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Nach schlechten Umfragewerten: Der angeschlagene Kandidat

Unbeliebter als Guido Westerwelle: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat seine eingeforderte Beinfreiheit bisher wenig gebracht. Auch in der Partei mehren sich die Kritiker. Eine Analyse.

Ruhe sei jetzt oberstes Gebot, betont die SPD. Man dürfe sich von Umfragen nicht kirre machen lassen. Die Partei will keine Zweifel aufkommen lassen, dass sie die Kanzlerkandidatur mit Peer Steinbrück durchziehen wird - denn sie hat kaum eine echte Alternative.

Manuela Schwesig schweigt und greift sich erstmal ihr Wasserglas. Die SPD-Vizevorsitzende trinkt einen Schluck, sagt dann: "Ich nehme die Frage noch mal mit und denke darüber nach." Schwesig war gerade gefragt worden, ob sie in ihrer Partei eine Rebellion oder eine Depression fürchte, wenn es mit dem rot-grünen Wahlsieg in Niedersachsen am 20. Januar doch nicht klappen sollte. Denn der Genosse Trend geht derzeit eher nach unten. Auch wenn es kaum jemand offen sagt: Die SPD fürchtet einen Peer-Steinbrück-Malus - bei den Bürgern schwindet sein Ansehen laut Umfragen dramatisch.

Der 66 Jahre alt gewordene Kanzlerkandidat ist am Freitag auch beim Abschluss der Fraktionsklausur im Berliner Reichstag dabei - pünktlich zum Geburtstag hat Peer Steinbrück am Donnerstag miese Zahlen serviert bekommen. Kommentieren will er sie nicht, er wünscht freundlich "Guten Tag". Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann bemerkt süffisant: "Das sind Umfragen, die immer besser werden."

Die Partei hofft, dass bald wieder der Zustand der schwarz-gelben Koalition und die inhaltliche Arbeit die Schlagzeilen dominieren. Die SPD hat zumindest ein Rentenkonzept, während die von Union und FDP geplante Lebensleistungsrente, bei der Mini-Renten geringfügig mit Steuermitteln aufgestockt werden sollen, wieder auf der Kippe steht. Diese Woche startete die SPD nun eine inhaltliche Offensive. Doch die Vorstöße für mehr Kindergeld für Eltern mit niedrigen und mittleren Einkommen und eine Mietpreisbremse drohen nach wenigen Tagen schon wieder in den Hintergrund zu rücken. In der Partei heißt es, die Medien führten diese Debatten um Steinbrück, nicht aber die SPD.

Eine Mischung aus Kampfgeist, Trotz und Galgenhumor

Es regiert in der Fraktion eine Mischung aus Kampfgeist, Trotz, Galgenhumor und demonstrativer Gelassenheit. Fakt ist aber: Steinbrück ist laut ARD-Deutschlandtrend derzeit unbeliebter als Außenminister Guido Westerwelle (FDP). Im Falle einer Direktwahl, würden 55 Prozent Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wählen, nur noch 30 Prozent Steinbrück. Die SPD ist hier um einen Punkt auf 28 Prozent gesunken. Noch schlimmer sieht die Lage im ZDF-"Politbarometer" aus: Dort sprechen sich im direkten Vergleich 65 Prozent für Merkel (plus 11) aus - und nur noch 25 Prozent für Steinbrück (minus 11). 51 Prozent der Befragten halten ihn für den falschen Kandidaten.

Umfragen sind zwar nur Momentaufnahmen. Und die Intervalle beim Auf und Ab politischer Stimmungen werden immer kürzer. Steinbrück setzt darauf, mit inhaltlichen Akzenten eine Aufholjagd zu starten. Aber ein Wert dürfte zu denken geben: der der Glaubwürdigkeit. Nur 36 Prozent glauben in der ARD-Umfrage, dass Steinbrück sich mehr als Merkel für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Genau dieses Thema aber soll im 150. Jahr des Bestehens der Partei im Mittelpunkt des SPD-Bundestagswahlkampf stehen. Doch ihm als Nebenverdienst-Millionär nehmen dies nicht alle ab - die Auslassungen zur Angemessenheit des Kanzlergehalts haben den Trend nach unten wohl etwas verstärkt.

Zwar ist in Niedersachsen dadurch noch kein Abwärtstrend für die SPD zu erkennen, aber in der ARD-Umfrage ist der Abstand zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb mit 46:45 denkbar knapp. 1998 war der Sieg von Gerhard Schröder das Aufbruchsignal für den Machtwechsel zu Rot-Grün im Bund. Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil will als SPD-Spitzenkandidat nun mit einem rot-grünen Wahlsieg erneut Schwung für den Bundestagswahlkampf aus Niedersachsen liefern. Die SPD sperrt sich verständlicherweise gegen eine Was-wäre-wenn-Diskussion, wenn es plötzlich ein schwarz-gelbes Aufbruchsignal geben sollte. Aber wer sollte auch sonst die Kanzlerkandidatur übernehmen?

Parteiliebling Kraft will immer noch nicht

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, absoluter Liebling der Partei, hat sich fest NRW verschrieben. Und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier wollte zuletzt schon nicht, so dass fast nur Parteichef Sigmar Gabriel übrig bliebe. Die Partei denkt lieber in die andere Richtung: Rot-Grün in Hannover klappt und Steinbrück bekommt so den dringend notwendigen Aufwind. Der einzige Trost: Lieber jetzt im Tief stecken als im Sommer - doch es stellt sich die Frage: Ist Steinbrück schon irreparabel beschädigt?

Eigentlich sollte seine klare Kante der Kanzlerin Paroli bieten, der es 2009 gelang, mit einem einschläfernden Kurs SPD-Wähler von den Urnen fernzuhalten. Steinbrück fordert eine neue Diskussionskultur, ihn wurmt es, dass Äußerungen so aufgebauscht würden. "Böswillig fand ich, dass mir im Nachhinein unterstellt wurde, ich hätte mich für eine Erhöhung des Kanzlergehalts ausgesprochen", betonte er in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

Es ist sicher diskussionswürdig, ob Themen wie etwa die Frage, wie viel ein Pinot Grigio kosten muss, irgendeine politische Relevanz haben. Aber egal, was Steinbrück sagt: Alles kommt gerade auf die Goldwaage. Das nimmt ihm etwas seine so geschätzte persönliche Beinfreiheit.

Georg Ismar, dpa / DPA