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Wahlbeteiligung: Wo Wählengehen noch Bürgerpflicht ist

Im Südwesten Berlins gibt es einen Bezirk, der in Sachen Wahlbeteiligung alle Rekorde bricht: Steglitz-Zehlendorf. Bei der Bundestagswahl 2005 gingen hier 83,6 Prozent der Wähler zur Urne - der bundesweite Spitzenwert. Aber liegt es allein daran, dass hier mehr Menschen Polohemden tragen als anderswo?

Von Sebastian Christ

Es ist eine bemerkenswerte Feststellung, für Berliner Verhältnisse: Steglitz-Zehlendorf ist ein aufgeräumter Bezirk. Kaum ein Graffiti an den Häuserwänden, selbst an Denkmälern nicht, auch wenn sie einsam und verlassen in der Gegend herum stehen. Die Bürgersteige sind sauber, und der Fußgängerverkehr fließt in seltsam geordneten Bahnen. Kein Gedränge. An der Clayallee stehen die Schüler nach der sechsten Stunde an der Tankstelle, wie überall anderswo in Deutschland auch, nur dass die jungen Polohemden tragen, und die Mädchen so akzentuiert reden, als ob jede einzelne von ihnen später mal Fernsehmoderatorin werden wollte. Wenn man dann ins Zehlendorfer Zentrum geht, und dann ein wenig weiter nach Süden hinaus, werden links und rechts des Wegs die Grundstücke größer, dann säumen Reiterhöfe die Straße. Und schließlich zerfranst die Stadt in einen großen, dichten Wald, in dem man bis in den späten Abend hinein Jogger treffen kann, oder Hunde mit ihren Herrchen. Es ist eine bürgerliche Idylle, die sich dem Besucher im Südwesten des Molochs Berlins auftut. Hier leben, wenn man den Statistiken glauben darf, die aktivsten Demokraten Deutschlands.

Berlin vor München

Bei der Bundestagswahl 2005 gaben 83,6 Prozent der Wahlberechtigen in Steglitz-Zehlendorf ihre Stimme ab - bundesweiter Rekord, knapp vor dem Wahlkreis München-Land mit 83,5 Prozent. Auch bei den Berliner Abgeordnetenhauswahlen und bei den Volksentscheiden zum Flughafen Tempelhof und der Initiative "Pro Reli" erreichte die Wahlbeteiligung Spitzenwerte.

"Man muss sich hier regelmäßig sehen lassen", sagt Klaus-Uwe Benneter. Der Politiker war bis 2005 Generalsekretär der SPD. Bei der Bundestagswahl 2002, als Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sich im "Hochwasserwahlkampf" gegen seinen Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) durchsetzen konnte, gewann Benneter das Direktmandat in Steglitz-Zehlendorf. Drei Jahre später, bei der vorgezogenen Neuwahl des Bundestages, verlor Benneter knapp gegen den CDU-Politiker Karl-Georg Wellmann. In diesem Jahr will es der Berliner Sozialdemokrat noch einmal wissen. Er tritt noch einmal als SPD-Kandidat in Steglitz-Zehlendorf an, und er ahnt, dass es ein hartes Stück Arbeit wird. Es geht nicht nur darum, die knalligste oder originellste Kampagne zu entwickeln. Wenn man mit Mandatsträgern aus dem Bezirk redet, zeigt sich vor allem eines: Politiker glauben zu spüren, dass Akzeptanz stark von der eigenen Omnipräsenz abhängt. "Die Leute sind hier so engagiert, dass es sich auf das Urteil der Wähler auswirkt, wenn man die Sache schleifen lässt. Ich versuche, allgegenwärtig zu sein. Auf Schulfesten, Jubiläen, Betriebsfesten. Das könnte mir helfen, hoffe ich", sagt Benneter.

Bürgerschaftliches Engagement

Lokales Engagement ist den Bewohnern des Bezirks wichtig. Das kennt Benneter nicht nur aus seinem beruflichen Alltag. Auch seine Frau ist in einer Initiative aktiv. Sie setzt sich mit anderen Zehlendorfern für einen Kinderladen ein. Per Annonce im Kaufhaus hatte sie Mitstreiter gesucht - und gefunden. "Bürgerschaftliches Engagement wird hier früh eingepflanzt und geübt, und dann ist es auch drin", sagt Benneter. "Man hat hier ein Interesse daran, dass demokratische Strukturen geübt werden. Dass zum Beispiel gewählt wird."

Wie selbstverständlich bezeichnet der Sozialdemokrat seinen Bezirk als "gutbürgerlich". In anderen Regionen Deutschlands würde man sagen: klassisches CDU-Terrain. In Berlin ist das jedoch ein wenig anders.

"Bionade-Bourgeoisie

Das städtische Bürgertum in Berlin fühlt sich zwar mit den Strukturen im eigenen "Kiez" verbunden, ist deswegen aber noch lange nicht christdemokratisch vorgeprägt. In der Bezirksversammlung von Steglitz-Zehlendorf hat Schwarz-Gelb nur eine Stimme Vorsprung vor Rot-Grün. Und in Prenzlauer Berg etwa gibt es ein sehr aktives Bürgertum, das grün wählt und sich wahrscheinlich selbst kaum als "bürgerlich" bezeichnen würde. Andere tun das freilich schon: Der Begriff "Bionade-Bourgeoisie" für die Kreativen vom Prenzlberg ist mittlerweile ein geflügeltes Wort.

Trotzdem ist die Wahlbeteiligung in Steglitz-Zehlendorf weit höher als im Osten der Stadt. Klaus-Uwe Benneter glaubt darauf eine Antwort gefunden zu haben. "In Prenzlauer Berg ist das gewachsene Engagement erst vier oder fünf, bei uns knapp 60 Jahre alt. Es gab hier schon früh eine sehr starke Bindung an die Amerikaner." Jene "Besatzern", die als "Freunde" blieben und den Deutschen Demokratie lehrten.

Stabile Verhältnisse

Doch allein die Historie ist es nicht. Sozialwissenschaftler haben herausgefunden, dass das Wahlverhalten in Deutschland mit den Faktoren Alter und Einkommen zusammenhängt. Ältere Bürger gehen häufiger zur Wahl als jüngere, und reichere Menschen geben ihre Stimme eher ab als ärmere. Steglitz-Zehlendorf hat unter allen Berliner Bezirken die niedrigste Arbeitslosigkeit, die wenigsten Langzeitarbeitslosen und die wenigsten Kinder, die von Hartz IV leben. Die Bevölkerungsstruktur ist stabil, es gibt verhältnismäßig geringe Zu- und Wegzüge. Wenn jemand in den Bezirk zieht, bringt er meistens die Familie mit. Das Durchschnittsalter des typischen Steglitzers oder Zehlendorfers liegt jedoch über dem Berliner Durchschnitt.

Genauso wie das Einkommen. Reiche Menschen gehen zwar nicht zwingend häufiger wählen. Aber wo die Wahlbeteiligung Spitzenwerte erreicht, ist meist verhältnismäßig viel Wohlstand vorhanden. Die überparteiliche Initiative wahlschlepper.de, die sich für eine höhere Wahlbeteiligung einsetzt, hat die Zahlen zur Bundestagswahl 2005 ausgewertet. Eines der Ergebnisse: Die drei Wahlkreise mit der höchsten Wählerquote lagen in verhältnismäßig wohlhabenden Gegenden: Steglitz-Zehlendorf, München-Land und der Main-Taunus-Kreis.

Viele politisch Aktive

Noch ein Fakt über Steglitz-Zehlendorf: Im Berliner Vergleich sind hier überdurchschnittlich viele Menschen politisch engagiert. SPD und CDU haben hier jeweils ihren zweitgrößten Bezirksverband. Etwa 6000 Bürger sind in den beiden großen Volksparteien engagiert, mehr als zwei Prozent der Bevölkerung. Auch dieser Wert liegt weit über dem Bundesdurchschnitt. Im bürgerlichen Milieu des Berliner Südwestens herrscht also immer noch ein Klima der Politisierung.

"Die Bürger merken hier relativ genau, ob man nur vier Wochen vor der Wahl aktiv ist oder die ganze Zeit", sagt Martin Reiher, stellvertretender Vorsitzender der CDU Steglitz-Zentrum und Mitglied der Jungen Union. Deshalb rücken er und seine Kollegen regelmäßig aus. Infostände, Veranstaltungen, Aktionen. "Wir haben im Bezirk elf Ortsverbände", rechnet Reiher vor. "Alle stehen mindestens einmal, wenn nicht gar zwei oder dreimal im Monat mit einem Stand auf der Straße. Das heißt, man sieht die CDU etwa 20 Mal im Monat irgendwo im Bezirk." Reiher erzählt von den Tempelhof-Buttons, die er und seine Kollegen vor dem Volksentscheid im vergangenen Herbst verteilt haben. "Da sind die Leute in Scharen zu unseren Stand gegangen, und haben sich die Dinger angeheftet."

Fahrservice zum Wahllokal

Und es ist nicht zuletzt auch ein umkämpftes Terrain mit knappen Mehrheitsverhältnissen. Darum kämpfen auch beide Parteien um jede Stimme. Die Union, so Reiher, bietet behinderten und älteren Mitgliedern und Stammwählern einen Fahrservice zum Wahllokal an. Und wer nicht weiß, dass man auch Briefwahl beantragen kann, und wie das überhaupt geht, wird darüber noch einmal freundlich von den Christdemokraten informiert.

Natürlich nicht ganz ohne Hintergedanken. Am 27. September will die CDU den Wahlkreis verteidigen. Und die SPD will ihn zurückerobern. Doch wenn die Wahlbeteiligung genauso hoch bleibt wie vor vier Jahre, dann steht der erste Sieger schon fest: die Demokratie.

  • Sebastian Christ