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SPD-Kanzlerfrage: Steinbrücks Attacke

Ja, ist denn schon Wahl? Polit-Rentner Peer Steinbrück sagt: Ich kann SPD-Kanzlerkandidat. Er eröffnet damit eine Personaldebatte, die bis weit ins Jahr 2012 hinein beste Unterhaltung verspricht.

Von Frank Thomsen

Peer Steinbrück war schon immer ein Meister der Pointe. Kaum einer im politischen Betrieb weiß so genau, wann er sticheln muss - und wie es besonders wehtut. Dem politischen Gegner, gern aber auch in den eigenen Reihen. An diesem Sonnabend war es mal wieder so weit. Politisch gehört dieses Wochenende eigentlich der FDP und ihrem neuen Chef Philipp Rösler. Die Meldungen vom Parteitag der Liberalen bestimmen sämtliche Nachrichten, Agenturmeldungen und News-Websites, auch stern.de. Mitten hinein in die liberalen Wiederbelebungsversuche sendete die Deutsche Presseagentur um halb elf am Sonnabend vormittag ein paar unvermittelte Sätze von Steinbrück: Er sei, sagt er in einer Talksendung des Hessischen Rundfunks, grundsätzlich bereit, für die SPD als Kanzlerkandidat anzutreten.

Nichts spricht dafür, dass er diesen Vorstoß mit den Spitzen der SPD abgestimmt hat. Genervt meldete sich Generalsekretärin Andrea Nahles postwendend zu Wort: "Selbstausrufungen sind in einer modernen demokratischen Partei wie der SPD aus der Mode gekommen." Zumindest, wenn sie aus Sicht von Nahles von den Falschen und viel zu früh kommen.

Steinbrück wirft seinen Hut in den Ring

Doch der Geist ist aus der Flasche. Wer wird der nächste sozialdemokratische Kanzlerkandidat? Die Frage ist offen. Sie ist brisant, denn die noch immer matte Partei wird überhaupt nur dann eine Chance haben, wenn sie aus ihren müden Reihen den Richtigen erwählt. Doch die Frage sollte nicht 2011 gelöst werden, sondern erst 2012.

Steinbrücks Pointe ändert alles. Der 64-jährige, einst Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, zuletzt Finanzminister der großen Koalition in Berlin, will nicht länger Politrentner sein. Mit Schwung wirft er seinen Hut in den Ring. "Der Zeitpunkt wird kommen, wo ich mich in Absprache mit zwei oder drei Führungspersönlichkeiten der SPD darüber zusammensetze", sagt er. Das soll hübsch konkret klingen. "Wenn Sie sich entscheiden, für so etwas zu kandidieren, dann mit voller Kraft und mehr als 100 Prozent. Wenn, dann wollen Sie gewinnen, und zwar mit jeder Faser Ihres Körpers." Das soll beinahe jugendlich-ungestüm klingen. Jetzt sei aber der Zeitpunkt für die Debatte noch nicht gekommen. "Ich würde mit jeder öffentlichen Einlassung eine solche zunächst intern zu führende Debatte mehr irritieren und belasten." Ha, ha. Debate eröffnen, gleichzeitig aber betonen, dass man ja gar nichts gesagt hat. Eine typische Steinbrück-Pointe.

Drei Männer kommen in Betracht

Ob Debatte oder Nicht-Debatte, sie ist eröffnet. Auch wenn die SPD nun in den kommenden Tagen alles tun wird, um sie erst mal wieder auszutreten. Die Lage ist nicht einfach für Parteichef Sigmar Gabriel. Er selbst muss fürchten, das Unstete, das Sigi-Pop-Hafte in seiner Person nicht so weit ablegen zu können, als dass er als grundseriöser Kanzlerkandidat durchginge. Verharrte die SPD mit ihm als Kanzlerkandidat aber bei ihren derzeitigen Umfragewerten und käme keine Hilfe von den Grünen, steuerte er also die Partei ins Wahldebakel, könnte er kaum noch SPD-Chef bleiben.

Aus Sicht Gabriels kann es also schlau sein, einem anderen den Vortritt zu lassen. Und da kommen derzeit nur drei Männer in Betracht: Steinbrück, Steinmeier und Scholz.

Zu arrogant, zu konservativ

Peer Steinbrück verfügt schon traditionell über keine starke Machtbasis in der SPD. Zu arrogant, zu konservativ. Als Finanzminister während der weltweiten Finanzkrise dagegen hat er eine gute Figur abgegeben. Doch seine Nominierung wäre eine große Überraschung. Er hat nichts zu verlieren - so dürfen seine forschen Worte vom Sonnabend zu verstehen sein.

Olaf Scholz hat in Hamburg die absolute Mehrheit geholt. Aus dem früher als "Scholzomat" verspotteten Parteimann ist ein Bürgermeister geworden, der den maroden Haushalt in der Hansestadt sanieren will - und der, wenn ihm das gelingt, allerbeste Karrierechancen hat. Aber der voraussichtliche Termin für die nächste Bundestagswahl, Frühherbst 2013, kommt für ihn wohl zu früh.

Frank-Walter Steinmeier hat die letzte Wahl gegen Angela Merkel verloren. Aber er hat dabei keine Fehler gemacht und Vertrauen aufgebaut in der Bevölkerung. Seine Chancen stehen nicht schlecht.

Ja, Steinbrücks schöne Sätze haben die Verliererpartei SPD endlich mal wieder ins Gespräch gebracht. Allerdings ganz anders, als Frontmann Sigmar Gabriel es sich wünschen würde.