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Nach Mohammed-Schmähvideo: Deutschland reagiert machtlos und erschüttert

Die Gewalt gegen die Deutschen in der arabischen Welt erschüttert die Politik und die Menschen. Waren sie nicht eigentlich die Guten? Nun zeigt sich: Die Deutschen sind vor allem machtlos.

Von S. Mertens, M. Zapf und M. Borowski

Manfred Rouhs ist ein unauffälliger Mensch, adrett, mit grauem Kurzhaarschnitt und leicht vorstehenden Zähnen. Ein Mann, den man übersehen würde im Alltag. Doch nun hängt die Sicherheit der deutschen Botschaften in der islamischen Welt und vielleicht sogar die Sicherheit das Landes von ihm ab. Der Chef der rechtsextremen Splitterpartei Pro Deutschland hat angekündigt, den antiislamischen Film "Unschuld der Muslime" in voller Länge zeigen zu wollen. "Uns geht es um die Kunst- und Meinungsfreiheit", sagte er dem "Spiegel".

Für die Bundesregierung wäre das ein Albtraum. Nach dem Angriff auf die deutsche Botschaft im Sudan ist die Lage extrem angespannt. Nur keine weitere Eskalation. Entsprechend wütend kommentiert Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich Rouhs' Pläne. Der wolle damit provozieren und "grob fahrlässig Öl ins Feuer gießen". Dagegen werde man mit allen rechtlich zulässigen Mitteln vorgehen. Auch Außenminister Guido Westerwelle wandte sich gegen den Film. Aber, sagt Westerwelle zu den Vorfällen im Sudan: "Die Stürmung unserer Botschaft in Khartoum ist nicht hinnehmbar. Dass eine aufgewiegelte Menge auf deutschen Staatssymbolen herumtrampelt, ist unerträglich."

Das Auswärtige Amt ging auf Nummer sicher

Die deutschen Proteste gegen die Gewalt, die großen Worte gegen den Film und die Ankündigung einer strengen Hand sind nicht mehr als hilfloses Gerassel. Dieser Aufstand gegen die Deutschen in der arabischen Welt hat die Politik und die Menschen in diesem Land kalt erwischt. Waren wir nicht immer zum Dialog mit den Muslimen bereit? Haben wir den Film nicht von Anfang an verurteilt? Ja, sind wir nicht eigentlich die Guten, die Freunde der arabischen Welt? Nun zeigt sich: Die Deutschen werden dort nicht so wahrgenommen, wie sie es wollen. Und, schlimmer noch, ihre Taten und Worten scheinen kaum Einfluss zu haben auf den Verlauf solcher Krisen. Und die sind per se nicht zu verhindern. Radikale Islamgegner wird es immer geben. Keine Regierung kann verhindern, dass Leute wie Rouhs Mohammed-Karikaturen bei Demonstrationen hochhalten oder Schmähfilme eines betrügerischen Amateurfilmers auf ihre Website stellen. Was für eine Ohnmacht!

Und die Reaktion ist Angst. Stücke von Johann Sebastian Bach standen am Sonntag auf dem Programm im Goethe-Institut in Alexandria, Ägyptens Millionenstadt am Mittelmeer. Das Institut ist beliebt bei Ägyptern aller politischen Richtungen und ein wichtiger Träger in Alexandrias magerer Kulturszene. Doch für den ägyptischen Violinisten und die Kammermusiker war "die Sicherheit nicht gewährleistet". Das Auswärtige Amt ging auf Nummer sicher: Schließung aller Einrichtungen in der Region für zunächst zwei Tage. Nicht nur die Botschaften und Konsulate, auch Stiftungen, Entwicklungshilfebüros und das politisch unverdächtige Goethe-Institut. Keine Sprachkurse, kein Konzert. Das hat es selbst während der ägyptischen Revolution nicht gegeben.

Die Bundesregierung war hoch angesehen im Sudan

Die Szenen in Khartoum vom Freitag haben einen Schock bei den Deutschen hinterlassen. Nach dem traditionellen Freitagsgebet marschierte ein aufgehetzter Mob in Sudans Hauptstadt nicht - wie andernorts in der islamischen Welt - zur amerikanischen, sondern zur deutschen Botschaft. Als die Polizei vor Ort eintraf, hatte sich ein Teil der Demonstranten schon Zugang zur Botschaft verschafft. Die Sicherheitskräfte taten wenig dagegen, dass Teile des Gebäudes in Brand gesteckt wurden. Wie konnte das sein? In einem Land wie Afghanistan, wo Deutschland sich mit Bundeswehrsoldaten an einem internationalen Truppeneinsatz beteiligt, hat man sich an Attacken gewöhnt. Aber im Sudan? Die Bundesregierung war hoch angesehen und galt als Freund.

Deutschland hat sich immer viel darauf eingebildet, gute Beziehungen zur arabischen Welt zu haben und dort mehr als andere westliche Länder geschätzt zu werden. Man nimmt sich im Vergleich zu den USA, Großbritannien und Frankreich als kooperativer und sensibler wahr - eine Nation, die auf Entwicklungshilfe und Aufbau statt Krieg setzt, auf Verständnis statt Kritik. In der muslimischen Welt, sei es in Arabien oder im Iran, haben sich die Deutschen als Land ohne koloniale Vergangenheit in der Region eigentlich immer besonders geliebt gefühlt. "Deutsche Kultur und Wissenschaft haben in Sudan einen hervorragenden Ruf", konnte das Auswärtige Amt bisher auf seiner Website über die Beziehungen zum Sudan schreiben. Deutsche Waren erfreuten sich "hoher Wertschätzung". Deutschland sei einer der größten Geber humanitärer Hilfe, und Ziel deutscher Bemühungen sei "eine friedliche, sichere und nachhaltige Entwicklung im gesamten Land".

"Redefreiheit hat ihre Grenzen"

Erst mal vorbei. Die Regierung im Sudan trägt daran eine Mitschuld, sie hat den Zorn angestachelt. Sie steht wegen steigender Kosten für Lebensmittel und Wohnen unter Druck. Was ist einfacher, als diesen auf fremde Ungläubige umzuleiten? Ganz offiziell hatte Sudans Außenministerium Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Erklärung vorgeworfen, sie habe vor zwei Jahren den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard geehrt, dessen Zeichnungen des Propheten Mohammed vor Jahren für Aufruhr in der islamischen Welt gesorgt hatten. Außerdem habe sie nicht verhindert, dass die rechtspopulistische Splitterpartei Pro NRW die Karikaturen bei Kundgebungen zeige. "Die Kanzlerin hat leider eine Beleidigung des Islam begrüßt und damit das friedliche Nebeneinander der Kulturen infrage gestellt."

Und vor dem Höhepunkt der Proteste am Freitag wurde der deutsche Botschafter wegen des Schmähfilms ins Außenministerium zitiert: Die Beleidigung des Propheten Mohammed sei eine "rote Linie" für die muslimische Welt, so die Botschaft. "Redefreiheit hat ihre Grenzen und wird unakzeptabel, wenn sie unsere islamischen Heiligtümer und Figuren berührt", sagte Staatssekretär Rahmat Allah Mohammed Osman laut der staatlichen Nachrichtenagentur Suna. Der Botschafter hätte sich für den Film entschuldigt und seinen Respekt gegenüber dem islamischen Glauben ausgedrückt, hieß es weiter.

Kein Unterschied zwischen USA und Deutschland

Das aber kam bei den Leuten nicht an, die die Botschaft überrannten. Für die Deutschen völlig unverständlich. Dies sorgt dafür, dass neben der Angst auch die Empörung wächst. Die Deutschen fühlen sich ungerecht behandelt. Dies zeigt sich im Wandel des Tonfalls, in der Berichterstattung und in der Politik. "Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass eine deutsche Botschaft gestürmt wird", empört sich "Bild". Und Außenminister Westerwelle wurde ungehalten, als er am Sonntag zum dritten Mal anmahnte, die Sicherheit der Vertretung zu verstärken. "Dass unsere Botschaft trotz vorheriger Aufforderung nicht ausreichend geschützt wurde, können wir nicht akzeptieren", sagte Westerwelle der "Welt am Sonntag". Eine Sprecherin legte am Sonntag nach: Westerwelle fordere "die sudanesische Regierung dringend auf, den Schutz diplomatischer Einrichtungen zu gewährleisten". Die schwarze Dschihadistenflagge war am Sonntag aber noch gehisst.

Wie kann das sein? Viele der Radikalen, die in Diktaturen aufgewachsen sind, ob nun im Sudan, in Libyen, Marokko oder Ägypten, können sich einfach nicht vorstellen, ein in den USA gedrehter Film könne ohne Zustimmung der dortigen Regierung gedreht worden sein. Und sie machen auch keinen Unterschied zwischen USA und Deutschland. "Islamisten differenzieren nicht, für sie ist der Westen gleichgeschaltet", sagt der deutsch-ägyptische Publizist Hamed Abdel-Samad, Autor des islamkritischen Buches "Der Untergang der islamischen Welt". Seine Lösung: Muslime müssten lernen, solche volksverhetzenden Videos "zu ignorieren".

Wie Monty Pythons Kultsatire

Also: eine innere Angelegenheit, Deutschland kann da wenig tun. Ohnmacht eben. Vergleichbar mit dem Schock der Amerikaner über Libyen, wo der US-Botschafter und drei weitere Diplomaten getötet wurden. "Wie konnte das passieren in einem Land, das zu befreien wir geholfen haben, in einer Stadt, deren Zerstörung wir geholfen haben zu verhindern?", fragt US-Außenministerin Hillary Clinton rat- und fassungslos.

Nur eines hofft der Publizist Hamed Abdel-Samad nun: dass Pro Deutschland den Film nicht zeigen darf. "Das ist Volksverhetzung."

Und so hat der Biedermann Manfred Rouhs, dem bei Demonstrationen gerade mal ein paar Dutzend Anhänger folgen, auf einmal die Chance auf großen Einfluss. Dem Prozess, mit dem das Innenministerium droht, sehe er freudig entgegen, schreibt er auf seiner Website. Im November will er "Unschuld der Muslime" zeigen. Schließlich sei der Film nichts anderes als die Kultsatire "Das Leben des Brian" von Monty Python. Nur dass statt Jesus dieses Mal Mohammed "durch den Kakao gezogen" würde. Zu der Vorführung und zur anschließenden Podiumsdiskussion will er auch Berliner Muslime einladen. "Vielleicht lachen sie ja sogar an der einen oder anderen Stelle mit!", so Rouhs. Man muss kein Prophet sein, um das für unwahrscheinlich zu halten.

FTD

Von:

M. Zapf und M. Borowski