VG-Wort Pixel

Schnauze, Wessi! Wer zu spät kommt ...


Bei Kinderkrippen, Schnaps oder dem eigenen Tod - der Westen hinkt immer noch hinterher. Wie soll man da in Zukunft den Osten durchfüttern? Ein Kopfschütteln.
Von Holger Witzel

Manchmal jagt eine dramatische Meldung aus Wiesbaden die nächste und dabei ist das selbst für westdeutsche Verhältnisse eine besonders langweilige Stadt. Schuld sind die Erbsenzähler vom Statistischen Bundesamt - vielleicht auch an der Lethargie dort - sicher aber nicht am Babyboom, den sie zuletzt errechnet haben: Danach lag die deutsche Gebärleistung 2010 so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Im Gegensatz zu westdeutschen Frauen mit 1,39 Kindern stieg die Zahl in Ostdeutschland sogar auf 1,46 Kinder pro Frau.

Dies nur auf mehr Know-how und Effizienz im Schlafzimmer zu schieben, solche Binsenweisheiten überhaupt zu erwähnen - oder durch eingeschobene Halbsätze noch zu betonen - wäre zu platt. Vermutlich hängt es auch damit zusammen, dass Westdeutsche zwar öfter heiraten, sich aber viel seltener trauen, einfach mal in der Mittagspause mit der Kollegin - beziehunsgweise überhaupt Hemmungen haben, ohne Trauschein zu vögeln. Denn wie das Statistische Bundesamt mit nur wenigen Tagen Abstand meldete, kommen Kinder im Osten auch noch mehr als doppelt so häufig unehelich zur Welt als im Westen. Und da hat Professor Töpfchen vom Krimi-Institut Hannover noch nicht mal alle Tiefkühltruhen mitgezählt. Sechs von zehn Neugeborenen im Osten sind demnach das, was man früher einen Bastard nannte. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sogar 64 Prozent. Respekt! Ich kann mich an keine Statistik erinnern, in der diese dünn besiedelten Bundesländer schon einmal vorn lagen. Außer vielleicht beim Schnapsverbrauch pro Kopf oder den wenigsten rechtsradikalen Straftaten pro Quadratmeter.

Westdeutschland schafft sich ab

Es ist faszinierend und auch ein wenig traurig: Westdeutschland schafft sich ab. Vielleicht will das Bundesamt mit solchen Meldungen auch nur von der größten Datenerfassung seit dem Sturm auf die Stasi-Zentralen 1989 ablenken, die sie derweil in aller Stille durchziehen. Weil mit dieser Volkszählung weitere Verschiebungen amtlich werden - so sollen noch viel mehr Menschen aus dem Osten abgewandert sein, als oft beklagt - mache ich mir außerdem Sorgen, wen man in Zukunft noch rechtschaffen als West-Arsch beschimpfen kann, wenn es kaum noch rechtschaffene gibt. Und wer soll den Rest hier durchfüttern? Der Ex-Chemnitzer U-Bahn-Fahrer in München oder die Erfurterin, die in Paderborn Nazi-Witwen füttert? Bei deren Löhnen kommt hier doch kaum noch was an! Da können wir auch gleich die Griechen nach einem Solidaritäts-Zuschlag fragen.

Wie der Westen unsere gemeinsame Zukunft verspielt, erinnert an das berühmteste Zitat Michail Gorbatschows, das in Wahrheit nie so gefallen ist. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", soll der angeblich zu Honecker gesagt haben, bevor sie den 40. und letzten Geburtstag der DDR feierten. Wörtlich sagte Gorbatschow am 5. Oktober 1989 auf dem Flughafen Schönefeld aber nur: "Ich glaube, Gefahren warten auf jene, die nicht auf das Leben reagieren."

Erst Pisa, dann Riesa

Möglicherweise hat es ein West-Reporter knackiger zurecht gefummelt oder ein heimlicher Dissident falsch übersetzt - Honecker machte jedenfalls noch ein paar Tage weiter wie bisher. Wenn ich allerdings lese, dass im Westen 22 Jahre später nur jedes sechste Kleinkind einen Krippenplatz findet, bleiben doch Zweifel am gesellschaftlichen Fortschritt der Hausfrauen-Diktatur. Obwohl sie angeblich wollen, tragen die Mütter dieser Kinder ohne eigenes Einkommen auch nichts zum Aufbau Ost bei. Dabei brauchen wir hier auch immer noch für jedes zweite Kind einen Krippenplatz!

Erst Pisa, dann Riesa - wie soll der Westen das alles aufholen? Eben erst hat Nordrhein-Westfalen nach jahrelangem Streit um die drei klassischen westdeutschen Schulformen eine vierte eingeführt. Die "Sekundarschule" wird dort wie eine Neuerfindung gefeiert, dabei gab es das auch schon - sagen wir mal - in Finnland. Doch kaum dürfen endlich auch Kinder im Westen nach zwölf Jahren das Abitur machen, jammern ihre Eltern schon wieder darüber. Nach wie vor kommt es da drüben zu lokalen Epidemien der Masern, weil sich asoziale Impfgegner darauf verlassen, dass die anderen schon gehen. Sie spielen Russische Roulette bei Hausgeburten. Mittelalter!

Schnaps, All, Prügelstrafe: Weltspitze

Aber feixen, weil die DDR schon 1988 mit 16,1 Litern im Jahr beim Pro-Kopf-Verbrauch von Schnaps unangefochten Weltspitze war, wie der Cottbuser Ethnologe Thomas Kochan für sein Buch "Blauer Würger" herausfand - noch vor Polen. Der Westen spielte nie in dieser Liga: Ob wir über den ersten Deutschen im All reden oder die Abschaffung der Prügelstrafe an Schulen (DDR: 1949; BRD: 1973; Bayern: 1980). Ob beim Abbau von Atomkraftwerken oder der Ausbeutung von billigen Leiharbeitern - inzwischen liegt der Osten sogar vorn, was Kapitalismus angeht. Diesen ganzen altmodischen Mist mit Gewerkschaften und Tarifverträgen hat man hier längst überwunden, während sich der westdeutsche Lohnsklave immer noch an die 37-Stunden-Woche klammert.

Schon jetzt baut Porsche für angeblich "diskriminierende" Löhne in Leipzig mehr Autos als in Stuttgart. Dafür führen unsere Affen in der größten Menschenaffenanlage außerhalb von München ein besseres Leben als Schimpansen im Wuppertaler Zoo. Selbst in Berlin-Marzahn geht es heute manchen Menschen besser.

Sandmann oder Hans-Werner Sinn?

Wohin es führt, wenn man nicht flexibel auf das Leben reagiert, bekam kurz nach Honecker schon der westdeutsche Sandmann zu spüren. Erinnert sich überhaupt noch jemand an den? Er - hier ein Link zu der verwaisten Facebook-Gruppe "West Sandmann Widerstand" - sah mit seinem Bart aus wie Hans-Werner Sinn und sollte den künftigen Kapitalmarkt-Opfern ebenfalls Sand in die Augen streuen. Kurz bevor er 1959 auf Sendung ging, bekam das DDR-Fernsehen allerdings einen Tipp von Agenten beim SFB und schickte selbst ein Sandmännchen mit Ulbricht-Bart an die Front des kalten Krieges.

Danach buhlte der arme Kerl Im Westen in wechselnden ARD-Anstalten vergeblich um die Gunst der eigenen Kinder. Selbst die sahen lieber dem Ost-Sandmann zu, der Pionierferienlager besuchte und seinen Kollegen als Kosmonaut auslachte, bis er ihn 1991 ganz in Rente schickte. Es war lange der einzige Fall unter diesen, statistisch gewissermaßen umgekehrten Vorzeichen, aber auch für die langsam wachsende Zahl abgewickelter Westler hat das zuständige Bundesamt einen Trost: Ost-Rentner sterben im Durchschnitt ein halbes Jahr eher. Und - von wegen, das wächst sich alles aus – dieser Abstand wächst sogar noch. Berechnungen des Bundesamtes gehen davon aus, dass ein Junge, der 2009 in den alten Ländern geboren wurde, fast eineinhalb Jahre länger zu leben hat als einer aus dem Osten. Weil sei weniger arbeiten? Seltener in Afghanistan den Kopf hinhalten? Weil Westdeutsche im Leben schon genug gestraft sind? Keine Ahnung - jedenfalls ein Grund mehr, die Schnauze zu halten.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker