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Wahlgewinner: Piraten crashen ins Berliner Rathaus

Wahl 2.0: Erstmals hat die Netzgemeinde eine Vertretung in einem Landesparlament - die Piraten. "Krass!" ruft der Vorsitzende. Stimmt.

Von Caspar Schlenk

Zehn Sekunden trennen die Piratenpartei noch von einer Sensation. Gemeinsam zählen sie den Countdown herunter. Dann flimmert die erste Prognose über den Bildschirm. Der orange Balken wächst und wächst und wächst: 8,5 Prozent für die Piratenpartei, 14 Sitze im Abgeordnetenhaus. Tosender Jubel, sie brüllen ihre Freude in die Kameras, springen umher - und ein bisschen fehlen ihnen auch die Worte für ihr Ergebnis bei dieser Berliner Wahl. "Ich kann eigentlich nur sagen: krass!", ruft der Landesvorsitzende Gerhard Anger in Mirkophon. Die Zahl der Kandidaten, die er aufgestellt hat, reichen gerade so für die Zahl der Mandate.

In den Kreuzberger Club "Ritter Butzke" hatten die Piraten geladen. Drinnen trägt fast jeder das Flaggen-Symbol, das Parteilogo. Ein Pirat hat sich gar die Haare orange gefärbt, in der Partei-Farbe. Es sind aber nicht nur bebrillte Nerds da, sondern auch Frauen, Rentner, Kinder, insgesamt über tausend Besucher, darunter zahllose Journalisten und Fernsehteams. Aus Not macht der Clubbetreiber irgendwann den Einlass dicht.

Die gesamte Community hat an diesem Abend ihren Blick auf Berlin gerichtet. Es ist der zweite große Erfolg der Netz-Bewegung in Europa - nach dem Einzug der schwedischen Piraten ins europäische Parlament. "Your Guys are so fucking great", ruft Rickard Falkvinge, der Gründer der Piratenpartei in Schweden auf der Kreuzberger Bühne. "Wir sind eine globale Graswurzelbewegung, die keine Grenzen kennt." Er hat Tränen in den Augen. Auch der Student Gustav Nipe ist extra aus Schweden angereist, um Zeuge dieses Ereignisses zu werden. "Es ist einfach fantastisch", schwärmt er und tippt einige Wörter in sein Handy. Über Twitter sind die Piraten aus ganz Europa mit dabei.

Im linken Lager geangelt

Bei keiner Partei ist die Stimmung so ausgelassen wie bei den Polit-Neulingen, sie geben sich selbstbewusst. "Das Ergebnis müssen wir nicht diskutieren", sagt Spitzenkandidat Andreas Baum in der ARD. "Nicht bei uns", schiebt er nach. Die etablierten Parteien hatten bis zuletzt versucht, die Piraten klein zu reden und als Ein-Themen-Partei lächerlich zu machen. So ganz ist diese Haltung auch nach dem großen Erfolg der Piraten nicht verschwunden. Trotzdem zollen sie Respekt. "Auch von der Konkurrenz können wir was lernen", sagt der Klaus Lederer von der Linkspartei und nickt in der RBB-Gesprächsrunde zu der 19-jährigen Piratenkandidatin Susanne Graf rüber. Die Grüne Claudia Roth schmeißt sich schon mal ran: "Ich heiße die Piraten willkommen an Bord." Die zukünftige Arbeit werde sicherlich "streitbar aber konstruktiv" verlaufen.

Selbst der alte und neue Bürgermeister Klaus Wowereit gesteht ein, dass die Piraten auch ihn Wählerstimmen gekostet haben. Im Interview sagte er: "Die Piraten haben deutlich im linken Lager gefischt." Ersten Analysen zufolge kommen die Wähler zu ungefähr gleich großen Anteilen von SPD, Grünen, Linken und Nichtwählern. Die Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast scheint diesen Erfolg der Piraten noch nicht wahrhaben zu wollen. "Wir sind die Partei mit dem größten Zuwachs", sagte sie im Fernsehen. Im Kreuzberger Club toben die Piraten über solche Aussagen - sie wollen sich den Titel nicht streitig machen lassen. "Lügner, Lügner, Lügner", schreien sie.

"Steile Lernkurve"

Doch wie schlägt sich eine Partei ohne jegliche Erfahrung in der Berliner Kommunalpolitik? "Wir werden eine steile Lernkurve hinlegen", sagt Pirat Christopher Lauer, der auf der Landesliste steht, zu stern.de. Einer aus der Grünen-Fraktion habe "Interessierten" schon mal einen Nachmittag lang erzählt "was so abgeht" im Abgeordnetenhaus. Außerdem hätten einige Mitglieder regelmäßig die Sitzungen im Roten Ratshaus besucht. Der Spitzenkandidat Andreas Baum war ebenfalls einige Male vor Ort. "Ich habe gemerkt, dass man von der Besuchertribüne nicht twittern kann", sagte Baum in der ARD. Das wolle seine Partei ändern.

Inhaltlich gehe es in die "Fundamental-Opposition", sagt Lauer. So fordert die Partei beispielsweise einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, eine "Rauschkunde" über Drogen in der Schule - vor allem aber "Transparenz". Auf Bezirksebene wollen die Piraten beispielsweise alle Dokumente aus den Ausschüssen veröffentlichen. "BVV-Leaks" heißt das Projekt. Bebauungspläne oder Sitzungsprotokolle sollen dann für alle zugänglich im Internet abrufbar sein. Gedanken über rechtliche Konsequenzen machen sie sich nicht. Die meisten Dokumente seien ohnehin öffentlich zugänglich, sagt der Spitzenkandidat Jakob Pfender aus Tempelhof-Schöneberg. "Und wenn nicht, weiß ja niemand, wer das Dokument veröffentlicht hat oder aus Versehen das Band mitlaufen lässt", sagt Pfender und lächelt verschmitzt.

Ungepasst wollen sie sein, unbeholfen wirkt das oft - doch darin liegt auch der Reiz der jungen Partei. Über den peinlichen Fernseh-Auftritt des Spitzenkandidaten Baums vor einigen Wochen schmunzeln die Piraten heute. Auf die Frage, wie hoch die Schulden Berlins seien, hatte Baum geantwortet: "Viele, viele Millionen." Die genaue Zahl hatte er nicht parat. Nun bietet die Partei eine Applikation fürs Handy an, der den Schuldenstand Berlins auf den Cent berechnet. Es sind rund 62 Milliarden Euro.

Blogger Sascha Lobo, der Mann mit dem feuerroten Hahnenkamm, ist auch nach Kreuzberg gekommen, obgleich er mit der SPD "sympathisiert". Er lobt die Parlamentsneulinge: "Die Piraten haben die digitale Vernetzung am besten geschafft." Und er glaubt, dass das auch ein Weckruf an die Etablierten ist: "Die Parteien kommen endgültig nicht mehr am Netz vorbei." Und vermutlich schon gar nicht an dem Thema, das die Piraten so groß gemacht hat: Die unumschränkte Freiheit der Netizens.