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Interview bei ProSieben Olaf Scholz will den erfahrenen Staatsmann geben – doch in diesem Format kann er nur scheitern

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz im ProSieben-Interview mit Linda Zervakis und Louis Klamroth
SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (r.) im ProSieben-Interview mit Linda Zervakis und Louis Klamroth
© Richard Hübner / ProSieben / DPA
Der SPD-Kanzlerkandidat trifft bei ProSieben auf die zur Moderatorin aufgestiegene Linda Zervakis. Am Ende sind beide irgendwie solide.
Von Jan Zier

Wenn Olaf Scholz davon spricht, dass er der nächste Kanzler wird, oder sich das zumindest "realistisch ausrechnet", dann weiß man nie so genau, ob er das wirklich glaubt. Oder aber einfach tapfer Zuversicht und Siegeswillen vermitteln will, ja: muss. In ihrem Selbstverständnis ist die SPD aber eben immer noch eine große und bedeutende Volkspartei, auch wenn ihre eigentlichen Konkurrenten heute die FDP und AFD sind, und nicht mehr die Grünen und die Union.

Bei dem Sender ProSieben, der sich neuerdings ja als ein politischer profilieren will, rangiert der SPD-Politiker zwar hinter der Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock, die dort 2,7 Millionen Menschen erreichte, aber immerhin noch vor seinem CDU-Kontrahenten Armin Laschet. Hier ist er also quasi noch gleichauf. Ihm gegenüber sitzen dabei Louis Klamroth und die jüngst von der Nachrichtenvorleserin zur Moderatorin aufgestiegene Linda Zervakis.

Das Sendekonzept von ProSieben sieht vor, dass auch dieses Interview irgendwie unterhaltsam rüber kommen soll, der jungen Leute wegen. Dabei – so ist eben die althergebrachte Rollenverteilung – ist Herr Klamroth als Bad Cop zunächst für die harte Nachfragen zuständig, Frau Zervakis als Good Cop aber erstmal für Einwürfe wie diesen hier: "Man sagt Ihnen nach, dass Sie Humor haben". Woraufhin sich der Kandidat erwartungsgemäß als humorlos, dafür als sehr ernsthaft erweist. "Wenn die Leute denken, dass ich nicht richtig aus mir herauskomme, dann kennen sie mich nicht richtig", darf Olaf Scholz ganz am Anfang sagen. Aber irgendwie bleibt er dann doch auch in dieser Sendung eher in sich drin. Als Linda Zervakis ihn provokativ fragt, mit Blick auf die Corona-Politik der Bundesregierung: "Sind Ihnen die Kinder weniger wichtig als die Lufthansa?", da erklärt Scholz zwar, dass er "sauer" sei über diesen Vergleich. So richtig anzumerken ist ihm das aber dann doch nicht.

Olaf Scholz will den erfahrenen Staatsmann geben

Ganze 45 Minuten hat der Sender dem Interview gewährt, zugleich sollen aber irgendwie alle Themen zumindest gestreift werden. Es geht um Israel und den Klimaschutz, Diversität und Corona, das Gendern und die Hartz-Gesetze, den Wirecard-Skandal und die Armut im Land, die Bilanz aus 19 Jahren Regierungsbeteiligung und die Frage, wie religiös Olaf Scholz ist. Im Parforceritt werden all diese Themen abgehandelt, entsprechend kann sich auch kein echtes Gespräch entfalten. Und immer wieder will Olaf Scholz weit ausholen, die großen Linien nachzeichnen, den erfahrenen Staatsmann geben. Denn das ist, womit er punkten kann, gerade im Vergleich mit Annalena Baerbock. Doch der Versuch muss in einem Format wie diesem misslingen – und in diesem hektischen Themenwechsel pointierte Schlaglichter zu setzen, das fällt Olaf Scholz schwer.

Als es etwa um die Abschaffung von Harz IV geht, und die Einführung des von der SPD geforderten Bürgergeldes, wird der Kanzlerkandidat gefragt: Wie viel mehr als die ihnen jetzt zustehenden 446 Euro haben die Betroffenen dann in der Tasche? Scholz hat darauf keine klare Antwort.

Baerbock, Laschet und Scholz im RTL-Interview

Einst hat jener Olaf Scholz die Hartz-Gesetze mit durchgesetzt, den sozialdemokratischen Sündenfall der unseligen Schröder-Jahre. Doch alles, was er nun zu der Frage sagt, was mit diesem neuen Bürgergeld denn eigentlich anders, besser wird als unter dem Hartz IV-Regime – es verhallt sofort im Vergessenwerden. Dabei reiht sich Olaf Scholz doch auch an diesem Abend lieber neben Willy Brandt und Helmut Schmidt ein als neben Gerhard Schröder. Nein, dessen Name fällt hier gar nicht.

"Ich bin immer noch links", sagt Scholz, und das klingt schon wieder wie eine tapfer vorgetragene Formel, die Gewissheit versprechen möchte. "Es soll gerecht zugehen", sagt er noch, und dann kommt auch bald schon der Hinweis auf zwölf Euro Mindestlohn, sein zentrales Wahlversprechen, das zehn Millionen Menschen eine Gehaltserhöhung bringen soll.

Die Erkenntnisse

  • Olaf Scholz hat dazu gelernt: Er empfinde sich nicht als reich, hatte er in einem Interview mal gesagt und dafür viel Kritik geerntet, nachdem man ihm vorgerechnet hat, dass er und seine Frau, die brandenburgische Bildungsministerin, zusammen auf einen Bruttomonatsverdienst von rund 30.000 Euro kommen. Heute beantwortet er die Frage: "Sind Sie reich?" mit einem entschiedenen "Ja!"
  • Eine Koalition mit einer CDU, für die auch der Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen im Bundestag sitzt, schließt er nicht aus.
  • Der Verbrennungsmotor wird 2030 nicht verboten, wenn es nach Olaf Scholz geht. Einen kostenlosen Nahverkehr für alle hält er nicht für realistisch. Immerhin sollen aber Flüge mindestens 50 bis 60 Euro kosten, also so viel wie alle dafür anfallenden Gebühren zusammen.
  • Die umstrittene Nord Stream 2 – Pipeline verteidigt der SPD- Kanzlerkandidat.
  • Beim Wirecard-Skandal hat er sich nach eigenen Angaben "nichts vorzuwerfen".
  • In der Corona-Pandemie auch mal Großraumbüros und nicht nur Theater, Gastronomiebetriebe und Schulen dicht zu machen, wäre eine "falsche Entscheidung", sagt der Vizekanzler.
  • Den Kompromiss, der einen Kohleausstieg für 2038 vorsieht, will Scholz nicht antasten. Zugleich soll Deutschland aber bis 2045 klimaneutral werden – im März setzte die SPD noch 2050 als Ziel, aber das war vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu diesem Thema. Wenn das 1,5-Grad-Ziel – zu dem sich Scholz natürlich auch bekennt – gehalten werden soll, müsste das Land aber schon 2038 CO2-neutral sein, sagt der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung. "Wir werden viele Dinge machen müssen, an die heute noch niemand denkt", sagt Scholz dann.

Das Fazit

Linda Zervakis gibt erwartungsgemäß auch eine passable Moderatorin ab – sie muss sich nicht hinter den altgedienten Talkshow-Kollegen und -Kolleginnen verstecken. Olaf Scholz agiert zwar ebenso gemäßigt und solide wie gewohnt. Das sozialdemokratische Herz kann er aber auch an diesem Abend nicht so recht wärmen.


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