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Plädoyer gegen den Euro Sahras Welt


Die Linke - eine AfD für Arme? Das war eine berechtigte Frage in einem kürzlich publizierten Interview mit Sahra Wagenknecht. Denn die Politikerin zündelte abermals am Projekt Europa.
Ein Kommentar von Andreas Petzold

Passend zum Europaparteitag der Linken in Hamburg am Wochenende platzierte Deutschlands Ober-Linke Sahra Wagenknecht ein knackiges Interview auf "Zeit Online". Nach der Lektüre hatte ich nur noch einen Wunsch: Hoffentlich geht endlich mal ein ernstzunehmender Ökonom mit ihr zum Essen und redet ihr diese haarsträubenden Anti-Euro-Thesen aus. Ich zahle auch die Rechnung - versprochen.

Wird die Linke die "AfD für Arme", fragte "Zeit Online" listig und richtig. Denn mit ihrem kruden Anti-Europa-Feldzug fischt Frau Wagenknecht genau dort, wo auch Professor Bernd Luke mit seiner so genannten "Alternative für Deutschland" die Netze ausgeworfen hat. Bei all jenen, die sich mit simpler Anti-Europa und "Schafft-den-Euro-ab"-Rhetorik überzeugen lassen. Wagenknecht legte mit diesem Interview schon mal die Lunte für den Parteitag, damit die Delegierten gleich wissen, womit man später im Wahlkampf zündeln kann. Da kann der Gysi denken und reden was er will.

Bau der Jobvernichtungsmaschine

So plündert Wagenknecht mal wieder richtig ihren Phrasen-Baukasten. Natürlich sei die europäische Kommission für die 19 Millionen Arbeitslosen im Süden Europas mitverantwortlich. Kein Wort davon, dass die verschuldeten Peripherieländer ihre Volkswirtschaften über Jahre hinweg selber nicht richtig gesteuert haben und dass wirtschaftliche Ungleichgewichte innerhalb Europas ebenfalls ursächlich sind für die Staatsschuldenkrise.

Weiter träumt sie von einem "neuen Währungssystem mit stabilen Wechselkursen und Kapitalverkehrskontrollen anstelle des Euro". Nur ist auch dieses Rezept leider schon mal schief gegangen. In den achtziger Jahren hatten sich europäische Kernstaaten zu einem lockeren Währungsverbund verknüpft, der aber nach einigen Jahren wieder zerbrach. Zu verlockend war es, die eigene Währung abwerten zu können. Und wer innerhalb Europas Kapitalverkehrskontrollen einrichten möchte, baut damit auch gleich eine Arbeiplatz-Vernichtungsmaschine. Und das steht auf dem Zettel einer Linken?

Sozialarbeiter am Fallschirm

Der Furor der Linken gegen die EU ging bekanntlich so weit, dass die Partei in der Präambel des Europa-Programms die vermeintliche Brüsseler Gruselburg mit den Attributen "militaristisch, neoliberal und weitgehend undemokratisch" versehen wollte. Immerhin konzediert Wagenknecht in dem Interview, dass sie über die Formulierung "nicht glücklich" war. Sie wurde gestrichen. Aber dann: "In der Sache ist die Kritik natürlich nicht falsch." Was soviel bedeutet wie: Wir sagen es jetzt zwar anders, meinen es aber so! Mit dieser Haltung, die in wichtigen Teilen der Linken verbreitet ist, wird es Gregor Gysi schwer bis unmöglich gemacht, in den nächsten Jahren das rettende Ufer der SPD-Linken zu erreichen – um dort endlich an Land zu gehen und mitregieren zu können.

Und selbstredend spricht sich Wagenknecht auch weiterhin gegen jede Form von Militäreinsätzen aus. Die Alternative sei "humanitäre und finanzielle Hilfe". Wie man mit so einem Ansatz beispielsweise den aktuell stattfindenden Genozid in der zentralafrikanischen Republik befrieden könnte, bleibt ihr Geheimnis. Jedenfalls nicht, indem man Sozialarbeiter mit dem Fallschirm über Krisengebieten abspringen lässt.

Notwendige Selbstfindung

Nun muss man Sahra Wagenknecht zugute halten, dass sie in ihrer eigenen Logik konsistent ihre Positionen beibehält und dafür streitet. Wenn sie aber in ihrer Partei nicht einen ähnlichen Selbstfindungsprozess zulässt wie bei den Grünen, die angesichts des Massakers von Srebrenica auch ihren Pazifismus an der Garderobe abgeben mussten, dann bleibt die Linke eine Fußnote in der Geschichte der Bundesrepublik.


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