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Rechtsterroristen Zwischen Germanenkult und Bürgerwehr – die verquere Welt der Terrorverdächtigen um Werner S.

Polizisten bringen einen mutmaßlichen Rechtsterroristen zum Bundesgerichtshof
Ein Beschuldigter wird von Polizisten zum Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof gebracht. Gegen alle zwölf mutmaßlichen Rechtsterroristen wurde Haftbefehl erlassen
© Uli Deck / DPA
Die Festnahme von zwölf Männern um Werner S. zeigt erneut die Gefahren von Rechtsterrorismus. Die Beschuldigten führten offenbar ein Leben in einer Parallelwelt aus Germanenkult, Fremdenfeindlichkeit, Verschwörungstheorien und Hass.

Sie wollten Deutschland in bürgerkriegsähnliche Zustände stürzen. Menschen anderen Glaubens, anderer Meinung, anderer Herkunft ermorden. Das letztendliche Ziel: Die Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik erschüttern und überwinden.

Davon ist die Bundesanwaltschaft überzeugt. Am Freitag setzten die Ermittler den Umsturzplänen ein Ende. Bei Razzien in sechs Bundesländern ließen sie durch Spezialkräfte insgesamt zwölf mutmaßliche Rechtsterroristen festnehmen, inzwischen erließ der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen die Deutschen.

Der Vorwurf gegen vier von ihnen: Werner S., Michael B., Thomas N. und Tony E. sollen Gründer und Mitglieder einer terroristischen Vereinigung sein. Die übrigen acht Inhaftierten sollen die mutmaßliche Terrorbande unterstützt haben – darunter auch ein Verwaltungsmitarbeiter der Polizei in Nordrhein-Westfalen.

Rechtsterroristen lernten sich im Internet kennen

Medienberichten zufolge firmierten die mutmaßlichen Rechtsterroristen wahlweise unter den Namen "Der harte Kern" oder "Gruppe S.", benannt nach ihrem Anführer, dem 53-jährigen Werner S. Er ist offenbar die Schlüsselfigur in den Umsturzplänen, organisierte die geheimen Treffen mit seinen mutmaßlichen Komplizen. Doch so konspirativ sich die Gruppe mitunter gab, so offen stellten die Mitglieder ihre Gesinnung in den sozialen Netzwerken zur Schau.

Werner S. zelebrierte dort sein Faible für Italien, ließ sich von Freunden mit "Teutonico" anreden, "der Teutonische". Das Italien, das er offenbar verehrt, ist jedoch nicht jenes von Dolce Vita, Chianti und Zitronenbäumen, sondern das dunkle: die Italienische Staatsrepublik, das faschistische Gebilde von Führer Benito Mussolini. Die Kriegsflagge der Diktatur prangt über dem Facebook-Profil von Werner S.

Facebook-Profil von Werner S.
Das Facebook-Profil von Werner S. lässt keinen Zweifel an seiner Gesinnung: Die Kriegsflagge der faschistischen Italienischen Sozialrepublik prangt über der Seite
© Screenshot / Facebook

Als sein Arbeitgeber gibt S. die italienische Carabinieri an – tatsächlich soll er jedoch Restaurator gelernt haben und wurde nach Recherchen des "Spiegel" schon seit Monaten von deutschen Sicherheitsbehörden als rechtsextremer Gefährder geführt, einer von bundesweit rund 50. Laut "Tageszeitung" lebte S. zurückgezogen in der Ortschaft Mickhausen bei Augsburg. "Keiner hat mitbekommen, was er gemacht hat", ließ sich der Bürgermeister der 1000-Einwohner-Gemeinde zitieren.

"Gruppe S." im Herbst gegründet

Zumindest online war es aber offenbar kein Geheimnis, was S. umtreibt. Er sei "bereit", sich für "Germaniens Freiheit" zu erheben, teilte er einem Freund noch Mitte Dezember mit. Wird ein Facebook-Profil seiner Brüder im Geiste gesperrt, droht S. unverhohlen damit, den Schuldigen dafür die Hände abzuschneiden.

Und Schuld – das kennt man aus dieser Szene – sind immer die anderen: zum Beispiel Facebook mit seiner vermeintlichen Zensur oder jene, die menschenverachtende Äußerungen an den Betreiber des sozialen Netzwerkes melden.

Taucht man in die – seit vergangenem Freitag kleiner werdende – Freundesliste von Werner S. ein, trifft man schnell auf ein Netzwerk, dass sich zwischen Germanenkult, Wehrmachtsverehrung, Waffenliebe, Deutschtümelei, Fremdenfeindlichkeit, Reichsbürgertum und Verschwörungstheorien bewegt.

Und man trifft auf seine Mitstreiter vom "Harten Kern", Thomas N. zum Beispiel. Auch der Fliesenleger aus Minden sitzt in Untersuchungshaft. Quasi bis zu seiner Festnahme verbreitete er teils im Minutentakt seine befremdliche Sicht der Dinge: über Chemtrails, über die Bundesrepublik als besetztes Land, über die kriminelle Regierung, über den Boykott der Rundfunkgebühren, über die Islamisierung Deutschlands, über die Überlegenheit der germanischen Kultur – begleitet vom virtuellen Applaus aus seiner 4600 Personen starken Facebook-Anhängerschaft. Auch der Account von Thomas N. wurde nach seinen Angaben schon vorübergehend gesperrt.

Facebook-Profil von Thomas N.
Das Facebook-Bilder von Thomas N.: Deutschtümelei, Rundfunkgebührenboykott, Merkel- und Systemhass
© Screenshot / Facebook

Es ist eine Parallelwelt des Internets, in der sich Werner S., Thomas N., Michael B. und Tony E., die Mitglieder der "Gruppe S.", kennengelernt haben. Ihre Gedankenwelt eint sie. Im September 2019 haben sie verabredet, sich zusammenzuschließen, so die Erkenntnisse der Bundesanwaltschaft. Die "Gruppe S." war geboren. "Um ihr Vorhaben in die Tat umsetzen zu können, trafen sich die Beschuldigten in unterschiedlichen Besetzungen mehrfach persönlich", teilten die Ermittler mit. "Zudem standen die Beschuldigten untereinander über Chatgruppen verschiedener Messenger-Dienste sowie telefonisch in Kontakt."

Für ihr geplantes Fanal brauchten sie jedoch Geld, Waffen – und Unterstützer.

Unterstützer in der rechtsextremen Szene

Die fanden sie nach Überzeugung der Ankläger in den übrigen acht Beschuldigten. Unter ihnen ist Thorsten W., der eigentlich geschworen hat, für die Rechtsordnung der Bundesrepublik einzutreten. W. ist laut Berichten Verwaltungsmitarbeiter der Polizei in Nordrhein-Westfalen. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bestätigte die Verstrickung eines zivilen Polizeimitarbeiters in die "Gruppe S.". Er sei vom Dienst suspendiert worden. In der Vergangenheit schrieb W. unter anderem Leserbriefe an die rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit".

Neben W. zählen auch Sympathisanten oder Mitglieder der rechtsextremen Organisationen "Wodans Erben", "Vikings Security Germany" und "Soldiers of Odin" zu den Unterstützern der "Gruppe S.".

Wodans Erben
"Wodans Erben" gerieren sich als Bürgerwehr und sind im Visier des Verfassungsschutzes
© Sachelle Babbar / Zuma Press / Picture Alliance

Erstere fiel vor allem in Süddeutschland durch ihre Auftritte als selbsternannte Bürgerwehr in mehreren deutschen Städten auf, auch ein Fackelmarsch auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände im vergangenen Jahr geht auf das Konto der Gruppierung. Ebenso wie die "Vikings Security Germany" richtet sie sich mit ihrer Agitation "gegen Flüchtlinge als angeblich generelle Bedrohung der Inneren Sicherheit und gegen einen angeblich handlungsunfähigen Staat, der die Innere Sicherheit nicht mehr gewährleisten könne", wie der bayerische Verfassungsschutz festhält. Beide Organisationen haben sich den Sicherheitsbehörden zufolge von den "Soldiers of Odin" abgespalten bzw. sind aus dieser Gruppe hervorgegangen. Unverhohlen zeigen die rechtsextremen Gruppierungen ihre Sympathie für den Nationalsozialismus und ihre Abneigung gegen alles Fremde.

In diesem Umfeld fiel es Werner S. und seinen mutmaßlichen Gefolgsleuten offenbar leicht, Unterstützer für ihre Umsturzpläne zu finden. Die ARD berichtet, dass ein Unterstützer der "Gruppe S." in einem Chat angekündigt habe, mehr als 2000 weitere, teilweise bewaffnete, Männer alarmieren zu können, wenn nötig. Ob es sich dabei um Größenwahn oder eine ungeahnte Dimension rechter Bedrohung handelt, sei Teil der Ermittlungen.

Wie weit waren Anschlagspläne vorangeschritten?

Die Beamten wollen auch klären, wieweit die Vorbereitungen des "Harten Kerns" für ihre Anschlagspläne schon vorangeschritten waren. Nach Recherchen der ARD sowie der "Bild"-Zeitung und des "Spiegel" wurden bei den Razzien scharfe Waffen gefunden, neben einer schussbereiten Neun-Millimeter-Pistole auch selbstgebaute Handgranaten. Laut ARD hatte die Gruppe auch konkrete Pläne, wie etwa betende Menschen in Moscheen anzugreifen. Der "Spiegel" berichtete, in einem von den Behörden überwachten Gespräch sei die Rede von "Kommandos" gewesen, die angeblich in "zehn Bundesländern" zuschlagen sollten. Der Aufbau einer Art rechtsradikaler Untergrundarmee sei das Ziel gewesen.

Nazi-Symbole: Die Codes der neuen Rechten

Der Plan flog auf. Möglicherweise weil ein fünftes Mitglied des "Harten Kerns" sich den Behörden offenbarte und seit Herbst als V-Mann für die Polizei arbeitete, wie mehrere Medien berichten. Die Bundesanwaltschaft wollte sich – wie üblich beim Einsatz von V-Leuten – dazu nicht äußern.

Auf die Ermittler kommen nun arbeitsreiche Wochen zu. Sie wollen die Aktivitäten der Gruppe und ihre Kontakte schnellstmöglich aufklären. Laut Nachrichtenagentur DPA gilt die "Gruppe S." in Sicherheitskreisen als "besonders ernstzunehmender Fall". Und zwar auch deshalb, weil die Männer, die sich nur zwei Mal getroffen hatten, schnell handlungsbereit waren. 

Doch statt im Bürgerkrieg landeten Werner S., der "Terror-Nazi mit dem Sepplhut" ("Bild"-Zeitung"), und seine Mitstreiter in der Gefängniszelle. Sie erwarten bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft.

Quellen: Generalbundesanwalt (1)Generalbundesanwalt (2)Generalbundesanwalt (3), "Spiegel", "Tageszeitung", Verfassungsschutz Bayern, ARD, "Bild-Zeitung", Facebook, Nachrichtenagentur DPA


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