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Bahnprojekt S21: Der Stuttgarter Glaubenskrieg

Der eine kratzt Aufkleber weg, die andere hat eine tote Ratte in der Post: Die Stuttgarter befehden sich kurz vor der S-21-Abstimmung erbittert. Eine Reportage aus einer geteilten Stadt.

Von Tilman Gerwien und Anna Hunger

Es ist eine sorgfältig geplante Aktion, sie findet jeden Montag statt. Wer mitmachen will, erhält die Koordinaten per Handy oder auf einer eigens eingerichteten Homepage. Treffpunkt diesmal: Königstraße 1A, 19.30 Uhr. Um pünktliches Erscheinen wird gebeten. Gert Walliser und ein Dutzend Helfer schleppen Leitern, Taschenlampen und Kratzer herbei, um das zu entfernen, was die Gegner von Stuttgart 21 auf ihrer wöchentlichen "Montagsdemo" in der Innenstadt hinterlassen haben: Hunderte, Tausende von gelben Anti-S-21-Aufklebern.

Walliser, 51, Hausverwalter aus Bad Cannstatt, hasst diese Aufkleber. Er ist für Stuttgart 21, jenes Milliardenprojekt, mit dem die Bahn den alten Kopfbahnhof zum Durchgangsbahnhof unter der Erde umbauen will. Und er findet, dass das hier ja schließlich auch immer noch seine Stadt ist. Beim Kampf gegen die Kleber schwört er auf kleine, messerscharfe Schaber, wie man sie zum Reinigen von Ceran-Kochfeldern benutzt. "Damit unter 'ne Ecke fahren, vorsichtig drunterheben und das Ding ganz glatt hochziehen. Geht völlig rückstandsfrei."

Plötzlich bauen sich S-21-Gegner vor Wallisers Putztruppe auf. Es werden immer mehr, sie fotografieren und filmen die selbst ernannten Reinigungskräfte, sie pfeifen und brüllen. Walliser tritt den Rückzug an. Aber er will wiederkommen - mit seinem Kratzer. Seit die Bahnhofsgegner von sich behauptet haben, "wir sind das Volk", ist er von seiner Mission erst recht überzeugt: "Ich bin doch auch das Volk. Und ich lasse mir nicht meine Meinung verbieten." Bahnhofsgegner gegen Bahnhofsbefürworter, Parkschützer gegen Proler, das ist in Stuttgart inzwischen mehr als eine politische Meinungsverschiedenheit.

Die gespaltene Stadt

Der Streit, anfangs noch lebendig-kreativ, hat sich zum bizarren Glaubenskrieg ausgewachsen. Gerungen wird nicht mehr nur mit Argumenten, auch mit Einschüchterung, Sabotage, Gewalt. Im engen Talkessel am Neckar kochen die Leidenschaften hoch. Ausgerechnet im Schwabenland, das früher mit seinem beharrlichen Festhalten an Kehrwoche und konservativen Mehrheiten doch noch so beeindruckte. Oder befremdete - je nach Standpunkt. Unlängst erwischte es sogar ein Symbol für die moralische Bigotterie, mit der man sich im kleinbürgerlichen Idyll jahrelang eingerichtet hatte: Im Schlossgarten musste der heimliche Schwulenstrich den "Parkschützern" und ihrem Zeltlager weichen. Jetzt ruft hier eine Pfarrerin zum Gebet im Park. Am Bahnhof legten Anti-S-21-Aktivisten sogar ein "feierliches Gelöbnis" für den Erhalt des alten Gemäuers ab. Die Organisatoren reut das inzwischen: Viele fühlten sich dann doch an unselige Treueversprechen in der Geschichte erinnert.

S 21 hat die Stadt gespalten: Freundschaften sind zerbrochen, Menschen kündigten ihre Arbeit, um sich zu engagieren, andere zogen weg, weil sie den ewigen Zank nicht mehr aushielten. Eine Volksabstimmung soll am Sonntag Klarheit bringen. Rund 7,6 Millionen Baden-Württemberger dürfen ankreuzen: "Ja" für einen Ausstieg der Landesregierung aus der Finanzierung des Projekts - oder "Nein" gegen den Ausstieg und damit für den Weiterbau. Um das Projekt zu stoppen, müssen die S-21-Gegner ein "Quorum" von einem Drittel aller Wahlberechtigten erreichen. Mehr als 2,5 Millionen Stimmen gegen den Neubau - fast unmöglich. Und selbst dann kann die Regierung aus den Verträgen mit der Bahn nur aussteigen, wenn sie nachweist, dass die Kostenobergrenze von 4,5 Milliarden Euro überschritten wird. Gelingt dies nicht, könnte sie aus dem Projekt wahrscheinlich nur aussteigen, wenn sie an die Bahn Schadensersatz zahlt - die Kosten dafür dürften zumindest im dreistelligen Millionenbereich liegen.

Wird S 21 weitergebaut, geht es für Winfried Kretschmann, den ersten grünen Ministerpräsidenten, ums politische Überleben. Der Koalitionspartner SPD ist mehrheitlich für das Projekt, Kretschmann jedoch hatte im Wahlkampf versprochen, alles zu tun, um S 21 zu verhindern.

Tote Ratte als letzte Warnung

Sybille Kleinicke, 46, sitzt im Büro der Parkschützer, einer Souterrainetage, voll gestellt mit Computern und Stapeln von Flugblättern. Die Frau erzählt von dem Paket, das sie vor Kurzem an ihre Privatadresse bekam. "Ich dachte noch: Hey, wer denkt denn da an mich? Ich hab‘ doch gar nicht Geburtstag!" Sie öffnete es und fand darin, eingewickelt in Zeitungspapier: eine tote Ratte. Dazu ein Zettel: "Letzte Warnung. Wenn Du nicht aufhörst, weißt Du, was passiert!" "Da hab ich Angst bekommen", sagt die Rechtsanwaltsgehilfin. Auf Demonstrationen ging sie fortan nur noch vermummt mit Schal und Mütze. Im "Arbeitskreis Jura" berät sie Bahnhofsgegner, die mit dem Staat in Konflikt geraten sind: wegen Sitzblockaden, Sachbeschädigungen, Polizistenbeleidigungen.

Als sie 1995 erstmals von S 21 hörte, dachte sie: "Das werden die nicht im Ernst machen." 2007 unterschrieb sie eine Protestliste. Doch der CDU-Oberbürgermeister und der Gemeinderat erklärten einen Bürgerentscheid für unzulässig. Für Kleinicke der Moment, der ihr Leben veränderte: "Das war mein politisches Erwachen." Der Widerstand kostet Kraft. "Das ist hier nicht Gorleben, wo man einmal aufmarschiert, und dann ist monatelang Ruhe. Wir müssen hier jeden Tag blockieren." Sie kann nicht mehr richtig schlafen, sie quält sich von einer Erkältung zur nächsten - aber je mehr Einsatz die Sache von ihr fordert, desto wütender wird sie. Ihre drei Handys - eins für die Rechtsberatung, eins für Kontakte zu einem "Freund, der vom Staat 'n bissle verfolgt wurde", und eins für sich selbst - sind auch nachts empfangsbereit. Alle Fenster ihrer Wohnung will sie am Tag der Volksabstimmung komplett zuplakatieren. "Ein Leben ohne diesen Protest kann ich mir nicht mehr vorstellen", erzählt sie.

Lesen Sie auf Seite 2, warum ein Proler den Protest der Parkschützer für obszön hält.

Technizistischer Größenwahn

So geht es vielen. Irgendwann sind sie aus ihrer normalen, unauffälligen Existenz herausgefallen, und dieser Bahnhof hat Besitz ergriffen von ihrem Leben, von ihren Biografien, von ihren Seelen. Und jetzt können sie nur noch schwer davon lassen. Der Kampf versorgt mit Energie, Kontakten und Struktur im Alltag, da geht es Anti-S-21-Kämpfern so wie Prolern. Und da es ein sehr deutscher Streit ist, geht es natürlich auch gleich ums Prinzip - so lässt sich das eigene Tun wunderbar veredeln. Oben gegen Unten, Recht gegen Moral, technizistischer Größenwahn gegen schwäbische Sparsamkeit: Wieso den alten Bahnhof abreißen, der ist doch noch gut!

Mancher fühlt sich angesichts der aufgeheizten Atmosphäre offenbar an die größten Abenteuer seines Lebens erinnert: Mit Gehstock bewaffnet streifte unlängst ein älterer Herr durch die Baustellenblockierer und rief in Erwartung des nächsten Polizeieinsatzes: "Der Feind greift immer im Morgengrauen an, ich sage es euch, immer im Morgengrauen!" 2007, als Sybille Kleinicke gegen S 21 unterschrieb, sah Gökhan Sözeroglu, 47, einen Film über den geplanten Tiefbahnhof. Der Film gefiel ihm. Sözeroglu lebt seit 43 Jahren in Deutschland, und er findet, dass seine drei Kinder später Arbeitsplätze brauchen, Wachstum, eine gute Infrastruktur. Er steht im rot-weißen Infomobil der Bahn und macht Werbung für S 21 - ein bezahlter Proler. Nur wegen des Geldes? "Nein! Das wäre ja Prostitution!" Zu Hause hat Sözeroglu den Tiefbahnhof aus Schuhkartons nachgebaut, Löcher reingeschnitten und mit einer Taschenlampe hineingeleuchtet, um zu sehen, wie dunkel es darin sein wird. "Nicht dunkel", sagt er.

Manchmal, erzählt er, stürmen Gegner sein Infomobil, kippen Infostände um und verstreuen seine Broschüren auf der Straße. Einer habe gedroht, es werde Blut fließen. Sözeroglu will sich auf keinen Fall fotografieren lassen. Dass die Gegner ihre Kundgebungen Montagsdemos nennen, als lebten sie in der DDR-Diktatur, dass sie Soli-Adressen richteten an die Freiheitskämpfer von Kairo oder Tunis, findet Sözeroglu obszön und anmaßend. "Wenn ich mit Bekannten in Syrien telefoniere, sagen die: Wir wissen, was ein Polizeistaat ist. Das hier finden die lächerlich."

Ziviler Ungehorsam und Hilflosigkeit

Michael Kaufmann, 59, findet es gar nicht lächerlich. Er weint, wenn er sich an den "schwarzen Donnerstag" erinnert, den 30. September 2010, als die Polizei mit Härte gegen Schüler, Hausfrauen, Rentner vorging, die die S-21- Baustelle blockieren wollten. Kaufmann arbeitet bei einer Lokalzeitung, er stammt aus einer katholischen Familie, war CDU-Stammwähler. Aber jetzt geht es jeden Montag nach Stuttgart zur Demo. Am "schwarzen Donnerstag" hatte er seinen 17-jährigen Sohn dabei. Sie hielten sich in den Armen, Vater und Sohn, sie weinten, vielleicht war es das Pfefferspray der Polizei, vielleicht auch nur die nackte Wut: "Wir waren so hilflos." Viele erproben sich zum ersten Mal in zivilem Ungehorsam. Für manche ist es das erste Mal im Leben, dass sie überhaupt gegen etwas aufbegehren. Und sie erleben: Es ist schön, es fühlt sich gut an. Doch gleichzeitig machen sie in der Konfrontation mit der Polizei eine verstörende Erfahrung: Sie wussten nicht, dass dieser Staat, als dessen Bürger sie sich immer noch begreifen, ihnen so wehtun kann. Das hier ist nicht Berlin-Kreuzberg. Mit Polizeiknüppeln und Wasserwerfern hat man hier wenig Erfahrung.

Egal, wie die Volksabstimmung ausgeht - Michael Kaufmann will weiter zum Bahnhof ziehen und protestieren. Genauso wie Sybille Kleinicke, die wütende, müde Frau mit den drei Handys. Und im Hintergrund wartet dann sicher auch wieder Gert Walliser mit seinem Cerankochfeld-Kratzer.

Sie werden alle wieder da sein, am Bahnhof. Wo sollten sie sonst auch hin?