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Piraten bei der Landtagswahl im Saarland: Tierliebe Greenhorns

Die Piraten stehen am Sonntag im Saarland davor, in das zweite Landesparlament nach Berlin einzuziehen. Wer an die Saar reist, lernt längst nicht nur Internet-Freaks kennen.

Von Anieke Walter

Das Debüt geschieht einfach. Aber die Fortsetzung ist schwierig. Der zweite Film, das zweite Buch, die zweite Landtagswahl. Niemand will One-Hit-Wonder sein. Alle sind gekommen, um zu bleiben. Auch die Piraten. Vergangenes Jahr feierten sie bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus einen Sensationserfolg: 9 Prozent. Nun stehen die Landtagswahlen im Saarland an. Die Umfragen prognostizieren 6 Prozent. Aber wie geht das eigentlich: Politik, Wahlkampf, Abgeordneter sein?

Heiko Herberg, 24, seit einem halben Jahr Mandatsträger in Berlin, darf sich bereits als Veteran der Bewegung fühlen. Eigentlich ist er Student der Jurisprudenz, uneigentlich Politiker. In seinem Büro, Zimmer 438 im Berliner Abgeordnetenhaus, stapeln sich Unterlagen, Aktenordner, Studien, vom papierlosen Büro kann auch die digitale Avantgarde nur träumen. Auf dem kleinen Besprechungstisch steht eine Flasche Club Mate, darin welkt eine Tulpe vor sich hin. In einer Ecke seines Büros liegen, lose und leer, zig weitere Flaschen.

Charmant unaufgeräumt ist der Raum. Herberg selbst ist es nicht. Geduldig berichtet er darüber, wie man die Fraktionskasse führt, Anträge stellt, Sitzungen absolviert. Das kleine 1 mal 1 der Politik. Sein Zuhörer ist Michael Hilberer, 32, eigentlich Softwareentwickler, uneigentlich Kandidat der Piraten für den saarländischen Landtag. Hilberer, blonde, schulterlange Haare, schwarzes Hemd, szenetypischer Musketierbart, hat gute Chancen, ein Mandat zu erobern. Und so völlig unvorbereitet will er sein neues Leben nicht anfangen. Deswegen sitzt er hier, zur Nachhilfestunde in Berlin. "Ich bin wählen gegangen", sagt Hilberer, "aber sonst hatte ich vor den Piraten mit Politik nichts am Hut."

Parteihopper und Politikneulinge

So geht es vielen Neumitgliedern im Saarland, die Piraten politisieren Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt eigentlich jenseits der Plenarsäle hatten. Aber sie ziehen auch die Karrieristen an, die Querulanten, die Parteienhopper. Andreas Guckert, Chef des Kreisverbandes Saarpfalz, war erst bei den Linken, nun ist er Pirat. "Die Linken sind nicht mehr basisdemokratisch. Politik muss der Bevölkerung dienen. Es darf nur um Inhalte gehen", sagt der 31-jährige zu stern.de. Vor der Berlin-Wahl hatten die Saarpiraten noch 90 Mitglieder, alleine in den letzten vier Wochen sind noch einmal hundert dazu gekommen - nun sind es insgesamt rund 380. Eine Entwicklung, die den kleinen Landesverband schnell an die Grenzen seiner Organisationskraft geführt hat.

"Wir haben uns erst auf Landtagswahlen 2014 eingestellt", stöhnt Jasmin Maurer, 22, Chefin der saarländischen Piraten, die unter dem schönen Namen "Sanguis Draconis" ("Drachenblut") twittert. Doch eine Schonzeit bis 2014 war ihr nicht vergönnt. Im Januar krachte die Jamaika-Koalition der CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer zusammen. Wenig später war der Neuwahltermin am 25. März gesetzt. Und seitdem muss alles hopplahopp gehen. Deswegen reisen die saarländischen Frischlinge nach Berlin. Und deswegen strömen Piraten aus allen Bundesländern ins Saarland. Jeder packt beim Wahlkampf an, wo er kann. Die Hamburger gestalteten die Website, die Berliner designen die Wahlplakate, Helfershelfer kommen von überall her.

Klüngelparadies Saarland

Wie erklärt sich Maurer das steile Wachstum ihres Verbandes und die guten Umfragewerte? "Die Leute haben keine Lust mehr auf die ganze Intransparenz in der Politik", sagt sie. Plausibel ist das im Klüngelparadies Saarland schon: Jeder kennt jeden, jeder hat auch schon mal für jeden gearbeitet, deswegen konnte wohl nur dort eine Jamaika-Koalition zusammenkommen, CDU, FDP und Grüne, normalerweise sind sich zumindest FDP und Grüne spinnefeind. Befördert wurde der Zusammenschluss mit Parteispenden des Unternehmers Hartmut Ostermann, der im Hintergrund die Strippen zog. Da liegt die Idee, für etwas Transparenz sorgen zu wollen, nicht allzu fern.

Das Saarland wäre jedoch nicht das Saarland, wenn es nicht auch bei den dortigen Piraten einige Besonderheiten gäbe. Zum Beispiel die Soziologie der Mitglieder. Es sind eben nicht nur die prototypischen Nerds, wie sie aus Berlin bekannt sind - jung, männlich, internetfixiert. Sondern Menschen aller Altersstufen, aus unterschiedlichen Berufen. Gerd Rainer Weber, 46, freier Kommunikationstrainer, ist so einer. Er stieß vor einem halben Jahr zur Partei. "Bei den Piraten fand ich viele, die nicht politikverdrossen, sondern parteiverdrossen waren", sagt Weber, der nun Vorsitzender im Kreisvorstand Neunkirchen ist. "Ich konnte mich hier sofort inhaltlich einbringen."

Ein Herz für Tiere

So bunt wie der Haufen ist, so bunt ist auch das Programm. Netzpolitische Themen, mit denen die Piraten in Berlin populär wurden, haben keine Priorität. Es geht vielmehr um die Förderung von Nahverkehrsverbindungen, um die Einrichtung von Senioren-WGs und - Achtung! - um die Einführung eines landesweiten Heimtiergesetzes, "das den tierschutzrechtlichen Umgang und die Belange der Heimtiere regeln soll". Die saarländischen Piraten sprechen sich gegen die Videoüberwachung des öffentlichen Raums aus und befürworten die Schuldenbremse. Wie das alles genau umgesetzt werden soll, weiß auch Jasmin Maurer noch nicht. Darin wiederum ähnelt sie den Berlinern. Learning by doing, lautet die Devise, und immer schön basisdemokratisch bleiben.

Bei 6 Prozent steht die Prognose. Aber die Umfrageinstitute haben bei den Piraten eine ziemliche Unschärfe. Denn sie fragen meist nur Menschen ab, die einen Festnetzanschluss besitzen. Die jüngere Generation, die nur noch mobil telefoniert, bildet sich in den Erhebungen nicht angemessen ab. Sie sind aber eine Kernklientel der Piraten. Deswegen könnten aus 6 auch schnell 8 oder 9 Prozent werden. Es wäre ein geradezu sagenhafter Erfolg für die Saarländer Piraten.

Und eine weitere Etappe in der unglaublichen Geschichte der Partei. Nach dem Saarland wird in in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gewählt. Vielleicht ist Nachhilfeschüler Michael Hilberer dann schon einer, der selbst ein paar Tipps geben kann.

Mitarbeit: Lutz Kinkel/print