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SACHSEN-ANHALT: Sozialismus mit Westgeld

Wo der Spaß aufhört, fängt Sachsen-Anhalt an. Im Armenhaus der Republik gibt es kaum Arbeit und noch weniger Hoffnung. Sonntag ist Wahl - die PDS hat die besten Chancen.

Schlechte Laune muss ansteckend sein, ein Virus, jedenfalls verheerend für Land und Leute. Sogar der Fotograf, abgehärtet in Russland - wie der Reporter - und durch seine DDR-Biografie, klagt schon nach wenigen Kilometern über die typischen Beschwerden. Das hat er doch alles schon mal fotografiert - die Burgen und Wörlitzer Parks, Harz und Fachwerkromantik. Aber dazwischen? Das sieht doch immer noch alles aus wie Zone: Industrieruinen und traurige Menschen, rostende Bagger und leergefegte Städte. Das große Nichts, keine Farbe, nicht zum Aushalten.

Sachsen-Anhalt fängt dort an, wo der Spaß aufhört

Vielleicht ist das nur der erste Eindruck, weil sich die Autobahn A 9 an der nördlichen Landesgrenze immer noch zu einer zweispurigen Baustelle verbremst. Vielleicht fahren wir die ganze Zeit durch die falschen Städte, treffen die falschen Leute, alles nur Miesmacher, die jede Woche zu Hunderten das Land verlassen und eine Stimmung verbreiten wie in den letzten Jahren der DDR.

Jedenfalls bringt einen der erste Optimist nach zwei Wochen quer durch Sachsen-Anhalt ganz schön ins Grübeln. Er sitzt in der Magdeburger Staatskanzlei, zündet seine Pfeife an und sagt: »Die Chancen für unser Land sind wirklich gut.« Höchste Arbeitslosenquote, Rekorde bei Pleiten und Abwanderung, null Wachstum, aber der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt sagt: »Die Fakten sind besser als die Stimmung.«

Es macht keinen Spaß, Reinhard Höppner mit Zahlen zu quälen - es wäre auch zu einfach. Dieser Job verdient vor allem Mitleid. Niemand würde es ihm übel nehmen, wenn er nach acht Jahren hinschmeißen würde. Er hat es ja versucht, hat sich krumm regiert und in seiner Not das »Magdeburger Modell« erfunden.Die letzten acht Jahre musste sich seine Minderheitsregierung von der PDS tolerieren lassen. Nach manchen Umfragen kann er froh sein, wenn ihn die SED-Rentner noch mitregieren lassen. Aber jetzt ist Wahlkampf, jammern gilt nicht mehr. Deshalb will Höppner, 53, das Bild vom »Armenhaus Deutschlands« nicht gelten lassen, sondern macht, ganz Mathematiker, Gegenrechnungen auf: »Unser Land hat die beste Kinderbetreuung, baut die meisten neuen Straßen, hat die modernsten Hochschulen.«

»Ja, aber« im Großformat

So steht es auch trotzig überall im Land auf den Plakaten seiner Partei. Die SPD-Kampagne ist eine einzige Entschuldigung, ein »Ja, aber« im Großformat und klingt wie die Durchhalteparolen einer machtlosen Partei- und Staatsführung, der gegen Resignation und Republikflucht nichts einfällt als die Gebetsmühle der sozialistischen Errungenschaften. Massenhaft Jugendarbeitslosigkeit. »Ja, aber dafür schaffen wir die meisten Ausbildungsplätze.« Niedrigste Investitionsquote. »Ja, aber dafür liegen wir bei Investitionen von ausländischen Firmen vorn.«

Test für das bundesweite Duell

Die Zahlen kleben wie Pech an Höppner, und Pech ist auch, dass nun wieder alle nach Sachsen-Anhalt schauen. Die Landtagswahl am Sonntag dieser Woche gilt als Test für das bundesweite Duell zwischen Stoiber und Schröder. Und so passen alle auf, wenn sich die Magdeburger Politiker wie beim Skat die schlechten Daten um die Ohren hauen: Das Land habe den höchsten Sozialhilfebedarf pro Einwohner, das niedrigste Einkommen, die höchste Überalterung, höchste Verschuldung. Es ist ein Null ouvert: Nur Luschen sind Trumpf. Die verbliebenen zwei Millionen Wähler im Land halten sich bloß noch die Ohren zu. Alle wollen, dass endlich was passiert, und glauben selbst nicht daran. Schuld ist wahlweise die Arbeit, die nicht kommt, die Wessis oder die Roten. Ausreisen oder ausharren? Das ist die Frage.

Aber wählen? »Wen denn?«, fragt Dennis, 20. Er steht an einer Bushaltestelle in Schneidlingen, ist seit der Lehre arbeitslos und nur noch da, weil er sich nicht losreißen kann: »Die Freundin, die Disco, die Kumpels.« Dafür hält er die Gammelei durch, irgendwie geht es schon. Auch das gehört zur alten DDR-Mentalität: Solange es bei den meisten noch für einen Hyundai und Bretter vom Baumarkt reicht, kann man sich mit dem begnügen, was man schon immer wollte: Sozialismus mit Westgeld.

Von Luther über Bauhaus bis zur chemischen Großindustrie

Sachsen-Anhalt ist ein verrücktes Land mit großer Vergangenheit, aber ohne Identität. Hier haben die Ottonen Deutschland erfunden, hier gibt es uralte Universitäten und in jeder zweiten Stadt einen Dom. Es ist ein fruchtbarer Landstrich für Weizen und Umbrüche, von Luther über Bauhaus bis zur chemischen Großindustrie. In den ehemaligen Bezirken Halle und Magdeburg brachen nach der Wende die meisten Kombinate zusammen, wütete die Treuhand am längsten, gab es jahrelang die meisten fremdenfeindlichen Straftaten pro Einwohner. Mecklenburg hat die Ostsee, Brandenburg die Umgebung von Berlin, Sachsen und Thüringen ihren Freistaatstolz. Sachsen-Anhalt hat nur einen Bindestrich und Höppner, der es nicht mal ironisch meint, wenn er sich wie einst Honecker verzweifelt auf das »Kulturerbe« beruft: »Wir sind das denkmalreichste Land Deutschlands.«

Eins davon steht auf einem Berg bei Blankenburg - noch, denn bald wird das baufällige Welfenschloss den Berg herunterfallen. Dabei gab es hier sogar einen Investor, verrückt genug, den riesigen Kasten zu kaufen. Es gab große Pläne, Spatenstiche und Förderzusagen von rund 200 Millionen Mark. Der »Planet Harz« sollte das »größte Tourismusprojekt Deutschlands« werden, mit Hotels und Musical, Thermalbad und Golfplätzen, bis sich 1998 wieder schlechte Laune breit machte: Kann ein Investor seriös sein, der 500 Millionen Mark in unsere Stadt stecken will?

Am Ende fiel der »Planet Harz« vom Himmel, und offiziell wurde festgelegt: »Der Investor Hampe war ein Scharlatan.« So erklärt Höppner die Pleite noch heute. Wilfried Hampe aus München schimpft dagegen über »politische Gauner« und »arbeitslose PDS-Leute«, die ihm stolz ins Gesicht gesagt hätten, sie würden bestimmt nicht für ihn den Kaffee servieren. Inzwischen plant Hampe bei Krefeld einen Dino-Park für 850 Millionen Euro.

Landebahn für Pleitegeier

Woanders war die Landesregierung nicht so zimperlich und versenkte zum Beispiel bei Cochstedt im Kreis Aschersleben über 80 Millionen Mark in einen alten Russenflughafen. Windige Wessis hatten amerikanische Investoren aus der Flugzeugindustrie versprochen. Weil bis heute keiner kam, schoss man immer weitere Millionen nach und baute auch noch einen Passagierterminal. Jetzt hat Cochstedt eine 2500 Meter lange Landebahn, tragfähiger als in Frankfurt am Main, einen Tower mit feinster Kontrolltechnik, aber auf der Luftfahrtkarte ist der Flughafen Cochstedt wieder verschwunden. Unbezahlte Baufirmen holten sich ihr Material zurück. Ab und zu streift ein Insolvenzverwalter über das riesige Gelände, und ein Wachmann passt auf, dass nicht noch mehr verschwindet.

Sachsen-Anhalt und die Flughäfen, das ist eine Geschichte für sich. Keine 30 Minuten von Cochstedt liegt die nächste Piste. Knapp zehn Millionen Mark haben Ausbau und Modernisierung des Magdeburger Flugplatzes gekostet, 6,6 Millionen kamen vom Land. Auch hier steht seit zwei Jahren ein nagelneuer Terminal: viel Glas und Stahl und helles Holz, dazwischen Schilder für Abflug, Ankunft und Zoll. Nur leider alles zu. Zwei Männer radeln gemütlich über das Vorfeld. Hallo! Wann geht denn der nächste Flieger? Die Männer »dürfen nichts sagen« - nur so viel: diese Woche jedenfalls nicht, nächste Woche auch nicht.Ab Mai vielleicht eine tschechische Propellermaschine nach Prag und Karlsbad, einmal pro Woche mit 17 Sitzplätzen, falls der Reiseveranstalter sie verkauft kriegt. »Jetzt muss man Verkehre entwickeln«, sagt der Flugplatz-Geschäftsführer Peter Fechner. Seine Leute sind »multifunktional ausgebildet«, können abfertigen, lotsen und tanken. Es gibt nur ein Problem: nichts abzufertigen.

Zu groß und zu nah ist der Flughafen Halle-Leipzig, wo auch auf Kosten Sachsen-Anhalts seit Jahren gebuddelt wird. Nicht zu vergessen die größte Flughafen-Hoffnung des Landes bei Stendal, aus dem das interkontinentale Drehkreuz in der Altmark werden soll. »Das wird ein richtiger Flughafen«, schwärmt der Ministerpräsident. Seine Minister haben schon mal rund eine Million Mark in Gutachten investiert, die dem Großprojekt Stendal International zumindest so lange Chancen geben, wie Berlin mit dem Ausbau von Schönefeld nicht aus dem Knick kommt.

Fördergelder und Hoffnung

So hangelt sich Sachsen-Anhalt von einem Projekt zum nächsten Fördertopf, von Hoffnung zu Hoffnung. Zwischendurch, meist kurz vor den Wahlen, wird das Land mit Spatenstichen umgegraben, manchmal taucht sogar der Bundeskanzler auf und tut so, als könne er Waggonwerke retten. Ohne dieses Werk in Ammendorf gäbe es in Sachsen-Anhalt gerade noch sechs Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern.

Halle im Süden des Landes hat es besonders schlimm erwischt: Der Leuna-Effekt im Chemiedreieck sorgt zwar für riesige Investitionssummen, aber die modernen Raffinerien und Chemiebuden kommen mit wenigen Leuten aus. Die fetten Investoren landen fast alle im sächsischen Leipzig, erst Porsche, dann BMW. Halle ist unübersehbar im Eimer. Über 60 000 Menschen sind schon verschwunden, ihre leeren Platten warten auf den Abriss. Wenn doch mal eine Fassade blinkt, sind das garantiert die Stadtwerke, Krankenkassen oder Autohäuser. Und die letzten Geschäfte in Halle-Neustadt heißen »Mäc-Geiz« oder »Billig-Land«.

In einem anderen Viertel mit dem irreführenden Namen Gesundbrunnen gab es bis vor kurzem noch ein richtiges Lebensmittelgeschäft. »Der nette Laden« war ein Nach-Wende-Traum des ehemaligen Tankwarts Lutz Pieper. Nach und nach blieb die Kundschaft aus. Seit Januar ist geschlossen. »Meine letzten Stammkunden kann ich auch direkt beliefern«, sagt Pieper und bringt den Omas gleich noch das Geld dafür von der Bank mit. Lutz Pieper, 44, ist eigentlich ein zuversichtlicher Mensch mit lustigem Zwirbelbart - und der Mann der FDP-Generalsekretärin. Weil seine Frau Cornelia als Spitzenkandidatin antritt, steht auf seinem gelben Lieferwagen »Cornelia for president«. Trotzdem weiß der First-Gentleman-Kandidat »ehrlich gesagt auch nicht, wie das alles weitergehen soll«. Wenn er allein die Innenstadt von Halle sieht: »Nur noch Fidschis und depressive Leute, dieses ganze unattraktive Elend.«

Hätte seine Frau nicht eine Koalition mit der Schill-Partei ausgeschlossen, wäre das vielleicht eine Gesprächsbasis. Auch der Chef des ersten Hamburger Ost-Ablegers schimpft gern über Scheinasylanten und beeindruckt seine wenigen Anhänger auch sonst mit entwaffnender Offenheit: Ulrich Marseille ist Gründer und Mehrheitsaktionär der Marseille Kliniken AG, die auch in Sachsen-Anhalt acht Alten- und Pflegeheime betreibt. In mehreren Prozessen gegen das Land will er sich etwa 25 Millionen nachträgliche Förder-Euro ertrotzen.

In einer Halberstädter Gaststätte hat Marseille zu einer Informationsveranstaltung geladen. Weil seine Kandidaten weitgehend unter sich bleiben, wird die Runde kurzerhand zur »öffentlichen Mitgliederversammlung« erklärt. Die Schill-Leute fragen sich gegenseitig ab wie auf einem Pioniernachmittag: »Mich würde mal interessieren, was so ein Asylbetrüger eigentlich kostet«, fragt einer. »Das kann ich Ihnen genau sagen«, sagt Marseille und spricht langatmig über seine Erfahrungen mit Hamburger Drogendealern - und über »Ehrlichkeit im christlichen Sinne«.

»So etwas habe ich noch nie gehört«, sagt Klaus Ender aus Wernigerode voller Ehrfurcht. Er ist Ronald Schills Listenkandidat Nummer 21, war früher Offizier der Nationalen Volksarmee und hat endlich wieder eine Partei gefunden, »die nicht nach meiner Vergangenheit fragt«. Außerdem sieht er dem Hamburger Innensenator dermaßen ähnlich, dass er ihn glatt doubeln könnte, wenn es mal eng wird.

Einen Doppelgänger könnte Reinhard Höppner auch manchmal gebrauchen. Der müsste dann diese hässlichen Umfragen kommentieren, in denen seine Partei unter 30 Prozent rutscht, oder die protzigste Landesvertretung von Berlin oder - nein, das macht er lieber selbst - Bauschilder enthüllen, Lottoschecks übergeben und den ersten Spaten für eine Behindertentagesstätte stechen. Als krönender Abschluss an diesem Montag Ende März steht der Besuch einer Fabrik mit über 100 Leuten auf dem Programm, die keine roten Zahlen schreibt, sondern »eine kleine schwarze Null«, wie der Geschäftsführer der Druckguss GmbH in Hoym mit bescheidenem Stolz erklärt.

Na also, geht doch! »Das ist ja eine richtige Erfolgsstory«, lobt der Ministerpräsident die Automobilzulieferer. Aber er wäre nicht Reinhard Höppner, wenn er bei seinem Rundgang nicht ausgerechnet den wahrscheinlich einzigen unzufriedenen Arbeiter erwischen müsste. Georg Fuss lehnt an seiner Maschine und fragt den Landesvater frech, womit er sich hier eigentlich brüste: »Mit der einzigen Bude weit und breit?« Damit, dass die Leute für ein Viertel unter Osttarif arbeiten? »Dafür, dass Unternehmer, wenn überhaupt, nur wegen Fördermillionen und billigen Arbeitskräften hierher kommen?«

Ja, warum denn sonst? So eine Undankbarkeit! Am liebsten möchte man für Höppner in die Bresche springen. Denn das sind die Momente, in denen noch der letzte Optimist anfällig für das Schlechte-Laune-Virus scheint. Fast kommt es zu einem Handgemenge. Der Ministerpräsident holt aus und haut - aber dann besinnt er sich - dem Arbeiter versöhnlich auf die Schulter. Ist ja alles richtig: »Wir haben vor allem ein Imageproblem.«

Holger Witzel