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Schnauze Wessi!: Schlamperei und Schlendrian

Als westdeutsche Bürgermeister den Solidarpakt kündigen wollten, wurde das viel zu schnell als dümmlicher Wahlkampf abgetan. In Wahrheit ist alles noch schlimmer.

Von Holger Witzel

Wochenlang konnte der Verlag in Gütersloh - immerhin Teil eines weltweiten Medien-Konzerns - mein kleines Büchlein nicht liefern. Nur unterm Ladentisch war "Schnauze Wessi" noch zu bekommen, Bückware gewissermaßen. Und ich dachte schon an Sabotage, Zensur und Samisdat-Romantik, als man mir mitteilte, dass in der Druckerei lediglich das richtige Papier fehlte. Selbst wenn das nur eine Ausrede war, weil man die Nachfrage zum wahren Zustand der innerdeutschen Einheit unterschätzt hatte, staunte ich, wie schamlos sich die sogenannte Markt- neuerdings zur Mangelwirtschaft bekennt.

Vielleicht müssen wir uns sogar ganz von dem Gedanken verabschieden, es sei wenigstens in Konsumfragen das bessere System. Jeden Tag liest man in der Zeitung von Misswirtschaft, Stillstand und Schlamperei. Von knappen Ressourcen und fehlendem Geld für Hüftgelenke oder die Hamburger Elbphilharmonie. Dabei gibt es dort nicht mal anerkannte Spitzenorchester wie in Dresden oder Leipzig. Stattdessen berichtet eine Nachrichtenseite mit dem bezeichnenden Titel "Der Westen" nur mäßig empört über den Fall eines Angestellten der Stadt Meppen, der 14 Jahre lang keinen Handschlag für sein Gehalt tat und sich zum Abschied in den Ruhestand auch noch darüber beklagte.

Heiße Luft beim Flughafenbau

Die Menschen, so trösteten sich schon enttäuschte Kommunisten vor 22 Jahren, seien eben noch nicht reif für gesellschaftliche Experimente. Seit die Konkurrenz vor der Haustür fehlt, geht es auch mit dem real existierenden Kapitalismus nur noch bergab. Bummelei und Schlendrian potenzieren sich dabei durch systemimmanente Raffgier. Egal, könnte der Osten sagen, selbstgerecht zuschauen oder auch mal ein paar Euro spenden. Nur lassen sich die Auswirkungen leider auch durch Milliardenkredite nicht regional - etwa auf das Ruhrgebiet - begrenzen.

Wenn selbst Rumänen keinen Opel aus Bochum mehr kaufen wollen, betrifft das irgendwann auch die billige Werkbank in Eisenach. Wer - außer mir - fragt außerdem mal, woher eigentlich die genialen Planer, die sich beim Berliner Flughafenneubau um ein, zwei oder 21 Jahre vertan haben? Da ist zwar immer süffisant vom "größten Infrastrukturprojekt Ostdeutschlands" die Rede. Aber nur beiläufig kolportieren West-Berliner Zeitungen, dass der Baustellen-Chef jeden Freitag nach 13 Uhr den Bleistift fallen ließ, um nach Hause ins Rheinland zu fliegen. Wie betrunkene Hilfsmaurer in einem DDR-Bau-Kombinat schieben Politiker und namhafte Architekten aus Hamburg und Frankfurt am Main nun die Verantwortung hin und her. Auf einmal - wer hätte so viel Ehrlichkeit erwartet - kommt aus dem Westen nicht mal mehr heiße Luft.

Arbeitsverweigerung beim FC Bayern

Eher grenzt es an Arbeitsverweigerung, wie Münchner Fußballprofis Elfmeter ausführen. Oder wie die westdeutschen Stadtverwalter von Leipzig mehrere Hundert angeblich herrenlose" Grundstücke verscherbeln ließen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, die Besitzer zu ermitteln. Zufällig traf es vor allem einheimische Erben, deren Eigentum - selten genug - sowohl die DDR als auch die Wildwest-Jahre danach überlebt hatte. Wollen Sie wissen, woher die Juristen kamen, die diese Deals abwickelten? Wer im Rathaus geflissentlich weg sah, womöglich den einen oder anderen Tipp gab, bekam oder wem die Grundstücke heute gehören? Besser nicht.

"Unabhängige Experten" und Staatsanwälte aus dem Westen sollen nun klären, ob ein Nachlass-System oder nur systematische Nachlässigkeit dahinter steckte. Vermutlich aber hielten sich alle Beteiligten nur konsequent an das Bürgerliche Gesetzbuch, dessen Paragraf 964 schon als Vorbild für den Einigungsvertrag und damit der flächendeckenden Enteignung diente: "Ist ein Bienenschwarm in eine fremde besetzte Bienenwohnung eingezogen", heißt es dort, "so erstrecken sich Eigentum und sonstige Rechte an den Bienen, mit denen die Wohnung besetzt war, auf den eingezogenen Schwarm."

Die sechs größten DDR-Wunder

Und da jammern SPD-Bürgermeister aus Oberhausen oder Essen, weil bei ihnen ein paar Schwimmbäder schließen, Halle an der Saale jedoch jährlich 50 Millionen Euro für Kultur ausgibt? Na und?! Die einen sparen eben an Hygiene, die anderen setzen auf Kultur. Mit den drückenden Schulden, die der Westen in den fetten Jahren vor 1990 anhäufte, hat das so wenig zu tun wie der Solidarpakt mit dem Solidaritätszuschlag, was in diesem Zusammenhang immer wieder - leider auch vom stern - verwechselt wird. Oder - um den unverdächtigen japanischen Fußballkommentator Kiyoshi Inoue während der WM 2006 zu zitieren: "In Dortmund sieht man noch deutlich, dass hier früher das kommunistische Ostdeutschland war."

Im Ergebnis erkennen unabhängige Beobachter offenbar keine großen Unterschiede, welches System nun zuerst versagt hat. Allein der Westen macht sich und seinen Leuten weiter etwas vor. Ihm fehlt die lässige Selbstironie, mit der Ostdeutsche wenigstens rückblickend ähnliche Lebenslügen konstatieren, die "Sechs größten Wunder der DDR" zum Beispiel:

"Obwohl keiner arbeitslos war, hat nur die Hälfte gearbeitet.
Obwohl nur die Hälfte arbeitete, wurde der Plan immer erfüllt.
Obwohl der Plan immer erfüllt wurde, gab es nichts zu kaufen.
Obwohl es nichts zu kaufen gab, waren fast alle zufrieden.
Obwohl fast alle zufrieden waren, gab es oft Großdemonstrationen.
Obwohl man oft demonstrierte, wurde die Regierung immer mit 99,9 Prozent wiedergewählt."

14,99 für ein paar Beleidigungen

Davon ist selbst Nordrhein-Westfalen noch weit entfernt, aber die einfachen Menschen geben auch dort ihr Bestes: In Gütersloh kratzten sie für eine Verlosung im Fernsehen die letzten Presse-Exemplare aus den Verlagsregalen. Inzwischen drucken sie vorsichtshalber die dritte Auflage, damit sich jeder Westdeutsche für 14,99 Euro beleidigen lassen kann. Dabei kann man es hier auch weiter umsonst haben: "Schnauze, Wessi!"