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Städteplaner Albert Speer: "BER ist peinlich für Deutschland"

Albert Speer ist einer der renommiertesten Architekten Deutschlands. Mit dem stern spricht er über das Chaos am Flughafen BER, die Olympiabewerbung Berlins und die Fußball-WM in Katar.

Albert Speer, Sohn des NS-Rüstungsministers Albert Speer, ist Städteplaner in Frankfurt und dozierte an den Hochschulen München Kaiserslautern und Zürich. Sein Büro realisiert Großprojekte unter anderem in Katar.

Albert Speer, Sohn des NS-Rüstungsministers Albert Speer, ist Städteplaner in Frankfurt und dozierte an den Hochschulen München Kaiserslautern und Zürich. Sein Büro realisiert Großprojekte unter anderem in Katar.

Herr Speer, das Chaos am Berliner Großflughafen BER nimmt kein Ende. Wer ist Schuld?
Ich dachte, über das Chaos ist schon genug geredet worden. Es gibt sogar Bücher. Beim BER war es leider so, wie es oft ist: Bei richtig großen, komplexen Aufgaben werden die entscheidenden Fehler immer am Anfang gemacht.

Der Standort?


Natürlich. Der ist falsch! Dieser Flughafen musste ja unbedingt mit einem Zipfel auf der Berliner Gemarkung sein, nur weil die Berliner in ihrer ganzen Provinzialität darauf bestanden haben, dass dies ein "Berliner Flughafen" ist. So ein Blödsinn! Dafür hat man jetzt zwei Landesregierungen, drei Landkreise, jeder gibt keine gemeinsame Spitze. In Saudi-Arabien...

...schöner Vergleich!


Moment, da hat mein Büro in den 80er Jahren ein Viertel in Riad geplant, die Diplomatenstadt. Sie gilt heute in der arabischen Welt als Beweis für modernen, gelungenen arabischen Städtebau. Ich erzähle Ihnen das deshalb, weil es die saudische Regierung beispielhaft angepackt hat. Der ganze Sachverstand wurde gebündelt. Ich verstehe nicht, warum man das in Berlin nicht auch so gemacht hat.

Saudi-Arabien als Vorbild für einen Großflughafen in Deutschland? Ist das Ihr Ernst?
Ja, das ist es. Wir sollten uns in diesen Dingen von unserer kulturellen Überheblichkeit verabschieden.

Hätte es einen Ausstiegstermin geben sollen?


Ohne Termindruck geht nichts in diesem Land. Große Projekte brauchen einen straffen Zeitplan. Wenn es der Politik und den Fachleuten nicht gelingt, innerhalb von fünf Jahren mit dem Bau zu beginnen, sollte man das Projekt einstellen und auf die nächste Generation warten.

Wie kommen wir raus aus dem BER-Schlamassel?


Fertig bauen.

Abreißen ist keine Lösung?


Nein, wirklich nicht. Das Ding ist doch praktisch fertig, auch wenn es von außen ein bisschen aussieht wie eine Senatskanzlei.

Geht es in Wahrheit - auch wegen der Milliardenkosten - nicht nur noch darum, das Gesicht zu wahren? Ein Neustart wäre wahrscheinlich billiger.


Ich bitte Sie! Der BER ist doch gebaut. Die Rauchgasanlage wird irgendwann auch mal funktionieren, deutsche Ingenieurskunst sei Dank. Wir werden überall darauf angesprochen, was wir uns da leisten...

...weil es peinlich ist?


Ja, es ist peinlich für Deutschland!

Das nächste Desaster deutet sich bereits an: Berlin will die Olympischen Spiele 2024 oder 2028 ausrichten...
Wieso Desaster? Ich bin sehr für solche Bewerbungen, ganz egal, ob Asien-Games, eine Alten-Olympiade in NRW oder die Fußball-Europameisterschaft. Große Projekte bringen Städte voran.

Oder spalten die Bevölkerung. Die Berliner haben Olympia schon einmal radikal abgelehnt, das war 1993.


Ja, aber damals war die Katastrophe auch hausgemacht. Dilettantischer ging es nicht. Obwohl damals alle Städte nach der Wiedervereinigung gesagt haben: Wir geben unser ganzes Know-how nach Berlin. Und Berlin hat es komplett in den Sand gesetzt.

Sie haben die Fußball-WM nach Katar geholt und acht der zwölf Stadien entworfen. Bei der Vergabe der Aufträge sind Sie nicht zum Zug gekommen. Enttäuscht?


Wir sind in Bewerbungsverfahren dabei, die noch nicht entschieden sind, unter anderem für das Hauptstadion. Wir haben keine weißen Elefanten vorgeschlagen, sondern dass man das, was man nicht mehr braucht, zurückbauen und herschenken kann, etwa an afrikanische Länder, um dort wieder andere Sportstätten aufzubauen. Das war laut FIFA die beste Bewerbung, die sie je gekriegt haben.

Die Stadien werden unter menschenverachtenden Bedingungen gebaut.
Das stimmt und das ist ein ganz großes Problem, das aber nichts mit der Weltmeisterschaft zu tun hat. Die WM wird richtigerweise dazu benutzt, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Das gilt übrigens nicht nur für Katar, sondern für alle arabischen Länder.

Für Sie heißt das: Einfach weiter-machen?


Die Proteste bewirken doch etwas: Die Kataris sind die ersten, die jetzt die Rechte von Zuwanderern stärken.

Sie haben keine Skrupel, mit Autokratien zusammen arbeiten?


Dann müssten wir unsere Wirtschaft in Deutschland einstellen, die Autoindustrie, die Chemie oder sonst was. Ich finde es ungerecht, überheblich, arrogant, wenn wir so tun, als könnten wir den Saudis erzählen, wie sie leben sollen. Das können wir nicht und das wollen wir auch nicht. Ich halte die Diskussion für scheinheilig.

Mehr über den BER ...

... und die Probleme des BER-Managers Hartmut Mehdorn lesen Sie im neuen stern.

Interview: Silke Müller, Axel Vornbäumen