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Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Ralf Stegner, der Sympathiejäger

Der SPD-Kandidat in Schleswig-Holstein hat ein Problem: Er wird nicht gemocht. Deshalb kämpft Ralf Stegner gegen die CDU, vor allem aber - Stegner gegen Stegner - gegen sein Image. Ein Zwischenstand.

Von Axel Hildebrand, Kiel

Der Mann ist ein Querulant. Ein Besserwisser. Ein Quertreiber. Und ein Egoist. Und es wäre eine Katastrophe, wenn er Ministerpräsident von Schleswig-Holstein werden würde. So ziehen sie in der CDU über den SPD-Spitzenkandidaten Ralf Stegner her. Das allein wäre nicht so schlimm, eine harte Gangart im politischen Nahkampf eben. Schlimm für Stegner ist jedoch, dass viele Wähler das gleiche über ihn denken - selbst eingefleischte SPD-Sympathisanten. Der SPD-Spitzenmann hat ein Sympathie-Problem. Und deshalb hängen Wohl und Wehe der Sozialdemokraten bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein am Sonntag vor allem von einer Frage ab: Wie sehr haben die Wähler gelernt, Ralf Stegner zu lieben? Dabei geht es für die SPD im nördlichsten Bundesland um viel, die Regierungsbeteiligung ist in Gefahr. Bisher regierte in Schleswig-Holstein eine Große Koalition, Stegner zunächst als Innenminister neben Ministerpräsident Peter Harry Carstensen von der CDU. Dass die beiden nicht miteinander können - hier der messerscharf-kluge Doktor Stegner, dort der tapsig-volksnahe Carstensen - war schnell ausgemacht, das Klima war vergiftet. Als es gar nicht mehr ging mit den beiden, gab Stegner seinen Ministerposten auf, übernahm den Fraktionsvorsitz in Kiel - und piesackte Carstensen als SPD-Landeschef. Nun hofft Carstensen, dass es für Schwarz-Gelb reicht, die Umfragen gaben das lange her. Stegner hofft, mit seiner SPD aus dem Umfragetief heraus zu kommen. Er hält sich jede Bündnisoption offen - eine Große Koalition, aber auch Rot-Rot-Grün.

Das Sympathie-Problem war nie so wichtig

Stegners Sympathie-Problem ist nicht neu, aber noch nie war es politisch so wichtig. "Er wird, mit Verlaub, von den Menschen als Kotzbrocken wahrgenommen", behauptete Demoskop und Forsa-Chef Manfred Güllner vor einiger Zeit unverblümt. Stegner hat das Problem erkannt. Wie ein Besessener arbeitet er nun daran, sein Image zu verbessern, unermüdlich, Tag und Nacht, bei jeder Veranstaltung. Sie sollen ihn kennen lernen, den echten Stegner. Wenn sie ihn schon nicht lieben können, dann sollen sie ihn zumindest schätzen, achten. Wegen seiner Besonnenheit. Wegen seiner Vernunft. Deshalb ist er bis nachts um eins auf den Beinen, deshalb klingelt sein Wecker schon wieder morgens um fünf. Manchmal klappt das sogar, das mit dem anderen Stegner. An einem Montag vor der Wahl etwa ist Stegner im Ostsee-Örtchen Haffkrug unterwegs. Er macht Hausbesuche, putzt Klinken. Mit dabei: die Bundestagsabgeordnete Bettina Hegedorn. Stegner ist locker, jovial, spontan, kaum wieder zu erkennen. "Kaum bin ich bei Bettina im Wahlkreis, stehen mir die Haare zu Berge", scherzt er, weil der starke Wind ihm die Haare zerzaust hat. Hagedorn kichert wie ein kleines Mädchen. Auch die überfallartige Begegnung mit dem Wesen Wähler meistert Stegner: Da steht er dann, der Harvard-Absolvent, im akkuraten Dreiteiler, herausgeputzt, als würde ihm gleich der Bundespräsident einen Verdienstorden anheften, klingelt, und verzieht keine Miene, als ihm, in Haffkrug-City, ein Mittfünfziger im weißen Unterhemd die Tür öffnet. Doch, er kann mit Leuten, hält dem verdutzten Mann das Glas mit dem Honig entgegen, dass die Genossen sich als Wahlkampfgeschenk ausgedacht haben. "Reiner Honig", steht darauf. Stegner feixt: "Der Honig ist gut, die Farbe nicht!" Alle lachen. Stegner. Bettina. Und der Wähler. Das gibt Sympathiepunkte. "Und nicht vergessen", sagt Stegner zum Abschied. "Wählen gehen!"

Die Verwandlung kommt innerhalb weniger Stunden

Stegners Problem ist, dass das mit dem anderen Stegner eben nicht immer klappt, auch in diesem Wahlkampf, dass es sogar häufig nicht klappt, dass er sich verwandeln kann, in eine steife, leicht verbiesterte Gestalt. An diesem Montagabend vollzieht sich die Metamorphose binnen weniger Stunden. Denn nur kurz nach den Hausbesuchen in Haffkrug tritt Stegner an diesem Abend zusammen mit Verdi-Chef Frank Bsirske auf, in Kiel. Der Gewerkschafter soll den Kandidaten aufwerten. Bsirske kann Rampenlicht. Er ist braun gebrannt, unendlich entspannt, hört zu, argumentiert, lächelt, antwortet. Für den verwandelten Stegner scheint das Licht dagegen wie eine Foltermethode: Er versinkt im Sessel, sieht Fragesteller kaum an, zupft an seinem Opernball-Dreiteiler, und schließt immer wieder auffallend lang die Augen - eine, zwei, drei Sekunden, so als würde er sich woanders hin wünschen. Und wenn er lächelt, schadet ihm eine mimische Besonderheit: seine Mundwinkel zeigen nach unten. Das alles kostet Sympathiepunkte. Die Bilanz an diesem Abend ist negativ. Gewerkschafter Bsirske zeigt, wie man es besser macht. Das Ringen der beiden Stegners ist für die SPD in Schlewsig-Holstein ein erhebliches Manko. Denn auch wenn Union und FDP in den Umfragen vorne liegen, so ist Carstensen, der sprichwörtliche Landesvater, angreifbar. Es gäbe genug Gründe, den leutselig scheinenden Mann abzuwählen. Sein Krisenmanagement im Umgang mit der HSH Nordbank war dilletantisch, der ziemlich stillose Rauswurf der SPD-Minister nach dem Bruch der Koalition kam auch bei vielen Wählern schlecht an: Die Minister mussten innerhalb weniger Stunden ihre Büros räumen, Carstensen scheuchte sie vom Hof wie Gesindel. Und auch die finanzielle Situation des Landes ist desaströs: Es ist dermaßen verschuldet, dass die nächste Regierung kaum Handlungsspielraum hat.

Das TV-Duell entscheidet

Carstensen oder Stegner? Wer sich am Sonntag durchsetzt, ist derzeit wieder offen wie nie. Nach einer Umfrage von Sat.1 Norddeutschland rutschte die CDU auf das schlechteste Ergebnis der vergangenen Monate ab und kommt derzeit nur noch auf 31 Prozent. Zusammen mit dem Wunschpartner FDP käme Schwarz-Gelb auf 45 Prozent der Stimmen - sechs Punkte weniger als SPD, Linkspartei, Grüne und der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) zusammen. Stegner könnte sich eine Koalition aus verschiedenen Partnern zusammenzimmern. Ausgeschlossen hat er, wie gesagt, gar nichts, in die Ypsilanti-Falle tappt er nicht hinein. Wichtiger als Koalitionspartner ist für Stegner derzeit ohnehin, wer das Duell Stegner gegen Stegner gewinnt - der Locker-Sympathische oder der Miesepeter. Spätestens an diesem Mittwoch wird es wieder spannend. Da treten die beiden gegen Peter Harry Carstensen an, live, im TV-Duell. Wer wird siegen? Nach der Veranstaltung mit Bsirske sitzt Stegner an jenem Montagabend noch im Veranstaltungssaal. Die Zuschauer sind längst gegangen, es ist nicht mehr weit bis Mitternacht. Stegner philosophiert über sein Problem, über sein schlechtes Image. Er streckt die Beine aus, wirkt nachdenklich. "Ich schaffe es halt nicht wie Gerhard Schröder, mein Grinsen anzuknipsen", sagt er. Und dann macht er sich auf, in den Kampf, der vor allem darum geht, endlich gemocht zu werden, zumindest ein bisschen.