsch gewesen. Und er habe ja auch etwas bewirkt: "Die Menschen haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt." Ihre Kinder kamen über S21 zum ersten Mal mit Politik in Berührung. Aber ist die Volksabstimmung nicht zu kompliziert für Drittklässler? "Mama hat 'nein' angekreuzt, weil wir gegen das Kündigungsgesetz sind", sagt Hanna. Davon habe sie sich in der Wahlkabine persönlich überzeugt. "Wir sind ja für den Bahnhof!" Katharina Eilers lächelt, Kinder übernähmen halt die Meinung der Eltern. Sie wünscht sich, dass der ewige Streit in Job und Freundeskreis abebbe. "Es ist jetzt einfach auch mal gut."

Streit "hängt den Leuten zum Halse raus"

"Ich hoffe, dass der Bahnhof nicht gebaut wird", sagt Anna Schäfer*, die ihre Stimme in der Friedensschule, Stuttgart-West, abgegeben hat. Die 28-jährige Studentin der Sonderpädagogik wurde am 30. September 2010 zufällig Zeugin des des "Schwarzen Donnerstag" im Schlossgarten, als Beamte mit Wasserwerfern, Reizgas und Schlagstöcken gegen Schüler und Rentner vorgingen. Der Einsatz gilt als einer der Sargnägel der früheren CDU-Landesregierung. Ein halbes Jahr später wurde Ministerpräsident Stefan Mappus abgewählt. Und wenn der Bahnhof doch gebaut wird? "Der Frust wäre groß", sagt Anna Schäfer. Sie wolle nicht zehn Jahre lang mit einer gigantischen Baustelle vor der Tür leben, in der sie keinen Sinn sieht. "Eigentlich will ich sowieso aufs Land ziehen", sagt sie. "Wenn der Bahnhof kommt, hätte ich einen Grund mehr."

Am frühen Abend zeichnet sich ab, was alle eigentlich schon wussten: Das Quorum scheint unerreichbar. 2,3 Millionen Baden-Württemberger hatten im März SPD oder Grüne gewählt. 2,5 Millionen hätten gegen den Bahnhof stimmen müssen. Aber allein die SPD-Basis ist in der Frage tief gespalten. Genaues weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht, weil der SWR aus Kostengründen auf Prognosen verzichtet hat. Doch die rund 300 Pro-S21-Aktivisten, die sich im Stuttgarter Ratskeller versammelt haben, stoßen schon mal an. "Ich bin zuversichtlich", sagt Susanne Wetterich mit Blick auf das Sektglas in ihrer Hand. Die Vorsitzende der Stuttgarter Initiative "Wir sind S21" findet "dieser ganze Streit hängt den Leuten zum Halse raus." Eigentlich hätte sie heute mit dem Figuralchor der Gedächtniskirche auftreten sollen. Aber nachdem sie sich monatelang die Beine an Infoständen in den Bauch gestanden hat, will sie den Triumph live miterleben. "Außerdem sind die meisten in meinem Chor S21-Gegner", sagt sie. Normalerweise meide man das Thema. "Das wäre heute wohl kaum möglich."

Kretschmann trägt schwer am Ergebnis

Am Abend platzt das Foyer des Landtags aus allen Nähten. Bei Maultaschen und Wein warten Abgeordnete, ihre Angehörigen und die Presse auf die Ergebnisse. Als die Zahlen aus Pforzheim, Ulm, Karlsruhe, Mannheim nach und nach über die Schirme laufen, brandet Jubel unter den S21-Fans aus. Nicht nur das Quorum scheint nicht erreicht, die Gegner sind nicht mal in der Mehrheit. Am Ende steht es im Land 53 zu 47 Prozent für den Bau. In Stuttgart, wo die Wahlbeteiligung mit fast 68 Prozent am höchsten war, lautete das Ergebnis: 53 Prozent dafür, 47 dagegen.

"Ich trage schwer daran", sagt Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seiner ersten Stellungnahme im Landtag vor laufenden Kameras. Und wiederholte, was er vor der Abstimmung angekündigt hatte: "Als guter Demokrat habe ich das Ergebnis anzuerkennen." Die mit 47 Prozent hohe Wahlbeteiligung sei, trotz allem, ein Grund zur Freude. "Das ist ein guter Tag für die Demokratie", so Kretschmann. Sein SPD-Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid zeigte sich erfreut über den Wahlausgang. Die Koalitionäre bekräftigten ihren Standpunkt, für entstehende Mehrkosten nicht aufzukommen. Bei 4,5 Milliarden sei für sie Schluss. "Da weiche ich keinen Millimeter", so Kretschmann.

S21-Gegner reagieren gespalten

Die Landesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Brigitte Dahlbender erklärte, die Projektgegner würden das Ergebnis akzeptieren. Mahnende Worte richtete sie an die politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen: Die Menschen hätten ihnen vertraut. Sie müssten jetzt dafür sorgen, dass sie Kosten eingehalten werden. Die Opposition aus CDU und FDP im Landtag wiederum warnte die Projektgegner: "Wer jetzt noch protestiert, der outet sich als Undemokrat", so FDP-Fraktionsvorsitzender Hans-Ulrich Rülke.

Im Schlossgarten tanzen die Menschen am späten Abend zu den Trommeln der Percussion-Truppe "Lokomotive Stuttgart" gegen die Kälte und die eigene Sprachlosigkeit. Soll ihr jahrelanger Protest umsonst gewesen sein? Hatten sie nicht die besseren Argumente gehabt? Wir bleiben hier, bis dieser Wahnsinn gestoppt ist, sagen viele Parkbewohner an diesem Abend. Sie hätte ja nie eine realistische Chance gehabt, gegen den Filz aus Politik, Wirtschaft und Presse im Ländle.

"Es wird schwerer werden, aber wir demonstrieren weiter", sagt Beate Würtele, 51, die kurz vor Mitternacht noch am abgerissenen Nordflügel steht und es einfach nicht fassen kann. Die Ergotherapeutin fühlt sich betrogen durch die Abstimmung. "Ich dachte, das wird ein fairer Streit", sagt sie. Doch der Brief, in dem Oberbürgermeister Wolfgang Schuster den Stuttgartern kurz vor der Wahl mit Lügen Angst eingejagt habe, beweise das Gegenteil. "Vielleicht bauen sie ihn ja wirklich", sagt Würtele. "Dann mache ich den Führerschein."

* Namen geändert

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