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Rostock: Ruhe nach dem Sturm

In der Nacht nach den schweren Krawallen, bei denen fast 1000 Menschen verletzt wurden, hat sich die Lage in Rostock beruhigt. Es habe keine weiteren Zwischenfälle gegeben, sagte ein Sprecher der G-8-Sondereinheit der Sicherheitskräfte.

Nach den schweren Krawallen während der Großdemonstration gegen den G8-Gipfel von Heiligendamm hat in Rostock in der Nacht gespannte Ruhe geherrscht. In der Stadt sei es friedlich gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Bis nach Mitternacht kreisten allerdings noch Hubschrauber. Ein Großteil der gewaltbereiten Demonstranten sei in der Stadt geblieben, hieß es. Die Polizei habe dementsprechend "starke" Einsatzkräfte aufgestellt. Genaue Zahlen wurden nicht genannt. Es habe aber keine Zwischenfälle gegeben. Auch am Morgen sei die Lage ruhig gewesen.

Fast 1000 Menschen verletzt

Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen am Rande der Rostocker Großdemonstration gegen den G8-Gipfel sind nach Angaben der Organisatoren mindestens 520 Demonstranten verletzt worden. Darunter seien etwa 20 Schwerverletzte, sagte Silke Studzinsky vom anwaltlichen Notdienst am Sonntag. Viele Demonstranten seien durch unverhältnismäßige Gewalt bei der Festnahme durch die Polizei verletzt worden. Anwälte, die den mindestens 165 Festgenommenen helfen wollten, seien in ihrer Arbeit behindert worden. Die Polizei nannte eine Zahl von 125 Festnahmen. Gegen zehn der Festgenommenen ermittelt die Polizei wegen Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung. Die Rostocker Staatsanwaltschaft hat daher beim zuständigen Amstgericht bereits die Haft angeordnet.

Auf Seiten der Polizei wurden 433 Ordnungshüter verletzt, 30 von ihnen schwer. Bei den schwersten Verletzungen habe es sich um offene Knochenbrüche gehandelt, sagte ein Polizeisprecher.

Der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier (CDU), verurteilte die Krawalle: "Das Bild tausender friedlicher Demonstranten wurde von 2000 brutalen Schlägern der gewaltbereiten autonomen Szene zunichte gemacht." Die auf Konfrontation ausgerichteten Chaoten hätten das berechtigte Ansinnen der friedlichen Demonstranten konterkariert. Auch Rostocks parteiloser Oberbürgermeister Roland Methling zeigte sich entsetzt über den die Gewalt während der Demonstration.

Widersprüchliche Angaben

Insgesamt bezifferte die Polizei die Gesamtzahl der Teilnehmer an der Großdemonstration auf rund 30.000. Die Veranstalter dagegen hatten rund 80.000 gezählt. Widersprüchliche Angaben gab es auch über die Zahl der Festnahmen. Die Polizei berichtete von knapp 100 Demonstranten, die während und nach den Tumulten festgenommen wurden. Etliche seien aber mittlerweile wieder frei, hieß es am Morgen. Der Sprecher des Rostocker Aktionsbündnisses Monty Schädel sprach dagegen von 120 Festnahmen. An den Krawallen hatten sich laut Polizei "mehrere tausend militante Autonome" beteiligt.

Diese Gruppe habe kurz nach Beginn der insgesamt zwei Protestzüge zur Abschlusskundgebung einen geschlossenen "Schwarzen Block" gebildet, aus dem heraus später Einsatzkräfte attackiert worden seien. Nach Darstellung der Polizei waren die Einsatzkräfte mit Stöcken, Steinen und zerbrochenen Gehwegplatten "in bisher nicht gekannter Brutalität" angegriffen worden.

Keine Angabe über Schadenshöhe

Zur Höhe der Schäden durch die Krawalle gab es bis zum Morgen keine genauen Angaben. Ein Sprecher der Stadt Rostock sagte, die Schäden an öffentlichen Einrichtungen lägen vermutlich unter einer Million Euro. In der Innenstadt waren zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen, die Straßen waren mit herausgerissenen Pflastersteinen übersät, Autos waren umgeworfen oder in Brand gesetzt worden.

Vertreter der Veranstalter und die Polizei nannten übereinstimmend die Attacke von Autonomen auf ein Einsatzfahrzeug als Auslöser der Krawalle. Schädel kritisierte die Polizei dagegen scharf. "Die Polizei hat nicht zur Deeskalation beigetragen", sagte er. Die Beamten seien nach dem Angriff auf das Polizeiauto "stümperhaft und unprofessionell vorgangen".

Heute steht in Rostock der Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft im Mittelpunkt der geplanten Protestaktionen. Nach einer Kundgebung im Zentrum wollen Demonstranten in einer Rallye "kreativer Aktionen" ins 15 Kilometer entfernte Groß Lüsewitz ziehen. Dort ist das Agrobiotechnikum beheimatet, das Zentrum für Forschung an grüner Gentechnik in Mecklenburg-Vorpommern.

DPA/Reuters/AP / AP / DPA / Reuters