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Ole von Beust: Der Gentleman bittet zur Urne

Bei der ersten von 14 Wahlen in diesem Jahr muss die CDU beweisen, dass sie nicht nur Umfragen gewinnen kann. Mit Bürgermeister Ole von Beust präsentiert sie einen Christdemokraten neuen Typs, der auch bei der Konkurrenz Stimmen räubert.

Reden wir darüber, wie Ole von Beust seinen Bauchnabel bedeckt. Mit Sex hat das nichts zu tun. Es geht um Politik und die Mehrheitsfähigkeit der CDU in Hamburg und anderswo. Darum, wie man mit zu kurzen Schlipsen Wähler fängt. Also: Hamburgs Bürgermeister sitzt dort, wo seine Stadt am feinsten ist, im Gästehaus des Senats, inmitten edler Antiquitäten, vorn liegt die Alster, rechts der Feenteich. Er trägt einen schwarzen Dreiteiler zur gräulich-grünen Krawatte. Alles passt perfekt. Und er sagt: "Die Krawatte ist von Ebay. Sechs Stück für 28 Euro." So billig, "weil sie zu kurz ist. Die geht nur mit Weste". Denn am Nabel ist die Seidenpracht zu Ende.

Vor ein paar Minuten hat er - nur zum Spaß, er macht so was gern - Edmund Stoiber imitiert; ein ums andere Mal versuchte er, dessen linkische Handbewegungen hinzukriegen. Er schlüpft in die Rolle des Bayern - und zeigt damit, wie anders er ist als das Traditionsmodell des Unionspolitikers. Stoiber würde solchen Klamauk nie machen und erst recht nicht über verdeckte Unzulänglichkeiten seiner Kleidung sprechen. Aber Ole, der sein Privatleben durchaus zu schützen weiß, macht mit solchen Sachen Stimmung. Seht her: ein smart Shopper. Ein Internet-nutzer. Einer, dem nicht der Muff und die Verkniffenheit der CDU anhaftet.

In Hamburg werden ihn am Sonntag Tausende Leute wählen, die sich nie hätten träumen lassen, dass sie ihr Kreuz einmal bei der CDU machen. Es ist der Auftakt zu 14 Wahlen in diesem Jahr. Und der Test, ob man konservative Politik an eine frustrierte rot-grüne Stammkundschaft verkaufen kann.

Er kennt keine Parteien mehr

"Bürgermeisterwahl" nennt von Beust die Abstimmung, auch wenn eigentlich Parteien und ein Parlament gewählt werden. Er kennt keine Parteien mehr. Das ist natürlich Taktik, aber eine, für die er sich nicht verbiegen muss. Er kann gut mit jedermann; als er jung war, gehörten sogar Maoisten von der "Roten Garde" zu seinen Freunden. Einer von ihnen, nun liberal denkender Vorstand eines Zementwerks, hat ihn kürzlich besucht. "Der hat einen weiten Weg hinter sich", sagt Ole von Beust.

Sein Weg war zwar insgesamt gradliniger; aber im Angesicht der letzten Chance, Bürgermeister zu werden, hat er nach der Wahl 2001 eine Kurve genommen, die ihm heute noch viele verübeln: das Bündnis mit dem "Richter Gnadenlos" Ronald Schill, der mit seiner Populistentruppe fast 20 Prozent der Stimmen abgeräumt hatte. Ausgerechnet dieses Bündnis und dessen zackige Beendigung, als Schill versuchte, ihn mit seiner Homosexualität zu erpressen, machten ihn letztlich zum Helden.

"Das hat schon eine Dialektik", sagt von Beust, den die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte faszinieren, seit er Funktionären der Jungen Union als "Marxismus-Referent" die Gedanken des Klassenfeindes darlegte. Da kennt er sich aus. Wer ihn nur für einen Dauerlächler hält, unterschätzt ihn. Der Mann hat ein geschlossenes Weltbild, dem man mit einem einfachen Rechts-Links-Schema nicht beikommt. Auch das macht ihn, den lange niemand richtig ernst nahm, zum Angstgegner der SPD: Was soll man gegen einen Konservativen machen, der über die Wehrmacht sagt, dass sie als Institution an Verbrechen beteiligt war und dass um diese Erkenntnis gestritten werden müsse, solange sie von Ewiggestrigen bezweifelt werde. Der über Ausländer und die "Bereicherung durch kulturelle Vielfalt" redet wie der Multikulti-Referent: "Unsere Stadt lebt von den Menschen, die hier geboren sind. Und von und mit denen, die dazugekommen sind." Der die Wirtschaft mahnt, nicht nur an Profit zu denken, und Helmut Schmidt zitiert: "Wo Kapitalismus und Moral sich ausschließen, da stecken wir bereits im Sumpf."

Offenbar ein verkappter Sozialdemokrat

Offenbar ein verkappter Sozialdemokrat. "Er meint das alles genau so, wie er es sagt", beteuert Stefan Schulz, einer seiner wenigen engen Freunde. "Aber er war nie links, wenn es darum geht, dass der Staat die Grundbedürfnisse schützen muss - und da steht innere Sicherheit ganz oben." Vielleicht musste er so gestrickt sein, um es mit Ronald Schill zwei Jahre lang auszuhalten. Was Schill als Innensenator tatsächlich getan hat - etwa die Zerschlagung der Drogenszene am Hauptbahnhof - findet von Beust noch immer gut. Das dahinter stehende Menschenbild, die dumpfen Sprüche, das Schüren von Ressentiments gegen Minderheiten - all das hat er um der Macht willen geschluckt und ignoriert und weggedrückt. Auch das ist Carl-Friedrich Arp Ole Freiherr von Beust: Parteitaktiker, Trickser, Intrigen-Handwerker, in 30 Jahren ausgebildeter Profi des Machtgewinns und -erhalts.

Als sein JU-Kumpel Archie vor über 30 Jahren Schülersprecher werden wollte, brachen sie die Vorherrschaft der Linken mit dem vollmundigen Wahlversprechen, einen Cola-Automaten auf den Pausenhof zu stellen. Später dann, in den Neunzigern, als er in der Bürgerschaft CDU-Politik machte, probierte er sich am gehobenen Repertoire der Mauschelei: zum Beispiel, um im Stadtbezirk Wandsbek eine rot-grüne Koalition zu verhindern.

Da schickte er seinen alten Weggefährten Michael Bruhns los, eine große Koalition zu schmieden - was auch klappte, aber nur mit massiven Zugeständnissen an die Sozis. Freund Bruhns wurde dafür bei der nächsten Listenaufstellung der CDU abgestraft. "Ich war ja in die Drecklinie gegangen", sagt Bruhns, der auf Ole - der einst bei ihm zu Hause den Mitgliedsantrag der Jungen Union ausgefüllt hat - dennoch nichts kommen lässt: Schließlich sorgte der dafür, dass Bruhns sein Mandat doch noch behalten konnte. So funktioniert Politik, nicht nur in Hamburg. "Ich bin da kein Heiliger", gibt der arglos lächelnde Jurist von Beust zu.

Das Image der Harmlosigkeit hat nie gestimmt

Das Image der Harmlosigkeit habe sowieso nie gestimmt. Ein Sonnyboy? "Wenn ich drei Stunden in der Sonne bin, bin ich braun. Das mag ein Pigmentfehler sein." Oberflächlich? "Wenn Sie die Gabe des Humors haben, heißt es, Sie machten immer Witze." Dirk Fischer, der Landesvorsitzende der CDU, sagt es so: "Man darf die softe Ausstrahlung nicht falsch verstehen."

Fischer residiert in der CDU-Villa am feinen Leinpfad. Hier wird der Wahlkampf geplant. Im Erdgeschoss sitzt Landesgeschäftsführer Christoph Ahlhaus in einem braun getäfelten Büro und redet. Von der Farbe Orange, "der neuen Corporate Identity der CDU". Davon, wie genau die Bundes-CDU die Hansestadt beobachte. Auch weil die hanseatischen Christdemokraten die Union modern und mehrheitsfähig gemacht hätten. "Wir haben unsere Verkaufsstrategie geändert." Hier in Hamburg, glaubt er, werde "wahrscheinlich stimmungsmäßig eine Vorentscheidung für die Bundestagswahl getroffen".

Wenn die CDU mehr als 42 Prozent schafft, "hätten wir den historisch höchsten Zuwachs, den je eine Partei bei Bundes- oder Landtagswahlen hatte". Denn bei der letzten Wahl fuhr die CDU mit Ole von Beust das grottenschlechte Ergebnis von 26,2 Prozent ein.

Die Alu-Kaffeekanne auf dem Konferenztisch ist so puristisch designt wie die kecken Plakate mit der Liste der Hamburger Wahrzeichen ("Michel, Alster, Ole"). Ahlhaus, gerade mal 34, sieht sich und seinen Laden ganz vorn. Tradition und Moderne. Er liebt Wahlkämpfe wie ein Kaufhauschef lange Samstage vor Weihnachten. Endlich kann die Truppe zeigen, was sie draufhat. Das Produkt ist ein Renner.

"Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand"

Aber der Marketing-Slang des CDU-Managers ist natürlich nur ein Teil der wahren Politik, ebenso wie von Beusts Charme-Offensive. Für die harten Fakten ist vor allem Fischer zuständig, der "souveräne Lotse", wie ihn Ahlhaus nennt. Er sitzt im CDU-Haus über Ahlhaus und hat sein Berliner Bundestagsbüro genau unter dem seines Vorbilds Helmut Kohl, der bei Fischers letztem Geburtstag den Ehrengast gab. Was ein wenig darüber sagt, wie der 60-Jährige denkt. Über den Imagewandel des Bürgermeisters sagt er: "Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand." Böse meint er das nicht. Er schätzt Ole. "In der Welt der Medien ist der kommunikationsstarke Politiker dem anderen überlegen."

Aber, sagt der Parteivorsitzende: "Eine Koalition wird von Parteien geschlossen." Der Senat mache die Tagesarbeit, die Parteien seien für die großen Linien zuständig. Im Wahlkampf, da kümmere sich Ole vor allem um die Außendarstellung. Denn "wer auf dem Bild ist, soll auch sagen, welches ihm gefällt". Die Kaffeekanne ist aus Plastik, das Design aus der Zeit der Nierentische. Einen Computer hat Fischers Büro noch nicht gesehen. An der Wand baumeln rote Boxhandschuhe, die ihm einst Norbert Blüm geschenkt hat. Das ist die andere CDU. Vielleicht ist es die wahre CDU. Nur eben schwer verkäuflich.

Deshalb kommt es auf den von der örtlichen Springer-Presse täglich gefeierten Ole an. Den "hanseatischen Star", wie Ahlhaus ihn nennt. Um Politik und Programme geht es nur am Rande. "Persil", sagt Ole von Beust, schreibe ja auch nicht auf die Plakate "wir haben folgende chemische Zusammensetzung, sondern: "Persil bleibt Persil"." Er wirbt mit Plänen, die seine sozialdemokratischen Vorgänger erfunden haben, wie dem Bau der "Hafencity". Und dabei macht von Beust seinen Job gut - so ähnlich wie ihn wohl auch der kluge und solide SPD-Spitzenkandidat Thomas Mirow machen würde. Oder ein anderer vernunftbegabter Politiker, der eine große Kommune zu verwalten hat. Aber danach fragt keiner. Entscheidend ist der Wohlfühlfaktor. Da schlägt den Ole niemand. Er verbreitet wohl dosierte Nähe, Offenheit und Ehrlichkeit - und ist doch auf eine Art Sicherheitsabstand bedacht, der zu seinem Amt passt, von dem die Leute, wie er sagt, "Autorität" erwarten.

Über das Outing im Nachhinein "sehr froh"

Vielleicht hat Ole von Beust, weil er schwul ist, selten den Fehler gemacht, Parteifreunde und echte Freunde miteinander zu verwechseln. Hartmut Engels, der zwölf Jahre neben ihm in der Bürgerschaft saß, erinnert sich, dass Ole nie der Typ war, der nach der Sitzung routinemäßig an den Tresen wechselte. Sie hatten Spaß zusammen; erfanden Sprüche wie "Was das Fettaug' auf der Brühe, ist für Hamburg Volker Rühe", aber ein Stück Distanz blieb. Selbst als bei Schills Rausschmiss im vergangenen Jahr seine Homosexualität zum Thema wurde, blockte er alle Fragen zum Privatleben ab. Es war sein Vater, dem er sich eng verbunden fühlt, der öffentlich machte: "An der Ostsee merkte man, wem Ole nachguckte - den Jungen." Der "Bunten" sagte der Bürgermeister, er sei über das Outing im Nachhinein "sehr froh".

Die Hamburger lieben ihren Bürgermeister, ob schwul oder nicht. Seltsamer ist, dass sie ihm nicht übel nehmen, was seine Regierung treibt, der sie ein deutlich schlechteres Zeugnis als dem Chef ausstellen. Die SPD ist darüber so verzweifelt, dass ihr Kandidat Mirow auf Plakate schreibt: "Mehr Polizisten auf Hamburgs Straßen. Dafür bürge ich." Das ist ungefähr das Gegenteil der Politik, mit der die SPD in über vier Jahrzehnten Dauerherrschaft die Mehrheit und das Vertrauen der Leute verspielt hat. Die Sozis haben seit Wochen nur eine Hoffnung: dass die Grünen sehr stark werden und die FDP unter fünf Prozent bleibt. Dann könnte es reichen, wie die neue Forsa-Umfrage für den stern zeigt (siehe Grafik). Dann wäre Ole von Beust trotz gigantischer Stimmenzuwächse gescheitert. Es wäre das Ende seiner Arbeit in der Landespolitik.

Ganz am Anfang, als Willy Brandt noch Kanzler war, stand das Flugblatt "Freiheit für Bukowski". Nachts hatten Ole und seine Freunde es bei ihrem Mitschüler Christoph im Keller durch einen alten Matritzenapparat gejagt. Die Tinte klebte noch an ihren Fingern. Ein konservativer Studienrat dachte: Also auch noch Ole. Die radikale Linke, so schien es, war überall. Sie griff nach der Macht. Was zum Teufel hatte der brave Ole mit dem Schmuddel-Dichter zu tun? Die Geschichte war schnell aufgeklärt. Bukowski hieß nicht Charles mit Vornamen, sondern Wladimir. Und er hockte auch nicht an irgendeiner Bar, sondern im sowjetischen Gulag. Der Studienrat, wenn er noch lebt, kann ruhig sein: Nicht die Linken holen den orientierungslosen Ole, sondern der - vielleicht - die orientierungslosen Linken.

Stefan Schmitz / print