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Pressekonferenz von Angela Merkel: Die Gute-Laune-Kanzlerin

Krise? I wo. Dem Land geht's doch prima. Probleme? Krieg' ich in den Griff! In Berlin präsentierte sich am Freitag eine ausgeschlafene Kanzlerin, die alle Schwierigkeiten einfach überstrahlte.

Von Hans Peter Schütz

Regierungssprecher Steffen Seibert wirkte, als gehöre er alsbald in eine Schlafklinik. Übermüdet, kein Fünkchen Leben im Blick, bleiches Gesicht mit roten Flecken. Und neben ihm saß eine Kanzlerin, als komme sie frisch und fit aus einem Urlaub in den Bergen ihres geliebten Südtirols statt aus Brüssel.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag brachte Merkel sieben Stunden Krisengespräch mit Frankreichs Präsident Sarkozy hinter sich, dann einen Sitzungsmarathon über die Euro-Krise in Brüssel vom Donnerstag auf diesen Freitag. Und nun präsentiert sie sich topfit ausgeschlafen im roten Jackett und mit Bernsteinkette der Presse. Und sagt so kraftvolle Sätze wie "Deutschland geht es so gut wie lange nicht". Und lächelt und ballt die Faust für die Fotografen, die sich bei dieser Gelegenheit in der Berliner Bundespressekonferenz zum Termin mit der Kanzlerin dutzendfach eingefunden haben. Die wissen natürlich, dass sie Bilder einer kraftvollen Angela Merkel abliefern müssen. Einer Kanzlerin, die sich rundum als Siegerin gibt.

Die den Raum ihrer Pressekonferenz sogleich mit Siegesmeldungen überschüttet. Das deutsche Wirtschafts-wachstum ist so hoch wie lange nicht, lautet ihr erster Satz. Der zweite: "Die Arbeitslosigkeit ist so tief wie lange nicht!" Es folgen weitere politische Erfolgsmeldungen: Die Jugendarbeitslosigkeit ist seit 2005 um die Hälfte gesunken, die Nettolöhne sind gestiegen! Und dann ein Satz wie ein Fanfarenstoß: "Deutschland geht es so gut wie lange nicht!"

Ist das denn überhaupt jene Kanzlerin, wie sie in allen Medien seit Wochen beschrieben wird? Eine Frau, die laviere und taktiere, alles Mögliche mache, nur nicht führe. Eine Kanzlerin ohne klare Botschaft, der nach der jüngsten stern-Umfrage gerade noch 36 Prozent der Wähler bei einer direkten Kanzlerwahl ihre Stimme geben würden, während 35 Prozent für den SPD-Konkurrenten Frank-Walter Steimeier stimmen würden, wenn der denn anträte. Die Euro-Krise hat Merkel demoskopisch samt ihrer Partei, der CDU, in die Tiefe gerissen.

Die Chance zur Selbstdarstellung

Das alles bedenkt Angela Merkel natürlich bei diesem Auftritt, der die Show einer führungsstarken Regierungschefin bieten soll, die das Heft endlich wieder energisch in der Hand hat nach langen Wochen der politischen Stückelei. Das ist für sie und ihre Koalition überlebenswichtig. Sie weiß genau, jetzt ist die Chance zu dergleichen Selbstdarstellung da. Der Euro-Kurs hat nach der Nacht in Brüssel zugelegt, die Börsen melden spürbaren Auftrieb der Bankaktien. Jetzt will sie den Umfragewerten der CDU aufhelfen.

Natürlich nicht mit Gefühlsausbrüchen, die diese Frau offenbar nur im Fußballstadion kennt. Also verkündet sie gleich mal betont sachlich, dass es zum 1. Januar 2013 Steuerentlastungen geben wird. Dass sie eine Gesundheitsreform auf den Weg gebracht hat. Und weil sie überzeugt davon ist, dass die Sehnsucht nach spektakulären Paukenschlägen allzu menschlich ist, setzt sie schließlich doch selbst einen: "Deutschland wird stärker aus der Krise herauskommen als es rein gegangen ist." Sie sagt es so energisch, dass ihre Halskette arg ins Schaukeln gerät.

Weil viele Merkel-Kritiker in den vergangenen Tagen stets gemosert haben, sie betreibe europapolitisch vorzugsweise Klein-Klein und taktiere im Kampf gegen die europäische Finanzkrise stets mit engem Blick auf die deutsche Innenpolitik, befindet sie selbstbewusst: "Die Anforderung an die Politik ist, stets das Ganze im Blick zu haben." Nach diesem Kernsatz lächelt sie fröhlich und beendet ihre einleitenden Worte auf dieser Pressekonferenz mit dem braven, selbstbewussten Satz: "Danke, dass sie mir zugehört haben."

Zusätzliche Paukenschläge, mehr Pathos gibt es danach nicht mehr. Merkel stichelt ein wenig in Richtung SPD, der sie dankbar sei, ihr bei der Euro-Krise für den Fall von Kampfabstimmungen im Bundestag eventuell Stimmhilfe zu gewähren. Trete sie wieder als Kanzlerkandidatin bei der nächsten Bundestagswahl an? Dazu sagt sie ein siegesgewisses, selbstbewusstes Ja: "Mir macht meine Arbeit Spaß, und es ist nicht abzusehen, dass sich das ändern wird."

"Ich bin eine leidenschaftliche Europäerin"

Von wegen europapolitisches Desinteresse, aufgrund dessen sie zu jedem Schrittchen in Richtung mehr innere Stabilität der Eurozone getragen und gedrängt werden müsste. Fehlt es ihr an Leidenschaft für Europa, weshalb Altkanzler Helmut Kohl ihr schon vorgeworfen haben soll, sie mache sein Europa "kaputt"? Von wegen, sagt Merkel: "Wenn ich für alles so viel Leidenschaft hätte, wie für Europa, könnte ich den Tag mit 48 Stunden füllen." Ihre Zögerlichkeit beim Thema Euro-Schuldenkrise rechtfertigt sie staatspolitisch: "Ich habe eben klare Vorstellungen, was Europa leisten muss, damit die Menschen in Wohlstand leben können." Wer daran zweifelt, kennt Merkel nicht, die sagt: "Ich bin seit jeher eine leidenschaftliche Europäerin."

Ganz so weit, dass sie eventuell deshalb auch einen Teil ihres bevorstehenden Urlaubs ebenfalls in Brüssel auf weiteren Krisenkonferenzen verbringen will, so weit gehe sie in ihrer Leidenschaft für Europa denn doch nicht. Nein, sagt sie, "die Berge sind wieder dabei", eine konkrete Urlaubsplanung mit dem Ziel Brüssel habe sie nicht. Sei ja wohl auch nicht notwendig, fügt sie selbstbewusst hinzu: "Wir wissen, was wir tun müssen, damit wir aus der Krise herauskommen." Waren die vergangenen zwölf Monate ein annus horribilis, ein schreckliches Jahr? Keine Spur, antwortet die Kanzlerin. "Es ist ein Jahr mit sehr, sehr vielen Chancen gewesen."

Und nachdem sie dreimal als Botschaft der Presse verkündet hat, dass sie einen "klaren Plan für maßvolle Steuersenkungen" habe, dass daher diesem Sommer der Entscheidungen ein Herbst der Entscheidungen folge, legt sie sich en passant auch noch schnell mit der Schwesterpartei CSU an. Was sie denn von deren Forderungen nach einer Pkw-Maut halte? Antwort: "Zu meinen Projekten gehört die Pkw-Maut nicht!"

Danach beantwortet sie großzügig zwölf weitere Fragen der Journalisten, ohne viel zu sagen. Denn was sie signalisieren will, hat sie auf dieser Pressekonferenz bereits signalisiert: In meiner Ruhe liegt die Kraft.