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Schröder im Schrebergarten "Bennie, halt mal!"


In einer Disziplin ist Altkanzler Gerhard Schröder ungeschlagen: Im Schütteln von Kleingärtnerhänden. Mit Klaus Uwe Benneter besuchte er jetzt eine Laubenpieperkolonie. Politische Aussagen blieb Schröder schuldig, dafür bekamen die Besucher eine Wiederholung von früher: Die vor vier Jahren abgesetzte Gerd-Show.
Von Sebastian Christ

Fragen hat er nicht gestellt. Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D. braucht nur einige Sekunden, um die Lage zu peilen: Die Kutsche steht am Eingang, die Kutsche wartet auf mich. So steigt er die beiden Stufen hoch zur Rückbank des Gespanns. Und er wartet, dass die Gerd-Show mit dem Schnalzen der Peitsche beginnen kann.

Doch Nicky und Mara, die beiden Ponys, rühren keinen Huf. Augenblicke lang droht ein Bildausfall.

"Moment, Moment. Herr Schröder!", ruft eine Frauenstimme. Der Altkanzler versteht und steigt schnell die Stufen herab. Der Mitglieder des Berliner Kleingartenvereins Schlachtensee-Süd wollen ihm zuerst in eine Parzelle führen. Also gut, Programmänderung. Erste Station: Besuch bei Familie Katzschner. Es gibt Marmorkuchen, Erdbeeren und Nüsse.

Mit drei Schritten Abstand folgt ihm Klaus Uwe Benneter. Der ehemalige SPD-Generalsekretär will im Herbst den Wahlkreis Steglitz-Zehlendorf als Direktkandidat gewinnen. In einer Pressemitteilung heißt es: "Auch im Bundestagswahlkampf 2009 wird Schröder seinen Freund Benneter wieder aktiv unterstützen." Ob der Berliner Sozialdemokrat gewusst hat, dass er sich am Freitag einen echten Schrebergarten-Profi als Wahlhelfer eingeladen hat? Schröder ist als Kanzler berühmt geworden für seine Auftritte beim "kleinen Mann". In Mecklenburg-Vorpommern hatte er 2002 eine Gartenkolonie besucht. Beim Autogrammeschreiben überkam ihn der Durst, er verlangte nach einer Flasche Bier und drohte andernfalls mit Streik. Drei Jahre später, Wahlkampf 2005, brachte er die Mitglieder des Kleingärtnervereins Velbert-Bonsfeld derart in Wallung, dass einige von ihnen die mitgereisten Fotografen verprügeln wollten, die den Kanzler blickdicht umzingelt hatten. Die Männer hatten sich erst wieder beruhigt, als Schröder ein Bad in der Menge nahm. Benneter dagegen wirkt eher wie ein gut integrierter Bürger seines wohlhabenden Stadtteils mit hervorragenden Manieren.

"Komm, Bennie!"

Bei Katzschners sind die Fotografen eingefallen. Schröder führt sie nach Belieben. Über die Jahre hat er Posen eingespielt, er weiß, wann er auf Fotografenzuruf lächeln, und wie er dabei seinen Kopf halten muss. Nach einer Minute Auslösergezirpe ist er der Ansicht, dass Benneter mit Angelika Katzschner auf Foto sollte.

"Komm, Bennie!", dirigiert er den Genossen auf seinen Stuhl. Er selbst stellt sich dahinter und brummt: "Ich beschütze euch." Dann trinkt er ein Glas Rotkäppchensekt zur Begrüßung. "Als Pensionär darf ich das nachmittags schon."

Weiter geht's. Diesmal wirklich per Kutsche, aber nur wenige Meter weit. Der Altkanzler schrödert sich langsam in Hochform, springt in einem Satz von der Kutsche ab. Benneter staunt: "Oh Mann, ich mache das lieber vorsichtig." Und steigt bedächtig die Trittleiter herunter. Wenigstens hat sein alter Parteivorsitzender auf ihn gewartet.

"Das war mein Kanzler!"

Die beiden Politiker naschen von einem Sauerkirschbaum. Schröder führt das Wort. Er schnappt sich die Frau des Besitzers, die schüchtern aus dem Hintergrund ein paar Erinnerungsfotos machen will. "Ich weiß schon, sie haben Angst. Sonst heißt es: Schröder hat schon wieder eine Neue." Dann drückt er die Kamera einem der mitgereisten Fotografen in die Hand. Schröder frotzelt: "Endlich mal ein Foto, das was geworden ist, oder?"

Benneter hält die Kirschkerne in der Hand und fragt, wo er sie "hin tun" kann.

Die Kutsche fährt weiter, einmal quer durch die Kolonie. In diesem Jahr feiert der Verein sein 90-jähriges Bestehen, zum Kanzlerbesuch haben sie ein Fest organisiert. Es gibt Pfannekuchen, Würstchen und Festmusik. Die Menschen jubeln, als er vorbei fährt. Eine Frau ruft: "Das war mein Kanzler!" Links der Strecke steht ein Wahlkampfmobil von Frank-Walter Steinmeier, Schröder nimmt es nicht wahr. Beim dritten und letzten Schrebergartenstopp serviert Gastgeber Horst Christian eine Halbliterflasche Krombacher. Schröder hält das Glas schräg und gießt ein. Er sagt: "Ich hab ja eigentlich ein Abkommen mit meiner Frau, dass ich vor sechs Uhr nichts trinken darf. Aber wir haben nie festgelegt, ob sechs Uhr morgens oder abends." Dann leert er das Glas in schnellen Zügen und gießt sich noch einen nach.

Viele halten ihn immer noch für einen Strippenzieher

Schröder gibt den volksnahen Kanzler. Aber welche Rolle spielt er wirklich noch in der Politik? In den vergangenen Monaten ist viel darüber spekuliert worden, ob Schröder doch noch im Hintergrund die Strippen zieht. Man sagt ihm nach, dass er am Sturz des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck im vergangenen Herbst beteiligt war. Fakt ist, dass nach dem Wechsel an der Parteispitze mit Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier zwei langjährige Weggefährten das Sagen haben - auch wenn Schröder oft genug den Eindruck erweckt, dass er sich immer noch für den geborenen Anführer der deutschen Sozialdemokratie hält. Im Wahljahr 2009 tritt er außerdem immer öfter als politischer Nachlassverwalter in eigener Sache auf. Als Opel gerettet werden sollte, warb er für staatliche Interventionen - im Pleitefall Holzmann hat er schließlich auch eingegriffen. Wirtschaftsminister Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg - der eine Opel-Insolvenz nicht ausschließen wollte - nannte er dieser Logik folgend einen "Baron aus Bayern", so wie er Paul Kirchoff vor vier Jahren den Stempel "Professor aus Heidelberg" verpasst hatte.

Andere Altkanzler definierten sich nach ihren Rückzug aus dem politischen Tagesgeschäft über ihre Zurückhaltung in tagesaktuellen Fragen. Vielleicht auch, weil man ihnen sonst nachgesagt hätte, dass sie nicht los lassen können. Und dass sie an ihren großen Niederlagen zu tragen hätten.

Sein Lieblingslied: Die "Capri-Fischer"

Bei der nächsten Station, dem Torwandschießen, fragt Schröder kurz: "Bennie, wer fängt an?", und schnappt sich dann als erster den Ball. Drei oben, drei unten. Sechs Fehlschüsse. Der letzte ist auf die Fotografen gezielt, die hinter dem Loch mit ihren Objektiven lauern. Schröder zieht mit voller Wucht ab, die Journalisten gehen in Deckung. Das Leder knallt an die Kante, knapp daneben, doch eine Festbesucherin bekommt den Abpraller beinahe an den Schädel.

Als Benneter fertig ist, legt sich Schröder noch einmal den Ball zurecht. Er drückt seinem Freund ein rotes Windrad in die Hand, das man ihm zuvor geschenkt hatte: "Bennie, halt mal!" Anlauf. Schuss. Daneben. Und noch einmal. Und wieder. "Den hat der Ehrgeiz gepackt", sagt jemand. Doch der Ball will nicht ins Loch hinein.

Am Festtisch wird ihm noch ein Pils serviert. Die Kapelle spielt das Stefan-Raab-Lied "Hol mir mal ne Flasche Bier" im Polka-Sound. Schließlich geht Schröder zur Bühne, der Sänger trägt ein weißes Jacket, der Keyboarder ein Hemd mit schwarz-braunen Mustern. Schröder sagt kurz was darüber, dass er heute garantiert nicht im Wahlkampf sei (schüchternes Lächeln von Benneter) und einige Worte über das Laubenpieperwesen an sich (zunehmend lauter Beifall aus dem Publikum). Dann spielt die Kappelle sein Lieblingslied für ihn:

"Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt , und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt , zieh'n die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus, und sie werfen im weiten Bogen die Netze aus."

Kanzler und Currywurst

Angelika Katzschner steht zufällig in der Nähe. Sie hält ihre Kamera in der Hand, will Bilder machen. Schröder will tanzen. Als beide schon über den Asphalt schwofen, kommt Katzschners Mann aus dem Hintergrund an und nimmt ihr sanft die Kamera aus der Hand. Sie bekommt einen roten Kopf. Schröder singt lauthals einzelne Zeilen mit, die Einlage macht ihm sichtlich Spaß. Als das Lied vorbei ist, umarmen sie sich.

Es ist halb sechs, der Nachmittag im Schrebergarten Schlachtensee-Süd neigt sich dem Ende zu. Und weil die Currywurst mittlerweile zur Schröder-Folklore gehört, wird der Altkanzler noch einmal zum Tresen des Würstchenstandes gebeten. Etwas versteckt wird dort die extra-scharfe Sauce beworben. "Bei unseren Gewürzen bedeutet 'scharf' auch 'scharf'!" Schröder übersieht den Hinweis.

Er bestellt zwei Portionen, eine für sich und eine für "Bennie". Die Frau am Tresen fragt: "Wollen sie die auch scharf?" Schröder antwortet wie selbstverständlich: "Ja, bitte!" Keine Gerd-Show ohne Risiko. Doch am Schluss stehen ihm diesmal die Tränen in den Augen.


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