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Rückblick 2010 - Geschichten, die das Jahr schrieb Wie zu Guttenberg Westerwelle abhängte


Beide repräsentieren Deutschland, aber ihre Karrieren hätten 2010 nicht unterschiedlicher verlaufen können: Unter Westerwelle gähnt der politische Abgrund. Über zu Guttenberg ist nur noch der Himmel.
Von Lutz Kinkel

Vergangenen Donnerstag kreuzten sich ihre Linien. Am Rednerpult des Bundestages: Guido Westerwelle. Erschöpft wirkt er, angegriffen. Immer mehr Liberale fordern unverhohlen seinen Rücktritt, die Debatte ist nicht mehr aufzuhalten. Wie soll er nun seine Regierungserklärung zu Afghanistan vortragen? Er, der Außenminister und Vizekanzler, der früher viel verlachte "Guiiiido", der nun ganz oben ist und doch nur seine Fallhöhe gesteigert hat? Westerwelle liest vom Blatt ab, ernst, staatsmännisch. Nur einmal erlaubt er sich einen Seitenhieb. Man könne ja jeden Abgeordneten beschimpfen, sagt er. "Aber die Schmähkritik an Frau zu Guttenberg war unanständig."

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich auf der Regierungsbank in Akten vertieft hat, schaut kurz auf. So weit ist es gekommen. Westerwelle muss mit einer kleinen Solidaritätsadresse den Eindruck erwecken, er stünde hinter zu Guttenbergs Afghanistanreise. Am Wochenende war zu Guttenberg mit seiner feschen, blonden Gattin vor Ort, Stephanie trug Holzfällerhemd und sprach im Staub von Masar-i-Sharif mit Soldatinnen. Mister und Misses Topgun an der Front, die Fotos auf allen Titelseiten. Am Montag zeichnete zu Guttenberg im Lager eine Talkshow mit Johannes B. Kerner auf. Sie wird just an diesem Donnerstag gesendet, dem Tag, an dem Westerwelle seine Regierungserklärung abgibt. Rund 48 Stunden später fliegt zu Guttenberg wieder ins Kriegsgebiet. Diesmal mit der Kanzlerin.

Der "Zickenkrieg" ist beendet

Wem "gehört" der Krieg in Afghanistan, das wichtigste außenpolitische Thema der Republik? Formal ist Westerwelle zuständig, der mit einem frühen Abzugstermin der Bundeswehr zu punkten sucht. Die Öffentlichkeit assoziiert den Einsatz jedoch allein mit Karl-Theodor zu Guttenberg, der selbst über den Abzugstermin entscheiden will. Eigentlich müsste der Krieg am Hindukusch zu Guttenberg zum Nachteil gereichen, denn 70 Prozent der Bürger lehnen den Einsatz der Bundeswehr dort ab. Doch zu Guttenberg zieht einen Vorteil daraus, denn er hat ihn mit Bildern verknüpft, die jedem Konservativen, jedem Soldaten und jedem Transatlantiker die Seele wärmen: Der Minister kümmert sich um seine Truppe. Ein Mann mit Herz und Verantwortungsgefühl. Zu Guttenberg, der Nebenaußenminister. Ach was, der Kanzlerkandidat!

"Zickenkrieg" nannte es eine CDU-Größe in einem Hintergrundgespräch, was sich zwischen Westerwelle und zu Guttenberg abspiele. Er sei nicht "im Schloss aufgewachsen", ätzte Westerwelle nach der Bundestagswahl im stern. Zu Guttenberg konterte nicht direkt, ließ den Außenminister aber spüren, dass er ihn für zweite Wahl hält. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2009 versammelte der Bayer die Großen um sich, Westerwelle musste sehen, wer für ihn übrig blieb.

Meisterliche PR-Stunts

Inzwischen hat sich der Zickenkrieg erledigt. Zu Guttenberg ist der beliebteste Politiker Deutschlands, er wird als künftiger Kanzler gehandelt, sein Parteichef Horst Seehofer hat schon Fracksausen wegen zu Guttenbergs überragender Popularität und gestand ihm deshalb auf dem Münchner Parteitag nur acht Minuten Redezeit zu. Zu Guttenberg ist der Hoffnungsträger der Partei, Seehofer der Problembär.

In der FDP ist Generalsekretär Christian Lindner der Hoffnungsträger und Parteichef Westerwelle der Problembär. Westerwelle ist der unbeliebteste Politiker Deutschlands, die Liberalen stehen in der aktuellen Forsa-Umfrage bei 3 Prozent. Die Wahlkämpfer der FDP in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben auch Fracksausen - weil sie fürchten, sie könnten in den Abwärtssog gezogen werden, der Westerwelle umstrudelt, und den Einzug in die Landtage verpassen. Westerwelle gilt als "irreparabel beschädigt", wie es Umweltminister Norbert Röttgen im stern formulierte, zu Guttenberg gilt nicht einmal mehr als überschätzt, wie es am Anfang seiner Ministerkarriere hieß. Damals, als Michael Glos hinschmiss und zu Guttenberg plötzlich Wirtschaftsminister der Großen Koalition wurde. Da fing es bereits an mit den Hochglanzfotos, der Adelsmann ließ sich in weltmännischer Pose auf dem Times Square in New York ablichten. Ein Pin-Up-Minister, raunte sich das politische Berlin zu.

Ende des Jahres 2010 sind die Kritiker verstummt. Zu Guttenberg kam gleichsam aus dem Nichts und hat beständig Format gewonnen. Seinen Rücktritt angeboten, weil er GM nicht mit Steuergeldern helfen wollte, was sich im Nachhinein als richtig erwies. In seinem neuen Amt als Verteidigungsminister den Afghanistan-Krieg einen "Krieg" genannt, was seine Vorgänger peinlich verschwiegen. Mutig die Bundeswehrreform angepackt und die Wehrpflicht gegen den Willen Seehofers gekippt. Und mit einer Meisterschaft PR-Stunts absolviert, die selbst alt gediente Beobachter sprachlos macht. Wie war das doch gleich, als sich zu Guttenberg bei einer seiner Afghanistan-Reisen bei den Journalisten entschuldigen ließ und scheinbar in geheimer Mission unterwegs war? Er verlieh einem verwundeten amerikanischen Soldaten in Vertretung des amerikanischen Präsidenten das "Purple Heart", die älteste militärische Auszeichnung der USA. Die im Flieger zurückgelassenen Journalisten rieben sich tags darauf die Augen. Denn ein Medium wurde umfänglich informiert und mit Fotos versorgt. Die "Bild".

Wikileaks hat gesprochen

Westerwelle startete als Überflieger in sein Regierungsamt, er hatte sich vom "Guiiido" mit der 18 auf der Schuhsohle, vom politischen Klassenclown, in langen Jahren zum schneidigen Oppositionsführer hoch gearbeitet. Seine rhetorischen Spitzen waren gefürchtet, seine Attraktivität bei Marktliberalen und Konservativen wuchs unaufhörlich, je mehr Angela Merkel ihre CDU sozialdemokratisierte. Bei der Bundestagswahl im September 2009 holte er mit 14,6 Prozent ein Rekordergebnis für die Liberalen, sie sahen sich auf dem Weg zur Volkspartei. Und dann verlor er beständig an Format. Die Postenschieberei, die Mövenpick-Spende, das Nichtstun vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, das Scheitern der versprochenen Steuersenkungen - alles blieb an Westerwelle kleben. Und in der Außenpolitik wurde er aufs Nebengleis geschoben. Die großen Gipfel sind für die Kanzlerin reserviert. Zu Guttenberg beackert Afghanistan. Bundespräsident Christian Wulff hat das Verhältnis zur Türkei mit einer klugen Rede auf neue Füße gestellt. Und ja, es gibt auch noch eine europäische Außenministerin. Die nationale Außenpolitik ist ohnehin strukturell geschwächt.

Aber es sind auch die Figuren, die Charaktere. Es ist das Schrille gegen das Ernsthafte, das Streberhafte gegen die Gelassenheit, das aggressive Muskelspiel gegen die elegante Pose, das Verrutschte gegen das Maßgeschneiderte. Zu Guttenberg hat, bevor er das Amt des Verteidigungsministers antrat, jahrelang still Außenpolitik gelernt. Er saß in den Ausschüssen, knüpfte Kontakte, präparierte sich. Westerwelle trat sein Amt an mit dem Gefühl, nur so in die Ahnengalerie der Staatskunst empor zu steigen. Wer außenpolitisch das bessere Standing hat, ist seit den Wikileaks-Veröffentlichungen klar. Westerwelle gilt als inkompetent, eitel und rätselhaft. Zu Guttenberg als erfahren und freundlich. So sehen es die Amerikaner.

Zwei Karrieren

Westerwelle ist der geborene Innenpolitiker, zu Guttenberg der geborene Repräsentant. Zwei Karrieren, die sich 2010 entschieden. Über zu Guttenberg ist politisch nur noch der Himmel. Unter Westerwelle gähnt der Abgrund.


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