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Richard von Weizsäcker Der Super-Präsident


Kein Bundespräsident wird bis heute so geliebt, keiner hat dieses Format, kaum einer ist Helmut Kohl so auf die Nerven gegangen. Herzlichen Glückwunsch zum 90sten, Richard von Weizsäcker.
Eine Gratulation von Hans Peter Schütz

Sein 90. Geburtstag? Wer Richard von Weizsäcker in diesen Tagen in Berlin begegnet, glaubt das nicht. Unlängst war er in der CDU-Zentrale, um den 80. Geburtstag von Heiner Geißler mitzufeiern. Da saß er in der ersten Reihe und blickte jugendlich frischer drein als Geißler. Vor sieben Jahren hat er - zum zehnten Mal! - das Sportabzeichen gemacht. Vermutlich würde er es auch heute noch schaffen. Und auch als Altpräsident, der er seit 16 Jahren ist, ist er immer noch Präsident. Sein Biograf Hermann Rudolph schrieb in diesen Tagen zu Recht von einem staunenswerten Phänomen: "Der Privatmann Richard von Weizsäcker blieb eine moralisch-politische Instanz - sozusagen ein Präsident ohne Amt."

"Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung"

Noch immer gelingt ihm, was während seiner zehnjährigen Amtszeit perfekt glückte: Diskussionen anzuregen, Perspektiven zu skizzieren, kurz - die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu finden. Das hat ihn zur alle anderen Präsidenten überragenden Figur gemacht. Vergleichbar integrative Wirkung auf die deutsche Gesellschaft hatte allenfalls noch Theodor Heuss.

Unstrittig ist, dass von Weizsäcker, das sechste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik, die bislang wichtigste Rede in der deutschen Nachkriegsgeschichte gehalten hat. Gehalten am 8. Mai 1985 - mit Blick zurück auf das Kriegsende am 8. Mai 1945.

"Spezialgewissenträger im Präsidentenamt"

Die zentrale Passage dieser Rede im Bonner Bundestag lautete: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung: Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft [...] Wir dürfen nicht am Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte." Die deutsche Vergangenheit müsse angenommen werden, mahnte er. Das "Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung".

Das war eine ganz ungewöhnlich mutige Rede, zumal für einen Bundespräsidenten, der zu diesem Zeitpunkt noch sehr frisch in diesem Amt war. Viele schäumten vor Wut, natürlich die Vertriebenenfunktionäre, alle Rechtsausleger der Republik, aber Politiker der CDU/CSU. Franz-Josef Strauß beschimpfte ihn als "Spezialgewissenträger im Präsidentenamt". Schluss müsse sein mit der "ewigen Vergangenheitsbewältigung".

Und natürlich fehlten nicht die gehässigen Hinweise darauf, dass ausgerechnet einer diese Rede halte, der den Nazis vom ersten bis zum letzten Kriegstag treu als Soldat gedient habe. Einer, der viele im Widerstand zwar persönlich gekannt, doch den Weg dahin selbst nicht gefunden habe. Dessen Vater als Staatssekretär im Auswärtigen Amt Hitler zu Diensten war und sich dann von seinem Sohn Richard, damals noch Jurastudent, vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal verteidigen lassen musste. Es waren schwierige Tage für Richard von Weizsäcker. Er hat sie mit Bravour durchgestanden - und das war natürlich schwer für einen Mann, der jener Wehrmacht angehört hatte, die für viele Verbrechen der Nazis williger Helfer gewesen war. Aber wann sind jemals von einer Rede des Bundespräsidenten 650.000 gedruckte Exemplare nachgefragt worden?

Kohls Niederlage gegen von Weizsäcker

"Es allen recht zu machen, ist nicht möglich", gehört zur Lebensphilosophie dieses Mannes. Dieser Satz war auch stets die Maxime seines politischen Lebens. Der CDU-Politiker von Weizsäcker stand zum Zorn vieler Parteifreunde schon in den sechziger Jahren zum so genannten "Tübinger Memorandum", in dem sich prominente deutsche Wissenschaftler (darunter sein Bruder Carl-Friedrich) zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als polnischer Westgrenze bekannten. Immerhin war sein älterer Bruder Heinrich beim Überschreiten der polnischen Grenze in den ersten Kriegstagen gefallen.

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Auch Parteipolitik hat von Weizsäcker stets nach dieser Maxime gemacht. Der andere historische Jubilar dieser Tage, Helmut Kohl, hat es ihm nie verziehen, dass dieser Mann, den er selbst in die Politik geholt und sogleich hoch oben in der CDU-Hierarchie etabliert hatte, nie nach seiner Pfeife tanzte. Das Wort von der "Machtversessenheit", über die von Weizsäcker einmal aus dem Präsidialamt heraus klagte und das natürlich auf Kohl gemünzt war, hat der Kanzler ihm nicht vergessen. In den Memoiren Kohls kommt dieser Bundespräsident beim Thema "Zusammenarbeit zwischen Kanzler und Präsident" gerade mal mit 47 Zeilen vor - eine absurd kurze Würdigung einer politischen Kooperation, die über viele Jahrzehnte hinweg dauerte. Es war eben eine überaus schwierige Beziehungskiste. Das zentrale Problem bestand darin, dass der eleganten Persönlichkeit von Weizsäckers all die intellektuelle Autorität problemlos zuzufliegen schien, die Kohl nie erzielt hat. Hinzu kam, dass von Weizsäcker das Präsidentenamt schon früh als Lebensziel anvisiert hatte und dafür dann 1984 auch gegen den erklärten Willen Kohls dafür antrat. Kohl hatte ihm - aus Kohls Sicht - das Amt eines Regierenden Berliner Bürgermeisters ermöglicht. Dort sollte er nach des Kanzlers Willen seine politische Lebensaufgabe erfüllen. Doch von Weizsäcker wagte die Machtprobe - und gewann.

Ein Mann wie in einem Ölgemälde

Vermutlich hat Kohl gewusst, dass er diesen Mann nie in seinen Schatten würde zwingen können. Typisch jener peinliche Racheakt, bei dem die CDU 1997 von Weizsäcker aus der Partei wegen nicht gezahlter Beiträge ausschließen wollte, weil er seine Mitgliedschaft (seit 1954) während der Präsidentschaft hatte ruhen lassen. Die Aktion ist zum Glück der CDU schließlich gescheitert.

Schließlich war von Weizsäcker damals schon "King Richard", den die Bürger zu ihm aufblickend parteiübergreifend liebten. So feierte ihn die "Stuttgarter Zeitung" in jenen Tagen einmal mit hymnischen Sätzen: "Wäre Richard von Weizsäcker nicht, der er tatsächlich ist, die Republik hätte sich ihren Präsidenten kaum wirkungsvoller erträumen können. Wie er, diesen schönen Ernst im Blick, sich zurücklehnt im Empire-Gestühl der Villa Hammerschmidt, wie er die Beine fast tänzerisch übereinander legt, wie er die Hände faltet und wieder öffnet zu kleinen Gebärden, wie er - allein in seiner Erscheinung, seinem Auftreten - sich einpasst in den Rahmen des Amtssitzes, da könnte er gerade und für einen kurzen Moment aus einem der Ölgemälde an der Wand herabgestiegen sein."

Wird das jemals wieder über einen Bundespräsidenten geschrieben werden? Wohl kaum. Wir gratulieren!


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