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Schnauze, Wessi!: Was hat die "Super Illu", was West-Zeitungen nicht haben?

Alle haben es probiert, aber die Mauer am Zeitungskiosk steht immer noch: Trotz Journalisten-Im- und Export kommt die West-Presse im Osten nach 24 Jahren nicht an. Ein Rätsel der misslungenen Einheit.

Von Holger Witzel

Nichts für Ostdeutsche, meint Holger Witzel: Die meisten von ihnen kaufen seit fast 25 Jahren keine Westzeitschriften.

Nichts für Ostdeutsche, meint Holger Witzel: Die meisten von ihnen kaufen seit fast 25 Jahren keine Westzeitschriften.

Seit einiger Zeit versucht es "Die Zeit" mal wieder mit einer Extrawurst. Zunächst fanden nur sächsische Leser ein paar Artikel aus ihrer Gegend in der dicken Hamburger Wochenzeitung, und fragte trotzig von Werbeplakaten: "Was wisst Ihr schon von unserem Leben?" Inzwischen heißen die Sonderseiten "Zeit im Osten" - vermutlich eine Anspielung auf die höhere Arbeitslosigkeit. Es gibt ein Korrespondentenbüro in Dresden, das ein westdeutscher Kollege leitet. Viel mehr über "unser Leben" erfahren die meisten "Zeit"-Leser trotzdem kaum, denn die Ost-Seiten erscheinen selbstverständlich nicht in der Hauptauflage. Das ist preiswerter, belästigt Stammkunden nicht - und zeigt schon das ganze Problem: Der nahe Osten ist und bleibt Auslandsberichterstattung, eine Art inner-Deutsche Welle.

Normale Westdeutsche lesen höchstens mal ein paar gruselige Geschichten über Babys in Kühltruhen oder Nazis an Tankstellen. Die meisten Ostdeutschen aber - und das ist noch schlimmer - kaufen seit fast 25 Jahren keine Westzeitschriften. Sie fremdeln mit "Spiegel", "Brigitte" oder "Bunte" - ja, sogar der stern in seiner ehrlichen Vielfalt wird in den modernen Bundesländern nur einen Bruchteil seiner Auflage los. Die Mauer am Zeitungskiosk ist gleichzeitig Menetekel und eines der größten Rätsel der misslungenen Einheit - allenfalls vergleichbar mit einer eifrigen FDJlerin im Kanzleramt.

Es liegt nicht etwa daran, dass die Menschen im Osten nicht lesen können, wie Hamburger lange glaubten, nicht mehr nur am arroganten Blick ihrer Reporter oder den Abo-Preisen. Das alles hat man mit Sonderbeilagen und Ost-Offensiven durchprobiert. Für den verständnisvollen Ton halten sich große Redaktionen sogar je ein bis zwei ehemalige Wandzeitungsredakteure. Die sind von Geburt an qualifiziert, so zu tun, als würde man diese seltsamen Menschen ernst nehmen, aber fühlen sich selbst noch in New York wie Spiegel-Reporter Alexander Osang als "Ostler" in der fremde Welt geschickt: "Wie das Sandmännchen auf großer Reise."

Erfolgreiche Ostdeutsche sind eine Rarität

Mir geht es schon so, wenn ich mal nach Fulda muss oder die Redaktion plötzlich "etwas Positives" aus dem Osten wünscht. Das kommt in Wellen, hängt mit Einheitsjubiläen oder dem schlechten Gewissen zusammen, weil es sonst keinen interessiert. "Erfolgreiche Ostdeutsche" sind dann in Hamburg immer noch für eine Überraschung gut, ebenso das Märchen vom Rotkäppchen und anderer scheinbar einheimischer Marken, die nur durch billige Arbeitskräfte und das penetrante Ethnomarketing ihrer westdeutschen Eigentümer überlebt haben, aber das kann man ja weglassen.

Einmal durfte ich bei einer "Leser-Befragung" in Leipzig dabei sein. Es war eigentlich eher eine Nicht-Leser-Befragung, doch die Marketing-Leute hatten ein paar Ausgaben des dabei und wollten wissen, warum das hier keinen interessiert. Das Gegenteil war der Fall - die Testleser mochten die Hefte und Themen, ihre Antworten waren dennoch schockierend: Wie soll man das denn jede Woche alles lesen?! So etwas hatten die Experten noch nie gehört: Durchlesen! Der selektive West-Leser, so ihre Erfahrung, ist mit zwei interessanten Artikeln zufrieden - und weg damit. Der potentielle Käufer Ost dagegen hat Stress, dass er nicht alles schafft, bevor schon die nächste Ausgabe den Briefkasten verstopft.

Inzwischen haben auch Wissenschaftler untersucht, warum man im Osten seltener in den "Spiegel" schaut. "Das Bild von den Anderen nach 1990" hieß etwa eine Studie über "Ostdeutsche in den Medien". Natürlich stammte der Projektleiter aus Heidelberg, mit "den Medien" waren selbstverständlich überregionale aus dem Westen gemeint - die Befunde umso bezeichnender: Während Ostler bei der "tageszeitung" oft als "von der Diktatur deformierte Persönlichkeiten” dargestellt würden, tauchten sie in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gern als "unbelehrbare Nostalgiker" auf. In den meisten Fällen jedoch gar nicht. Nach anfänglicher Neugier, so das Fazit, würden Ostdeutsche gar nicht mehr erwarten, dass sie oder ihr Leben in West-Medien überhaupt - oder gar halbwegs wahrhaftig vorkommen.

Was macht die "SuperIllu" besser?

Die einzige Ausnahme ist ein bizarres Fachblatt für alte Schlagersänger und was der Burda-Verlag sonst noch für ostdeutschen Zeitgeist hält. Wieso aber erreicht eine Zeitschrift namens "SuperIllu", in der "Goldene Hennen" ständig Einheits-Eier in blühende Landschaften legen, mehr Leser als alle bunten Westblätter zusammen? Wieso hat das die fast gleichnamige Zeitung "Super" aus dem gleichen Verlag nicht geschafft - trotz wunderbarer Schlagzeilen wie "Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen"? Möglicherweise liegt es daran, dass doch nicht "ganz Bernau jubelte", wie der Artikel außerdem versprach. Später stellte sich auch noch heraus, dass der westdeutsche Glücksritter von einem Landsmann erschlagen wurden war. Die westdeutschen Redakteure hatten auf eine Häme gesetzt, die nur ihre eigene war. In der "SuperIllu" dagegen schwärmen sie bis heute ungeniert von "unserer schönen Heimat". Verfällt die Süddeutsche Zeitung mit #Link;http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-deutsche-einheit-unser-osten-1.996707;"Unser Osten"# in einen ähnlich schwachsinnigen Duktus, fragt man sich unwillkürlich, ob das nur zynisch, anmaßend oder - noch schlimmer: beides - sogar gut gemeint ist. Unter anderem berichten dann Westdeutsche über Westdeutsche, die in Leipzig Platten auflegen, weil es da "definitiv freier ist als in München". Eine Autorin traf nach 16 Jahren ihren ersten "Ossi" wieder und staunte, dass der unterernährte Typ mit den komischen Klamotten inzwischen für Tarantino arbeitet, aber nie mit einer Westfrau zusammen war. Ihr komischer Kommentar: "Komisch eigentlich."

Wenigstens die "Titanic" bekennt sich immer noch offen zur "endgültigen Teilung Deutschlands", vermutlich um den "Eulenspiegel" loszuwerden und wieder die auflagenstärkste Satirezeitschrift zu sein. Zunächst hatte ich sie sogar unter Verdacht, hinter einem Nachwuchs-Klugscheißer zu stecken, der neuerdings auf "Zenders Zone" erklärt, er habe "Bock auf Osten". Das Logo seiner Webseite schlägt zwar Thüringen gleich dem Westen zu. Laut seiner "Maxime" aber möchte er als "Westler" auch mal ein "selbstbewusstes Ostdeutschland" zeigen. Klingt wieder wie "Frösi" oder "SuperIllu" - und richtig: Dort volontiert er auch. Dennoch sind wir gewissermaßen Kollegen, nur in jeder Beziehung umgekehrt: Ich versuche Westlern zu erklären, dass selbst ihr Selbstbewusstsein Selbstbetrug ist - und habe keinen Bock mehr auf sie.

Unterdessen glauben Hamburger bei der Westberliner Morgenpost, ihren kaum vorhandenen Ostlesern auch noch beibringen zu müssen, "wie man überzeugte Wessis zur Weißglut bringt". Offenbar sinken die Auflagen überall so dramatisch, dass sich niemand für diese erbärmlichen Ost-West-Nummern zu schade ist. Also bitte, liebe Landsleute - es geht auch um meinen Job: Klickt und teilt #link;www.stern.de/schnauze;"Schnauze Wessi"# weiter und kauft ruhig auch mal wieder einen gedruckten Soli-Stern. Ihr müsst ihn ja nicht ganz lesen.