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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Genossen - wählt Ramelow!

Hat die Thüringer SPD auch nur ein Milligramm Mumm, tut sie es: Sie beendet die 24 Jahre CDU-Herrschaft. Und wählt den Linken Ramelow zum Ministerpräsidenten. Das bietet mehr Chancen als Risiken.

Von Laura Himmelreich

Es war eine Zitterpartie bis spät in die Nacht. Die Wähler straften die SPD in Thüringen dermaßen ab, dass es beinahe nicht einmal für eine Große Koalition gereicht hätte. Wobei das Wort "groß" im Zusammenhang mit einer 12-Prozent-Partei ohnehin ein ziemlicher Euphemismus ist.

Allerdings ist dies nicht die einzige Option der Genossen. Seit die Sitzverteilung feststeht, kann sich die SPD nicht mehr davor drücken, eines der zwei Übel zu wählen. Sie kann mit der Union weiterregieren, in einer Koalition, die durch Skandale und Beschimpfungen vergiftetet ist. Oder sie kann zur Linken wechseln. Dann wäre die SPD Juniorpartner einer Partei, in deren Landtagsreihen noch immer Ex-Mitarbeiter der Stasi sitzen. So sehr sich bei der Vorstellung unter den Linken zu regieren der ein oder andere sozialdemokratische Magen umdrehen mag, die SPD sollte sich an den Gedanken gewöhnen. Eine rot-rot-grüne Koalition in Thüringen bietet mehr Chancen als Risiken. Für die SPD wäre es an der Zeit zu springen.

Ramelow - ist das nicht ein Sozi?

Inhaltlich ist ein Rot-Rot-Grün kein Problem. Im Erfurter Landtag wird nicht über Krieg und Frieden entschieden, sondern über Abwassergebühren und Gebietsreformen. Linke, SPD und Grüne liegen bei diesen Themen mindestens so nahe beieinander wie CDU und SPD. Bodo Ramelow wäre ein derart pragmatischer Ministerpräsident, dass man ihn genauso gut für einen Sozialdemokraten halten könnte, trüge er nicht an seinem Revers immer einen Anstecker mit dem dreieckigen Symbol der Linkspartei.

Ramelow will Geschichte schreiben und Deutschlands erster linker Ministerpräsident werden. Er möchte das unbedingt. Tief steckt in ihm das Trauma, dass 2009 schon einmal Sondierungsgespräche mit der SPD gescheitert sind. Ramelow wird deswegen auf die SPD zugehen, wo immer es nur geht. Die SPD kann von seinem Willen zur Macht profitieren, Zugeständnisse und Posten einfordern und am Ende in der Regierung größer wirken als sie eigentlich ist.

Den schwarzen Filz beseitigen

Die Skandale und Skandälchen der vergangenen Monate haben gezeigt, dass der CDU nicht gut tut, wenn sie zu lange regiert. Rot-Rot-Grün hätte nun die Chance, den schwarzen Filz, der sich in den vergangenen 24 Jahren angesammelt hat, zu beseitigen.

Auch für die Bundespolitik wäre Rot-Rot-Grün ein Signal. So mancher in der SPD hofft, dass die Linke mehr wird wie Bodo Ramelow, wenn der erst einmal regiert. Ein pragmatischer Ministerpräsident Ramelow in der Thüringer Staatskanzlei könnte auch dem ein oder anderen Linken in Berlin Lust darauf machen, die Daueropposition im Bundestag zu verlassen.

Im Jahr 24 nach der Wiedervereinigung

Die SPD hat ein Interesse, das Verhältnis zur Linken zu normalisieren. Denn so lange sie zwischen 23 oder 26 Prozent verharrt, bleibt Rot-Rot-Grün die einzige Chance für die Sozialdemokraten irgendwann einmal wieder einen Kanzler zu stellen.

Natürlich ist es ein Wagnis, mit nur einer Stimme Mehrheit in Thüringen das Experiment "linker Ministerpräsident" zu starten. Der Druck auf Ramelow und seine Genossen wäre enorm zu beweisen, dass sie der Verantwortung gerecht werden. Die Linke würde das sicher disziplinieren. Den meisten Thüringern jagt die Vorstellung eines linken Landesvaters schon längst keine Angst mehr ein. 24 Jahre nach der Wiedervereinigung wäre es an der Zeit, dass auch die SPD ihre Scheu verliert.

Laura Himmelreich ist Redakteurin im Berliner Büro und porträtierte Bodo Ramelow für die aktuelle Ausgabe des stern. Auf Twitter können Sie ihr folgen unter: @im_himmelreich