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Presseschau Bundeswehr-Video: Truppe in der Kritik

Zeigt das Bundeswehr-Video, dass die Truppe ein Problem mit rassistischen Soldaten hat? Oder wurde hier nur ein "popkulturelles Zitat" falsch verstanden? Ein Blick in die Kommentare der Tageszeitungen.

Ein eineinhalb Minuten langes Video, das stern.de entdeckt hatte, sorgt für Wirbel. Darin wird einem Grundwehrdiener mit einem Maschinengewehr von seinem Vorgesetzten befohlen, beim Feuern an "Afroamerikaner" in der Bronx zu denken und "motherfucker" zu rufen. Der Vorfall hatte sich in der Feldwebel-Schmid-Kaserne im schleswig-holsteinischen Rendsburg im Juli 2006 ereignet.

Das Verhalten der Bundewehr war zwiespältig: erst wurde zugegeben, seit etwa Januar "Kenntnis" von dem Vorfall zu besitzen, dann wurde nachgelegt, dass auch schon gegen den fraglichen Ausbilder ermittelt werde. Erst als die Meldungen über Existenz und Inhalt des Videos auch in den USA und dort im New Yorker Stadtteil Bronx angekommen waren und für Proteste sorgten, reagierten Bundeswehr und Verteidigungsministerium. Der Ausbilder wurde entlassen. Wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Dienstag mitteilte, verliert der Soldat damit auch seinen Dienstgrad und seinen Anspruch auf Dienstbezüge.

"Flensburger Tageblatt" (Flensburg)

Diesmal soll sich ein Rekrut vorstellen, auf Farbige zu schießen und dabei Worte wie "Motherfucker" rufen. Ein andermal hängt an der Heeresschule in Dresden die Hakenkreuz-Fahne stundenlang im Fenster. In Coesfeld können bei zur Schau getragener Gleichgültigkeit des Kompaniechefs so genannte Unterführer Rekruten quälen. Und in Afghanistan macht die Bundeswehr mit Totenkopf-Fotos Werbung für den Staatsbürger in Uniform. Die meist stereotyp vorgetragene Erklärung der Bundeswehr, dass es sich um Einzelfälle handele, kann nicht mehr akzeptiert werden. Wenn sich die Bundeswehr als Spiegelbild der Gesellschaft versteht, muss die Frage erlaubt sein, wie lange sich die politische und militärische Führung noch hinter den rassistischen und extrem-politischen Auswüchsen in der Gesellschaft verstecken will.

"Rheinische Post" (Düsseldorf)

Die Bundeswehr sorgt mal wieder für negative Schlagzeilen, nachdem sie mit den Totenschädelbildern in Afghanistan und den Foltervorfällen in Coesfeld schon in die Kritik geraten war. Nun entfacht sie Empörung jenseits des Atlantiks, weil ein Video aufgetaucht ist, in dem Wehrdienstleistende zum Schießen auf Afroamerikaner in der Bronx aufgefordert werden. Das ist ein Fall von Rassismus, der aufgeklärt und geahndet werden muss. Dies sollte schnell geschehen, denn anderenfalls gerät die Truppe in den Verdacht, sich vom Bild des Bürgers in Uniform zu verabschieden zugunsten eines Rambo-Typen, der niederwalzt, was sich ihm entgegenstellt. Bundeswehrsoldaten stehen international an vielen Brennpunkten der Erde. Sie tragen dort ihre Haut zu Markte, sie leisten einen guten Dienst, sei es in Afghanistan, vor der Küste des Libanon oder auf dem Balkan. Doch genau aus diesem Grunde darf international das gute Image der Soldaten durch Einzelfälle mangelnder Führung oder fehlender Sensibilisierung mancher Ausbilder nicht beschädigt werden. Es sind die Negativbeispiele, die sich festhaken und der gesamten Truppe schaden. Innere Führung und Vorbilder bleiben notwendig, um abschreckenden Fehlleistungen Einzelner begegnen zu können.

"Südwest Presse" (Ulm)

Bei solch offensichtlichem Fehlverhalten muss die Bestrafung am besten möglichst schnell erfolgen. Es sind immer wieder solche Einzelfälle, die dem Ansehen der Truppe schaden. In Münster stehen gerade 18 Ausbilder vor Gericht, die ihre Soldaten misshandelt haben sollen. Die widerlichen Totenkopf-Bilder aus Afghanistan sind auch noch in schlechter Erinnerung. Aber es sind, muss man zur Rettung der Bundeswehr-Ehre anführen, eben doch nur Einzelfälle in der gelegentlich rauen und - trotz der Verstärkung durch die Soldatinnen - eben doch eher machohaften Männerwelt des Bundeswehr. Jedem Feldwebel ist glasklar, dass ein Verhalten wie in Rendsburg verboten ist. Genau das macht ja den Reiz des Verstoßes aus. Man kann die Ratlosigkeit im Verteidigungsministerium über diesen Vorfall nachvollziehen. Was kann man denn machen gegen solche Ausreißer? Dagegen kann man beim besten Willen nicht anerziehen.

"Die Tageszeitung" (Berlin)

Man sollte sich den Videoclip genau anschauen, der nun in den USA für Aufregung sorgt, bevor man von einem neuen Bundeswehr-Skandal spricht: "Sie sind jetzt in der Bronx", herrscht der Ausbilder da einen Rekruten an, nachdem dieser vorher schon eine Gruppe imaginärer Terroristen erschossen hat. "Ein schwarzer Van hält vor Ihnen. Drei Afroamerikaner steigen aus und beleidigen Ihre Mutter aufs Gröbste." Der Rekrut kichert, der Ausbilder befiehlt: "Vor jedem Feuerstoß will ich ein lautes 'motherfucker' hören, ja?" Der Rekrut gehorcht, schreit "Motherfucker!" und schießt.

Rassismus hört sich anders an. Es fällt nicht nur keines der berüchtigten N-Worte. Der Ausbilder ist sogar auf der Höhe der politisch korrekten Wortwahl, wenn er von "Afroamerikanern" spricht, die dem schwarzen Van entsteigen. Jeder, der einmal eine Hiphop-Platte gehört oder ein Videospiel wie "Grand Theft Auto" gespielt hat, weiß, was diese beiden Soldaten machen. Sie stellen ein popkulturelles Szenario nach, in dem "Bronx" als Chiffre für "gefährliche Gegend" gilt, "Motherfucker" die gängige Beleidigung ist und die Gangster eben Afroamerikaner sind. All dies gehört zur globalen Zeichensprache des Pop - so wie der stereotype Nazi, der seit Jahrzehnten seinen Dienst als Hollywood-Bösewicht tut, ohne dass jemand dabei ausgeprägte Deutschenfeindlichkeit unterstellen würde.

Zu sehen, wie Soldaten auf Menschen schießen, ist sicher nicht schön. Und dieses Handwerk mit privaten Egoshooter-Vorlieben zu verbinden mag fragwürdig erscheinen. Ein Skandal ist es nicht.

Warum also die ganze Aufregung in den USA? Warum fordert Adolfo Carrion, der Bürgermeister der Bronx, die Bundeswehr müsse sich entschuldigen? Warum appelliert der Bürgerrechtler Al Sharpton ausgerechnet an den ihm verhassten George W. Bush, den Vorfall "zu verurteilen"? Es ist ein bisschen wie beim Karikaturenstreit: Bilder, die hierzulande harmlos erscheinen, können in einem anderen Kontext eine ganz andere Brisanz erhalten. Und mit ihnen lässt sich, wie in diesem Fall in New York, recht einfach und risikolos Lokalpolitik machen.