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Privatschule: Schade, Nena!

Sie träumten von einer Schule, an der Kinder lernen dürfen, wie sie es wollen. Eine Schule, an der Schüler und Lehrer gleich viel zu sagen haben. Tatsächlich aber ist der Alltag auf der von Popstar Nena in Hamburg gegründeten Privatschule chaotisch

Von Catrin Boldebuck

Alles an dieser Schule ist ungewöhnlich: Ins Leben gerufen wurde sie von einem Popstar. Das Konzept ist radikal. Und anstelle von harten Schulbänken stehen gemütliche Sofas in den Räumen. 85 Kinder zwischen fünf und 18 Jahren gehen seit September 2007 auf die private "Neue Schule Hamburg", gegründet von der Sängerin Nena, ihrem Lebensgefährten, dem Musikproduzenten Philipp Palm, und zwei Eltern.

In Hamburg-Rahlstedt haben sie eine weiße Gründerzeitvilla gekauft und renoviert. Auf den Holzdielen liegen dicke Teppiche und Sitzkissen, sogar ein Flügel wurde für die Kinder angeschafft. Ein Labor lädt zum Experimentieren ein. Es gibt teure Computer und ein Aquarium. Lehrer und Schüler essen gemeinsam an einem großen Tisch im Keller, vor allem vegetarisch - Nena isst kein Fleisch.

Die Ganztagsschule ist Nenas Mission: "Das ist Teil meiner Aufgabe in diesem Leben", erzählte sie bei Reinhold Beckmann in der Talkshow. Auf Konzerten wirbt die 47-Jährige, bürgerlich Gabriele Susanne Kerner, um Spenden. Drei ihrer vier Kinder gehen auf die Schule. "Nena hat ihr ganzes Leben mit dieser Schule verquickt", sagt ein ehemaliger Lehrer. "Das schadet dem Projekt."

Es ist die erste Sudbury-Schule in Deutschland. Vorbild ist die "Sudbury Valley School", die 1968 in den USA gegründet wurde. Das Konzept ist radikal demokratisch. Weltweit gibt es über 30 solcher Schulen, bundesweit arbeiten rund 15 Gruppen an Konzepten, zum Beispiel in Berlin, Leipzig und München.

Die Schüler entscheiden selbst, wann sie lernen

Irgendwie, irgendwo, irgendwann - in Rahlstedt entscheidet jedes Kind selbst, was, wann und wie es lernt. Es gibt keinen Stundenplan, auch keine Fächer oder Klassen. Zum Unterricht verabreden sich die Schüler mit den Lehrern, wenn sie es wollen. Kann das funktionieren? Pädagogikprofessor Peter Fauser von der Universität Jena sagt: "Nein. Laufen und sprechen lernen Kinder von allein, weil sie es zum Überleben brauchen. Aber nicht das Gravitationsgesetz von Isaac Newton. Dafür brauchen sie einen Lehrer, der sie anleitet." Auch sein Kollege Jürgen Oelkers von der Universität Zürich ist skeptisch: "Schüler können nicht über das Curriculum öffentlicher Bildung entscheiden. Daran ändert auch die Hirnforschung nichts, auf die sich die Projekte berufen." Doch Nena ist überzeugt: "Menschen lernen immer."

Bereits nach sechs Monaten glauben das viele Eltern an der Neuen Schule Hamburg nicht mehr. Mindestens acht haben ihre Söhne und Töchter wieder herausgenommen, weil sie nicht lernen konnten und es massive Probleme mit Gewalt gab. Weitere Eltern überlegen, ihre Kinder abzumelden, die Hamburger Schulbehörde wurde durch einen anonymen Brief über die Zustände informiert.

Inka Spiller hat lange darüber nachgedacht, ob sie und ihr Sohn Joshua, 10, öffentlich über ihre Erfahrungen reden sollen. "Die Schule ist Nenas Ding, auch wenn sie nicht die Schulleiterin ist. Kritik nimmt sie persönlich", fürchtet sie. Vom stern mit den Vorwürfen der Eltern konfrontiert, drohen die drei Schulleiter Philipp Palm, Thomas Simmerl und Hilger Strauss, als Einziger der drei ausgebildeter Lehrer, "… gegen etwaige Falschdarstellungen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln vorzugehen und die Verantwortlichen auch persönlich haftbar zu machen“. Eine Reportage des stern über den Schulalltag lehnten sie – anders als viele Reformschulen – ab. Nena wollte sich gegenüber dem stern zu den Vorwürfen nicht äußern. Über ihre PR-Agentur ließ sie mitteilen: „Die exponierte Stellung des Gründungsmitglieds Nena Kerner mahnt zur Zurückhaltung.“

Albträume, Mobbing und Gewalt

Doch Inka Spiller lässt sich nicht einschüchtern. Weil sie an das Sudbury-Modell glaubte, fuhr sie Joshua jeden Morgen eine Stunde von Schleswig-Holstein nach Hamburg und am Spätnachmittag wieder zurück. „Wir hatten gehofft, dass Joshua dort in seinem Tempo lernen kann.“Aber der Traum zerplatzte schon nach wenigen Wochen wie einer von Nenas Luftballons. Joshua lernte nicht Mathe, sondern: Der Stärkere hat recht.

„Die großen Jungs haben mich getreten, an den Kopf und ins Gesicht. Einmal hat sich ein Großer auf meine Brust gesetzt, bis ich keine Luft mehr bekam“, erzählt er. Kein Einzelfall. „Die Kleinen wurden von den Großen gemobbt, die Lehrer sind nicht eingeschritten“, erzählt Rebecca Akens, die ihren zehnjährigen Sohn Felix ebenfalls von der Schule genommen hat. Der sechsjährige Leon* habe unter Albträumen gelitten, nachdem er mehrfach von älteren Jungs bedroht und geschlagen worden sei, erzählt seine Mutter Anja Brückner*, die ihren richtigen Namen lieber nicht nennen möchte. Die Lehrer hätten abgewiegelt: „War doch bestimmt nur Spaß.“ Oder: „Der Große kann die Stoppregel noch nicht.“ Eine Geste mit der Hand, mehr nicht.

Die Schulleitung zu den Vorwürfen: „Gewalt wird von uns in keiner Weise toleriert. Hier gibt es vielmehr Konsequenzen, bis hin zum Schulverweis. Zuständig ist hierfür ein gewähltes Lösungskomitee, welches zunächst bemüht ist, eine Möglichkeit zu finden, wie Konflikte ohne Strafen gelöst werden können.“ Aber sie gibt zu, dass ein Schüler eine Gehirnerschütterung erlitt und ambulant behandelt werden musste.

Ein Lösungskomitee soll helfen

„An der Schule gibt es keine Regeln, die Lehrer setzen den Schülern keine Grenzen, und ein Lösungskomitee gab es in den ersten Wochen nicht“, erzählt Rebecca Akens, die extra wegen der Schule von Kiel nach Hamburg zog. Inka Spiller bestätigt: „Das Lösungskomitee wurde erst nach Wochen eingeführt, als sich die Schulaufsicht angekündigt hatte.“ Die Schulleiter widersprechen, das Lösungskomitee gebe es von Beginn an, seit November tage es regelmäßig.

Nena dagegen redet ganz offen über die Gewalt an ihrer Schule. „Bei uns wird auch geprügelt, geschrien und gestritten – und zwar nicht zu knapp“, sagte die Pop-Diva, stets schwarz gekleidet, auf einer Podiumsdiskussion bei der Hamburger Körber- Stiftung im November. Auf solchen Terminen treten sie und die drei anderen Schulgründer engagiert und charmant auf. Keiner der vier ist Pädagoge. Nena folgt ihrer Intuition, Philipp Palm produziert Musik, Thomas Simmerl berät Unternehmen und Silke Steinfadt kommt aus der Werbung. Doch vor den Problemen verschließen sie die Augen. Nena: „Die Schule ist eine größere Herausforderung für die Eltern. Sie müssen mitwachsen, sonst geraten die Kinder in Konflikte.“

Die gibt es bereits. „Die Schule ist total unorganisiert“, sagt Inka Spiller. Mehrfach habe Joshua versucht, sich mit einem Lehrer zum Lernen zu verabreden. Vergeblich. Terminabsprachen sollen meist nicht eingehalten worden sein. Auch regelmäßige Lerngruppen sollen nicht zustande gekommen sein. Wenn es mal eine Lernsituation gegeben habe, soll dies nur kurz möglich gewesen sein, weil die Lehrer ständig für Ruhe bei den anderen Kindern sorgen mussten. Das bestreiten die Schulleiter – Verabredungen mit Lehrern seien jederzeit möglich – doch sie geben zu: „Der verabredete Termin kann im Einzelfall durchaus auch einmal später stattfinden.“

Zu wenig Lehrer

Auch die zehnjährige Schülerin Charlotte* klagt: „Ich möchte gern Deutsch und Französisch lernen – aber das geht da nicht, weil es zu wenig Lehrer gibt.“ Es fehle Material, Sachen würden zerstört. „Einmal habe ich etwas aus Pappmaché gebastelt, das war echt viel Arbeit. Am nächsten Tag war alles kaputt“, erzählt sie. Kommentar der Schulleiter: „Die Schulgemeinschaft war darüber sehr betroffen, konnte trotz aller Bemühungen aber den Vorfall leider nicht aufklären.“ Auch Diebstähle räumen sie ein. Eine Schülerin wurde deshalb sogar von der Schule gewiesen.

Andere Eltern, die ebenfalls anonym bleiben wollen, berichten: „Als sich die Schulaufsicht ankündigte, wurde plötzlich für jedes Kind ein Ordner aufgestellt – das sollte das Lernarchiv sein.“ Darin sollen die Kinder ihre Lernfortschritte dokumentieren. Laut Schulleitung gab es die Lernarchive von Anfang an.

Bei der Hamburger Schulaufsicht ist Eva Neumann-Roedenbeck für Privatschulen zuständig. Sie sagt: „Eltern haben uns über die Probleme informiert, wir geben das an die Schule weiter.“ Mehr will sie zu den Vorwürfen nicht sagen. Im Gegenteil: „Ich möchte der Nena-Schule Zeit lassen, man kann so einen Schulversuch erst nach einiger Zeit beurteilen. Eltern, die ihr Kind dorthin geben, tragen viel Verantwortung.“ Aber sie hat die Schule aufgefordert, zwei zusätzliche Lehrer einzustellen.

Alles soll disktutiert werden

Dort gibt es offenbar Probleme mit dem Personal: Zwei Monate lang gab es nur vier Lehrer. Im Februar sollten noch zwei dazukommen. Wie lange die bleiben, ist ungewiss. Denn mindestens zwei Lehrkräfte, das geben die Schulleiter zu, haben seit der Eröffnung im September gekündigt. Auch die Schulsekretärin wurde entlassen. Charlotte erzählt: „Ein Lehrer musste nach einer Probewoche gehen, obwohl wir in der Schulversammlung alle dafür waren, dass er wiederkommen soll.“ So hatten sich die Kinder Demokratie nicht vorgestellt. An Nenas Schule sind Lehrer und Schüler angeblich gleichberechtigt, jeder hat eine Stimme in der Schulversammlung. Dort soll alles diskutiert werden, sogar die Einstellung oder Entlassung von Mitarbeitern. „Der Lehrer wurde nicht fest eingestellt, weil er nach Entscheidung der Schulbehörde deren Anforderungen (zweites Staatsexamen) nicht erfüllt und sich das gesamte Lehrerkollegium gegen seine Beschäftigung ausgesprochen hatte. Auch die Schulversammlung war damit einverstanden“, erklären die Schulleiter. Wozu ein Lehrer eingeladen wird, wenn er gar nicht qualifiziert ist, erklären sie nicht.

Sechs Lehrer und eine Musikpädagogin für 85 Kinder, das ist rein rechnerisch eine gute Betreuungsrelation. Zum Vergleich: An einer staatlichen Schule kommen auf einen Lehrer im Durchschnitt 17 Schüler. Doch die Lehrer an Nenas Schule sind für alle Altersgruppen von der Vorschule bis zur zehnten Klasse verantwortlich. Während die Kleinen noch mit den Buchstaben kämpfen, hadern die Großen mit der Pubertät. „Es ist riskant, mit so vielen Altersgruppen zu starten, neu gegründete Schulen sind damit schnell überfordert“, sagt Mario Hoebel, Geschäftsführer des Bundesverbands der Freien Alternativschulen. Die meisten beginnen deshalb mit ein bis zwei Grundschuljahrgängen.

„Nenas Schule hat mit Sudbury nicht viel zu tun. Sie ist nicht konsequent demokratisch“, sagt Anja Brückner. „Aber andere Initiativen werden daran gemessen. Deshalb will ich nicht, dass die Schule geschlossen wird.“ Bisher ist die Neue Schule nur genehmigt. Sie geht bis zur zehnten Klasse. Schüler, die ihre mittlere Reife machen wollen, müssen jedoch vor externen Prüfern bestehen. In drei Jahren kann sie als „Ersatzschule“ anerkannt werden, dann bekommt sie bis zu 80 Prozent der Ausgaben von der Stadt Hamburg zurück. Denn das Schulgeld von 150 Euro pro Kind deckt die Kosten bei Weitem nicht. Laut Finanzplan brauchen die Gründer 900 000 Euro für die nächsten drei Jahre. Für den Kredit bei der GLS Bank haben viele Eltern eine persönliche Bürgschaft von bis zu 3000 Euro übernommen – bei Privatschulgründungen durchaus üblich. „Wir waren so überzeugt, da haben wir für 2000 Euro unterschrieben“, sagt Inka Spiller. Das Geld sei weg, fürchtet sie.

Nena landete 1982 mit „Nur geträumt“ ihren ersten Hit. Heute singt sie: „Mein Weg ist mein Weg“. Manchmal werden aus den Träumen von gestern die Albträume von morgen.

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