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Berlin³ zum SPD-Parteitag: Mehr Schröder wagen!

Der beste Satz auf dem Dortmunder SPD-Parteitag kam von einem Altkanzlerkandidaten: "Auf in den Kampf! Venceremos!" Über Martin Schulz und die Frage: Überstehen oder untergehen?

Martin Schulz und Gerhard Schröder

Kanzlerkandidat umarmt Altkanzler: Martin Schulz und Gerhard Schröder auf dem SPD-Parteitag in Dortmund

Es gibt einen wunderbaren Film über die SPD, ihren Kanzlerkandidaten und deren Wahlkämpfe. Es ist ein Ein-Personen-Stück, trägt den Titel "All is Lost", Robert Redford ist der Darsteller, aber das ist auch schon das einzige Unrealistische. Redford spielt einen Segler, der in Seenot gerät, sein sinkendes Boot verlassen muss und in einer Rettungsinsel tagelang über den Ozean treibt und gegen den Untergang kämpft. Es geht alles schief, was schief gehen kann. Haie. Unwetter. Lecks.

Die SPD 2017 ist, 90 Tage vor der Bundestagswahl, ungefähr an der Stelle, als Redford feststellt, dass nun auch noch sein knapper Wasservorrat hinüber ist; im Sturm ist Salzwasser in den Kanister geflossen. Er schreit "Fuuucck". Dann bastelt er eine Vorrichtung, um kondensiertes Wasser tröpfchenweise aufzufangen, getrieben von einem ebenso stoischen wie zähen Überlebenswillen, tapfer ignorierend, wie gering die Chancen sind.

Schnitt. Auftritt Gerhard Schröder, der Mann, der als letzter Sozialdemokrat Wahlniederlagen in Siege verwandeln konnte. Gefühlt wenigstens, einmal aber auch in echt, 2002. Gerhard Schröder also, den wir jetzt mal nicht den Robert Redford der SPD nennen wollen, beehrt zum zweiten Mal seit seiner Emeritierung einen SPD-Parteitag mit einer Rede. Man kann daran gut erkennen, wie es um die SPD bestellt ist, seit Martin Schulz im Januar zum Kanzlerkandidaten ausgerufen wurde. Einmal Hype und zurück auf das schwere Umfrage-Los. Schlappen im Saarland, in NRW, Schleswig-Holstein. Haie. Unwetter. Lecks.


Gerhard Schröder im Best-of-Modus

Schröder liefert in 20 Minuten Rede in der Dortmunder Westfalenhalle eine Art Best-of-Medley. Vom Lob auf die Entspannungspolitik von Brandt und Schmidt bis zu seinem Klassiker: "Ich weiß, ich habe es euch nicht immer leicht gemacht." Pause. "Ihr mir aber auch nicht." Und natürlich die Reminiszenz an eigene Heldentaten vor zwölf Jahren. "Wir haben 20 Prozentpunkte aufgeholt, und das in wenigen Wochen", sagt Schröder. "Was damals ging, das geht heute auch."

Er hat allerdings auch das Schweinebacken-Gen und die, nennen wir es "cojones", die es braucht, den politischen Gegner da zu piesacken, wo es besonders weh tut. Die Bundeskanzlerin zum Beispiel beim Thema Treue zu den USA. Er wundere sich schon über Auftritte in bayerischen Bierzelten, ätzt Schröder, "das waren doch diejenigen, die den Amerikanern in jedem - auch in den Irakkrieg - folgen wollten". So geht Altkanzler-Florett.

Apropos Kanzler. "Nur wer dieses Amt unbedingt will, wird es auch bekommen", auch daran erinnert Schröder noch mal, bevor der die Genossen wie ein echter Linker auffordert: "Auf in den Kampf. Venceremos!" 

Es ja nicht so, dass Martin Schulz nicht wollte. Auch er hat innerlich "Fuuucck" gebrüllt nach den Havarien der vergangenen Monate. Und hat sich daran gemacht, eine Vorrichtung zu basteln, um ein bisschen Wasser für den Überlebenskampf zu gewinnen. Er hat sich einen neuen Generalsekretär geholt, er hat das Wahlprogramm so gestalten lassen, dass es nicht nur halbwegs zu ihm passt. Vor allem hat er sich dazu entschieden, wieder mehr er selbst zu sein. Let Schulz be Schulz. Wenn schon untergehen, dann wenigstens auf seine Art.

Schulz: "Anschlag auf die Demokratie"

In Dortmund spricht er 80 Minuten lang, weniger als sein Vorgänger Sigmar Gabriel in seinen kürzeren Ansprachen, aber immer noch länger, als für eine wirklich gute, knackige Rede nötig wäre. Aber sie ist mehr als ordentlich. Es ist alles drin, was eine anständige sozialdemokratische Kandidatenrede braucht, von der Verteilungsgerechtigkeit über die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassenbeiträge bis zur weltweiten Abrüstung. Daneben die Schulz-Basics: Gerechtigkeit. Respekt. Europa. Kampf gegen Rechts und Diktatoren. Entscheidend aber sind die Angriffe auf die unangreifbar scheinende Kanzlerin, die viele Genossen lange von ihrem Kandidaten vermisst hatten. Merkel verweigere "systematisch die Debatte um die Zukunft des Landes", sagt Schulz. Sie fördere bewusst die Wahlenthaltung, um dem politischen Gegner zu schaden. "In Berliner Kreisen nennt man das asymmetrische Demobilisierung. Ich nenne es: einen Anschlag auf die Demokratie."

Vielleicht wird es ja doch noch und trotz Großer Koalition etwas mit dem WahlKAMPF. Von Schröder lernen heißt auf jeden Fall auch: keine übertriebene Rücksicht nehmen. Auf nichts und niemanden: Manchmal auch nicht auf die Wahrheit.

Wobei, eigentlich kann Martin Schulz ab jetzt gar nicht mehr verlieren. Viel tiefer in den Umfragen kann es nicht mehr gehen. Die Anfängerfehler hat er hinter sich. Und ernsthaft erwartet niemand mehr von ihm, dass er Merkel überflügelt. Über mögliche Koalitionen hat Schulz in seinen 80 Minuten kein Wort verloren. Und das, Verzeihung, war auch gut so. Es hätte im Augenblick etwas schräg gewirkt.

Ganz oder gar nicht

Die SPD ist eine zur Absolutheit neigende Partei. Sie liebt die Methode ganz oder gar nicht. Wenn sie einen Vorsitzenden demontiert, dann nach allen Regeln der Kunst. Umgekehrt kann sie einen Angehimmelten auch zu Tode lieben. 100 Prozent Schulz bei seiner Wahl zum SPD-Chef: Von dieser erdrückenden Umarmung hat sich der Kandidat nur langsam wieder erholt. Die einstimmige Verabschiedung des Wahlprogramms hat deshalb etwas manisch Wiederholungstäterhaftes.

Ein Gutes allerdings hat es: Die Genossen, das zumindest hat der Dortmunder Kurz-Parteitag gezeigt, fühlen sich nach diesem absoluten Vertrauensvorschuss zu einer etwas längeren Anhänglichkeit verpflichtet. Normalerweise ist die Stimmung in der deutschen Sozialdemokratie oft noch schlechter als die Lage. Im Moment ist es eher umgekehrt. Das ist nicht die übelste Voraussetzung, um im Wahlkampf halbwegs zu bestehen - und vielleicht sogar aufzuholen. Das immerhin hat Schulz geschafft.

In "All is Lost" ist Redford am Ende praktisch schon ertrunken, zehn Meter unter Wasser, seine Rettungsinsel hat er abgefackelt, als doch noch ein rettendes Boot auftaucht. Aber das ist Hollywood.

Der Lieblingsdichter des Altkanzlers ist übrigens Rainer Maria Rilke. Richtig, der mit dem "Wer jetzt kein Haus hat..." Von Rilke stammt eine schöne Überlebensweisheit. Sie lautet: "Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles." Aber die hat Gerhard Schröder nicht zitiert.