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Raketenschild über Europa: "Wir reden von fiktiven Raketen"

Die Nato hat mit Russland Gespräche über die umstrittenen US-Pläne für einen Raketenschild in Osteuropa aufgenommen. Physiker halten das System für nicht ausgereift. Und auch die Raketen, gegen die es eingesetzt werden soll, gibt es noch nicht.

Von Karin Spitra

Der geplante US-Raketenabwehrschirm über Osteuropa sorgt für Wirbel: Weil angeblich aus dem Iran und anderen so genannten Schurkenstaaten (zum Beispiel Syrien) der Einsatz von Langstreckenraketen mit atomaren Sprengköpfen gegen die USA droht, wollen diese nun einen Raketenschild in Osteuropa installieren. In Deutschland und anderen Nato-Mitgliedstaaten sind die Raketenabwehrpläne umstritten, weil die Amerikaner außerhalb des Bündnisses mit Polen und Tschechien über Standorte des Abwehrsystems verhandeln.

Russland wäre Kampfgebiet

Doch auch die Russen sind gar nicht glücklich über die Pläne. Kein Wunder: Vom Iran in Richtung Mittlere/Westliche USA gestartete Raketen würden über russisches Territorium fliegen und könnten dort in ihrer mittleren Flugphase abgefangen werden. Das würde Russland automatisch zum Kampfgebiet machen. Außerdem würden die Abwehrraketen und das Radar auch gegen Russland eingesetzt werden können - immerhin stünden sie näher an den russischen als den iranischen Raketensilos. Jetzt warnen Militärexperten davor, dass nach einem erfolgreichen Raketenabschuss abstürzende Trümmer am Boden verheerende Schäden anrichten können.

So würde bei der Zerstörung anfliegender Raketen im All deren Sprengkopf sein programmiertes Ziel verfehlen. Beim Absturz der Trümmer würden aber "mit Sicherheit entlang der Flugtrassen schlimme Schäden angerichtet", so der russische Militärexperte Juri Saizew in einem "Spiegel"-Interview. Laut Saizew hätten Berechnungen gezeigt, dass der Sprengkopf einer abgefangenen Rakete bei einer Geschwindigkeit von 3,9 Kilometern pro Sekunde noch rund 2000 Kilometer weiterfliegen könnte. Bei einer Geschwindigkeit von 5,5 Kilometern pro Sekunde wären es sogar 5000 Kilometer. Für Sascha Lange, Rüstungsexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, ist dies jedoch das kleinere Übel. "Nach einem Abschuss löst sich der Sprengkopf natürlich nicht in Luft auf. Überbleibsel können auch dann noch auf die Erde fallen. Abstürzende Raketen-Trümmer würden aber wesentlich weniger Schaden anrichten als ein intakter explodierender Sprengkopf", sagt Lange im Gespräch mit stern.de.

Gefahr radioaktiver Strahlung

Dr. Jürgen Altmann vom Institut für Experimentelle Physik der Universität Dortmund sieht das etwas differenzierter: "Eine Nuklearexplosion würde nur bei einer Zerstörung der Rakete in der Startphase auftreten, diese Phase dauert aber nur drei bis fünf Minuten." Das für Europa geplante Abwehrsystem soll aber erst in der mittleren Flugphase "zuschlagen", wenn die von der Rakete abgesetzen Sprengkörper im Weltall sind. "Dann würde bei einem Zieltreffer der feindliche Sprengkopf in tausend Stücke zerspringen, die dann in die Atmosphäre eintreten, dort verglühen und so radioaktive Strahlung freisetzen. Diese Radioaktivität würde dann durch Wind und Wetter weitergetragen", so Altmann gegenüber stern.de.

Gleichzeitig relativiert der Wissenschaftler aber auch den Zeitrahmen: "Wir reden ja in der gesamten Debatte von fiktiven Raketen und von fiktiven Atomwaffen", so Altmann. Seiner Meinung nach wird der Iran erst in etwa zehn Jahren soweit sein, Langstreckenraketen zu bauen - wenn er es denn wollte.

USA rüsten bereits Abwehrsystem auf

Dennoch haben die Amerikaner bereits Abwehrsysteme auf eigenem Boden errichtet. In Alaska und in Kalifornien stehen Abfangraketen, in Alaska und Großbritannien gibt es außerdem große Radarsysteme zur Ortung einfliegender Geschosse. Zusätzlich sollen im Rahmen der nationalen Raketenabwehr bis zu 40 neue Raketensilos in den Vereinigten Staaten gebaut werden. Auf den Aleuten, einer zu den USA gehörenden Inselgruppe zwischen Beringmeer und Pazifischem Ozean wird gerade eine Radarstation eingerichtet, die bereits im Sommer einsatzbereit sein soll.

In Europa wollen die USA die Radarstation für ihren Raketenschirm in der Tschechischen Republik errichten, von hier soll der Zielanflug der Abfangraketen gelenkt werden. In Polen sollen bei der Stadt Koszalin zehn Abwehrraketen stationiert werden. Allerdings hat sich dies System bisher nicht bewährt: Das geplante System sei von den USA bereits zwanzig Mal über dem Pazifik getestet worden. Nur die Hälfte der Tests sei erfolgreich verlaufen, so Altmann "und das bei sehr wohlwollenden Versuchsanordnungen." Das Problem: Die Abfangsuchköpfe, welche die anfliegenden Objekte mit Infrarotsensoren im Weltraum suchen, können nicht zwischen "echten" Sprengköpfen und Attrappen unterscheiden.

US-Abwehrsystem nur eingeschränkt funktionstüchtig

Das amerikanische System sei zwar theoretisch in der Lage, anfliegende Sprengköpfe abzufangen, erklärt Dr. Wolfgang Liebert, Physiker des Forschungsbundes Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (Fonas). Doch der Raketenschild habe in Tests nur funktioniert, weil die Flugbahn der Testgefechtsköpfe bekannt gewesen sei. Zudem habe man in den Probeläufen keine Attrappen eingesetzt, die das Erfassen des echten Sprengkopfes in einem Ernstfall nahezu unmöglich machen würden.

Auch Altmann würde nicht unbedingt auf einen Raketenschild setzen, sondern dafür sorgen, dass der Iran keine Atomsprengköpfe oder Langsteckenraketen entwickelt. Wenn schon, dann würde seiner Meinung nach die Stationierung von Abfangrakteten in Südrussland, nahe dem Iran, mehr Sinn machen. Angenehmer Nebeneffekt: Die russische Seite hätte keinen Grund mehr, verstimmt zu reagieren. "Aber eigentlich müssten alle beteiligten Staaten nur ihre Hausaufgaben machen, und die Raketen weiter drastisch reduzieren", so Altmann, zu dieser Abrüstung hätten sie sich schließlich verpflichtet. "Von einstmals 70.000 Nuklearsprengköpfen sind immer noch 25.000 übrig."

Mitarbeit: Udo Lewalter