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Neuer Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde: Gaucks Erbe

Kleine Überraschung am Rande: Mindestens 26 Mitglieder der Fraktion der Linkspartei wählten am Freitag den neuen Beauftragten der Stasi-Unterlagen-Behörde mit. Wer ist dieser Roland Jahn?

Die Stimmauszählung nach der Wahl des neuen Beauftragten für die Stasi-Unterlagen hat wohl selbst den neuen Beauftragten überrascht: Unter den 579 abgegebenen Stimmen waren nur 21 Nein-Stimmen und 21 Enthaltungen (sowie zwei ungültige Stimmen). Da die Linkspartei mit 70 Fraktionsmitgliedern an der Abstimmung teilnahm, müssen mindestens 26 unter ihnen für Roland Jahn votiert haben - ein hohe Zahl für eine Partei, die das Image hat, die dunkle Seite der DDR-Geschichte am liebsten vergessen zu machen.

Jahn, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und späterer ARD-Journalist, hatte sich am Dienstag in der Linksfraktion vorgestellt. Wie Teilnehmer berichten gab er dort nicht den "harten Hund", sondern verwies darauf, dass jeder Sasi-Fall differenziert überprüft werden müsse. Er habe sich gut verkauft, hieß es. In jedem Fall war die Atmosphäre deutlich besser als bei Gesprächen mit Jahns Vorgängerin Marianne Birthler und deren Vorgänger Joachim Gauck. Wie tief der Graben bisher war, zeigt eine unschöne Szene bei der Verabschiedung Birthlers - bei den Linken rührte sich keine Hand zum Applaus, was bei FDP und CDU scharfe Kritik hervorrief.

Verhaftung wegen eines Fahrrad-Wimpels

Jahn, 57, ist in Jena (Thüringen) geboren, und war einer der unerbittlichen Kritiker des DDR-Systems. Er protestierte gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und verlor deshalb seinen Studienplatz an der Jenaer Uni. Danach war er Transportarbeiter bei Zeiss, setzte seine Proteste aber fort. Auf einer staatlichen Demonstration zum 1. Mai 1977 trug er statt einem Banner mit Pflichtparolen der SED nur ein weißes Plakat. 1982 wurde er verhaftet, weil er einen Wimpel mit dem Emblem der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc an seinem Fahrrad angebracht hatte. Stasi-Chef Erich Mielke ließ Jahn ein Jahr später in die BRD abschieben. Weil er sich wehrte und dableiben wollte, wurde er in einem verriegelten Wagon in den Westen gebracht.

Nun ist Jahn mit der Aufarbeitung der Hinterlassenschaft der Stasi betraut.  "Das ist eine persönliche Genugtuung zu erleben, dass ich als Stasi-Verfolgter jetzt die Akten verwalten darf", sagt er. "Das eröffnet die Möglichkeit, dass ich als Anwalt der Opfer agiere." Einen Schlussstrich unter die Vergangenheit werde er nicht ziehen. Wie lang er als Chef der Stasi-Aktenbehörde arbeiten kann, ist indes offen: Schon die Große Koalition hatte 2008 beschlossen, die Bestände langfristig in das Bundesarchiv zu überführen.

lk/DPA / DPA