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Neuwahlen in Schleswig Holstein: SPD entscheidet über Kurs nach Kiel

Zwei Kandidaten, ein Ziel: Die Spitzenkandidatur der SPD für die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein. Während Fraktionschef Stegner als polarisierend gilt, hat sein herausforderer Albig den Ruf eines Pragmatikers. Es geht deshalb auch um den Kurs der Landes-SPD, die Entscheidung fällen die Mitglieder.

Die Akteure haben monatelang gekämpft, nun müssen sie warten und hoffen: Soll Ralf Stegner für die SPD in Schleswig-Holstein in den Wahlkampf ziehen oder Torsten Albig? Am Samstag wird das Ergebnis eines Mitgliederentscheids bekanntgegeben. Der stark polarisierende Fraktions- und Landesvorsitzende Stegner (51) gibt sich ebenso zuversichtlich wie der smarte Kieler Oberbürgermeister Albig (47). Gut möglich, dass sie in einem Monat in eine Stichwahl müssen, weil keiner im ersten Durchgang die absolute Mehrheit schafft.

Von dem mit Hochspannung erwarteten Ergebnis - auch Insider lehnen Prognosen ab - hängt viel ab. Es geht um die Karrieren von Stegner und Albig, aber auch um eine politische Richtungsentscheidung. Stegner fährt einen linken, sozial betonten Kurs, lässt Finanzierungsfragen im Vagen. Albig, einst Sprecher des früheren Bundesfinanzministers Peer Steinbrück, ist Pragmatiker mit sozialdemokratischem Herzblut; er will Nichtfinanzierbares auch nicht versprechen. Die Mitbewerber - Elmshorns Bürgermeisterin Brigitte Fronzek (58) und Mathias Stein (41) aus Kiel - sind nur Außenseiter.

Die Neuwahl muss nach einem Urteil des Landesverfassungsgerichts bis Herbst 2012 abgehalten werden. Das Gericht hatte nach einem Streit über Ausgleichsmandate das Wahlgesetz als nicht verfassungskonform eingestuft.

Stegners Handicap sind seine Sympathiewerte, die ihn schon als Spitzenkandidaten zur Landtagswahl im September 2009 - wenige Wochen nach dem spektakulären Bruch der großen Koalition - ein besseres Abschneiden kosteten. Damals brach die Nord-SPD auf 25,4 Prozent ein; CDU-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen konnte sich mit ebenfalls schlechten 31,5 Prozent in eine Koalition mit der FDP retten, die nur mit einer Stimme Mehrheit regiert.

Albigs größter Nachteil ist, dass ihn selbst im hohen Norden viele bisher kaum kennen. CDU und FDP hoffen insgeheim, dass Stegner das SPD-Kandidatenrennen gewinnt, weil sie Albig mehr fürchten: Er könnte bei der Neuwahl mehr Stimmen in der Mitte holen. FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki via Twitter: "Ich wünsche mir Stegner, mit Albig könnte die SPD ja gewinnen". So wie es Olaf Scholz in Hamburg mit einem wirtschaftsnahen Kurs geschafft hat.

Der CDU-Fraktions- und Landesvorsitzende Christian von Boetticher mag offiziell weder eine Prognose abgeben noch einen Wunschkandidaten nennen. "Wen immer die SPD wählt - sie wird in Schleswig-Holstein eine extrem linke Partei bleiben", sagt er nur. Boetticher (40) soll am 6. Mai zum CDU-Spitzenkandidaten gekürt werden.

Seit November kamen 5000 Sozialdemokraten und andere Interessierte zu den 16 Vorstellungsrunden, die es quer durchs Land gab. An dem Mitgliederentscheid könnten sich mehr als 10 000 Sozialdemokraten beteiligt haben. Die große Unbekannte sind die vielen "namenlosen" Mitglieder: Es geht diesmal eben nicht um eine Abstimmung auf einem von Funktionären geprägten Parteitag, wo Stegner in den letzten Jahren auch mangels Alternativen immer klare Mehrheiten hatte.

"Ich gehe zuversichtlich in den Sonnabend", sagt Stegner. "Das wird schon klappen", meint auch Albig. Gewinnt Stegner, wird er die SPD wohl so weiter dominieren, wie er es seit seiner Wahl zum Landesvorsitzenden vor vier Jahren getan hat - und Albig bleibt Oberbürgermeister. Triumphiert Albig, wird vieles anders. Schon bei der Neuwahl des Landesvorstandes im April könnte es dann einen Wechsel an der Spitze geben - von Stegner zu Rendsburgs Bürgermeister Andreas Breitner. Dass Stegner und Albig dauerhaft nebeneinander auf Landesebene Spitzenposten einnehmen könnten, gilt als ausgeschlossen.

cjf/DPA / DPA