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Zum Tod von Philipp Mißfelder "Ich bin der mit der Hüfte"

Philipp Mißfelder
Ecken, Kanten: Mißfelder. Er sprach aus, was sich viele nicht zu sagen trauten, auch in seiner Partei.
© DPA
Philipp Mißfelder hat mit seinen Sprüchen serienweise Schlagzeilen produziert - aber auch seine Partei zum Nachdenken gebracht. Nachruf auf einen Unangepassten.
Von Hans Peter Schütz

Er passte in kein Klischee der CDU. Trotzdem dachten viele - und sagten es auch: Der kann eines Tages den Kanzler geben. Andere lachten über Philipp Mißfelder und spotteten: Der ist doch allenfalls eine Miniaturausgabe seines Förderers Helmut Kohl. Nun hat er die CDU für immer verlassen. Gestorben, erst 35 Jahre jung, an einer Lungenembolie.

Hat er ein warnendes Vorzeichen nicht beachtet? Wochenlang war er in der politischen Szene nicht mehr aufgefallen. Was war geschehen: Vor zehn Wochen war Missfelder nach dem Frühstück mit seiner Frau, einer Medizinerin mit dem Spezialgebiet Hüfte, auf der Treppe ins Stolpern gekommen und danach mit Karacho die Treppe hinuntergefallen.  Hüfte und Rückgrat böse verletzt.

Eigensinn und Empörungsstürme 

Klar, dass der 35-Jährige sogleich mit einem passenden Zitat konfrontiert wurde. 2003 hatte er dicke Schlagzeilen gemacht mit dem provokanten Satz: "Wenn 85-jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der  Solidargemeinschaft bekommen" sei das nicht nachvollziehbar. Davon halte er gar nichts.

Typisch Mißfelder – er hat sich nie gescheut, seine politischen Ansichten auch auf Kosten der eigenen Partei zu verkünden. Ein Empörungssturm tobte anschließend  durch die CDU. Aber je mehr auf ihn einprügelten, desto wohler fühlte er sich in ihren Reihen.

Kauder nennt ihn "Freund" 

Jetzt ist er gestorben, gerade mal 35 Jahre alt. Hinterlässt seine Frau und zwei kleine Kinder. Und Volker Kauder trauert um einen "persönlichen Freund", der "mich auf vielen meiner Reisen begleitet hat".

Einen "Freund" dürften Mißfelder in der CDU nur wenige genannt haben, zu oft hatte er die eigene Partei in den zwölf Jahren, in denen er Bundesvorsitzender der Jungen Union war, mit Standpunkten abseits der Parteilinie zum Kochen gebracht, bis 2014 gehörte er auch dem CDU-Bundesvorstand an. Bis zuletzt zögerte er nie eine Sekunde, wenn es galt,  gegen die "schwarze" offizielle Parteilinie zu verstoßen. Etwa als er an der vom russischen Präsidenten Wladimir Putin ausgerichteten Geburtstagsfeier  für Altkanzler Gerhard Schröder teilnahm, was ihm viele in der Unionsfraktion sehr übel nahmen - zumal er außenpolitischer Sprecher der Fraktion war.

Gegen die Benimm-Regeln

Aber Mißfelder war ein Politiker, der sich den kleinkarierten Benimm-Regeln seiner Branche nie beugte und auf die Frage, ob er denn unbedingt mal Kanzler werden wolle, grinsend antwortete: „Ja, ich träume von der Macht in Legoland!“ Da lächelten viele Parteifreunde abschätzig und wisperten, er sei ja offenbar nicht einmal so alt, wie es im Handbuch des Bundestags stehe. Und dann freuten sie sich wieder, wenn er bei der Weihnachtsfeier der CDU-Fraktion lauter als alle anderen  vor lauter Begeisterung über Angela Merkel "Oh, du fröhliche" sang.

Typisch für ihn, auch, dass er in den letzten Jahren gerne von einem Seniorentreff zum nächsten fuhr und seinem Publikum kess erklärte: "Ich bin der mit der Hüfte!" Mit Hilfe der Senioren-Union hat er dann später auch gegen Merkels Willen seinen Sitz im CDU-Präsidium erobert. Unstrittig ist, dass er von Helmut Kohl sehr viel mehr hielt als von Merkel. Dennoch hat er Kohl nie geduzt. "Ich duze doch nicht den Kanzler der deutschen Einheit." Und unter Merkel litt er, weil sie ihm nie ein klares Kompliment für seine politische Arbeit gemacht hat.

Die Sache mit den Hartz-IV-Sätzen 

Anpassung der politischen Karriere willen, war nicht sein Ding. Aber wo er einen Fehler der CDU zu erkennen glaubte, scheute er sich nicht vor Klartext: Die CDU verabsäume es, klagte er einmal, ihre Stammwähler gezielt emotional anzusprechen. Der Mann, der ihnen die Kunsthüfte abgesprochen hatte, plädierte später dafür, dass man für die  Senioren mehr tun müsse.

In den Reihen seiner zahlreichen Gegner in der CDU und außerhalb wurde er gerne als "Herr Mistfelder" bezeichnet. Erst recht, als er erklärte "die Erhöhung  von Hartz IV war ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie". Andere nickten heimlich, weil er offen aussprach, was sich keiner zu sagen traute. So war es auch, als er die NRW-CDU mal einen "Intrigantenstadl" nannte. Zuletzt war er Schatzmeister des Landesverbandes.

Schlagzeilen fürs Sommerloch

Aus dem Altenschreck der Nation, der im politischen Geschäft gerne mit Krawall operierte, ist am Ende doch ein treuer Interessenwahrer der Senioren geworden. Und die Schlagzeilen, die er so oft der "Bild"-Zeitung verschaffte, waren in seinen Augen allenfalls zum Füllen des medialen Sommerlochs gedacht. Er hätte gerne die CDU zur "bürgerlichen Avantgarde" gemacht, aber das ist ihm nicht gelungen. Die Junge Union hat er auf einem konservativen Kurs gehalten. Als er anfing, zählte sie 130.000 Mitglieder, jetzt sind es 117.000. Dass die Organisation nicht noch stärker geschrumpft ist, ist in Zeiten der Politikverdrossenheit, eine Leistung. Er war ein Politiker mit Ecken und Kanten - er wird im Berliner Betrieb fehlen.


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