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Flucht vor Prozessbeginn Stutthof-Prozess – 96-jährige frühere KZ-Sekretärin floh mit Taxi und Rollator

Justizbeamte mit Mundschutz stehen in Itzehoe in einem leeren Gerichtssaal
In Itzehoe hätte am Donnerstag der Prozess gegen eine 96-jährige ehemalige Sekretärin des SS-Kommandanten des Konzentrationslagers Stutthof beginnen sollen. Doch die Frau floh.
© Markus Schreiber / DPA
In Itzehoe sollte ab diesem Donnerstag eine ehemalige Sekretärin des KZ Stutthof vor Gericht stehen. Doch die 96-Jährige floh und wurde erst nach Stunden gefasst. Sie hatte angekündigt, nicht kommen zu wollen.

Der möglicherweise letzte Prozess um Verbrechen der Nazizeit in Deutschland ist zu einem handfesten Skandal ausgeartet. Eigentlich sollte an diesem Donnerstag vor dem Landgericht Itzehoe der Prozess gegen eine frühere Sekretärin des KZ Stutthof beginnen. Irmgard F. hätte sich seit dem Vormittag wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen vor dem Gericht verantworten sollen.

Doch gut eine Viertelstunde nach dem geplanten Beginn der Verhandlung erklärte das Gericht in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt, dass die 96-jährige Angeklagte nach Lage der Dinge flüchtig sei. Die Strafkammer habe einen Haftbefehl erlassen, sagte der Vorsitzende Richter am Landgericht, Dominik Groß. Am frühen Nachmittag wurde schließlich mitgeteilt, dass die Frau festgenommen wurde. Die Polizei führe die 96-Jährige dem Gericht vor, sagte eine Sprecherin des Itzehoer Landgerichts. 

Ein Schwarzweiß-Foto zeigt die Einfahrt zum ehemaligen KZ Stutthof mit einem Stoppschild davor
Das ehemalige KZ Stutthof, fotografiert im Mai 1946. An dem Ort im heutigen Polen, etwa 34 Kilometer östlich von Danzig, befindet sich heute eine Gedenkstätte
© Miko³aj Sprudin/ / Picture Alliance

Wegen der Flucht der Angeklagten wurde die Verhandlung auf den 19. Oktober vertagt. "Gegen eine ausgebliebene Angeklagte findet die Hauptverhandlung bekanntlich nicht statt", sagte Richter Groß. Das Gericht gehe selbstverständlich davon aus, dass die Angeklagte beim nächsten Termin dabei sei. "Irgendwie werden wir das schon hinkriegen."

Angeklagte hatte vor einigen Wochen dem Gericht geschrieben, dass sie nicht kommen wolle

Dass sie versuchte, nicht am Prozess teilzunehmen, kommt gar nicht so überraschend: Denn Anfang September hatte Irmgard F. einen Brief ans Gericht geschrieben, in dem sie erklärt hatte, sie wolle dem Prozess fernbleiben.  

Um die Flucht der hochbetagten Frau gab es reichlich Wirbel. Im Gericht hatten am Morgen 136 Journalisten aus Deutschland und Europa und zahlreiche Anwälte der Nebenklägerinnen und Nebenkläger vergeblich gewartet. "Sie wird schon nicht mit dem Rollator geflüchtet sein", scherzte ein Journalist.

Doch genau das war offenbar geschehen: Frühmorgens soll die Frau, die sich mit Rollator oder Gehstock bewegt, ihr Seniorenheim in Quickborn verlassen und sich in ein Taxi gesetzt haben. Dann ließ sie sich zum U-Bahnhof Norderstedt fahren. Und dort verlor sich nach Informationen unseres Korrespondenten zunächst ihre Spur. Ob sie allein geflohen war oder Helfer hatte, ist bislang ungeklärt. 

Empörung bei KZ-Überlebenden und deren Angehörigen

Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, sagte: "Irmgard F. zeigt eine zynische Verachtung für die Überlebenden und den Rechtsstaat. So etwas habe ich noch nicht erlebt, ich frage mich, ob sich das Gericht auf den Prozess entsprechend vorbereitet hat." Darin zeige sich eine unglaubliche Verachtung des Rechtsstaats und auch der Überlebenden. Das Komitee vertritt KZ-Überlebende und deren Angehörige.

Irmgard F. arbeitete von Juni 1943 bis April 1945 in der Kommandantur des deutschen Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig und tippte, was SS-Sturmbannführer Paul-Werner Hoppe ihr diktierte. Ihr wird zur Last gelegt, als Stenotypistin und Schreibkraft den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von Gefangenen Hilfe geleistet zu haben. Ein vom Gericht in Auftrag gegebenes Gutachten war im Juni zu dem Ergebnis gekommen, dass die hochbetagte Frau verhandlungsfähig ist.

Im KZ Stutthof wurden Menschen ermordet – oder sie starben am Mangel

In Deutschland gab es zuletzt bereits mehrere Prozesse gegen frühere Mitglieder der Mannschaften von NS-Lagern. Im KZ Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg etwa 65.000 Menschen, darunter viele Juden. Das Lager erlangte traurige Bekanntheit für die von der SS bewusst in Kauf genommene katastrophale Versorgung der Insassen, die vor allem an Entkräftung und Krankheiten starben.

Im Juli 2020 hatte das Landgericht Hamburg einen ehemaligen Wachmann in Stutthof zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Das Gericht sprach den 93-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen schuldig – mindestens so viele Gefangene wurden nach Überzeugung der Strafkammer während der Dienstzeit des Angeklagten 1944/45 in Stutthof ermordet.

Die meisten Opfer starben in Folge der lebensfeindlichen Bedingungen im sogenannten Judenlager von Stutthof. Mindestens 200 wurden in der Gaskammer und einem verschlossenen Eisenbahnwaggon mit Zyklon B umgebracht. 30 wurden in einer geheimen Genickschussanlage im Krematorium des Lagers getötet.

Prozess vor einer Jugendkammer in Itzehoe

Wie der Prozess gegen D. soll auch das Verfahren gegen F. vor einer Jugendkammer stattfinden, weil die Angeklagte zur Tatzeit erst 18 beziehungsweise 19 Jahre alt war. Für den ersten Prozesstag war nur die Verlesung der Anklage geplant. Die Strafkammer hatte ursprünglich 26 weitere Verhandlungstermine bis Anfang Juni nächsten Jahres angesetzt. Ob sich das Verfahren weiter in den kommenden Sommer hinzieht, ist noch nicht bekannt.

Landgericht Hamburg: Urteil gegen KZ-Wachmann gesprochen

Sehen Sie ein Video aus unserem Archiv aus dem Sommer 2020: Wer als SS-Mann auf dem Wachturm eines Konzentrationslagers stand, hat sich der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht. Das stellt das Landgericht Hamburg 75 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft fest.

DPA AFP

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