Stasi-Konferenz Die Verbrechen der anderen


Was geschieht, wenn ehemalige Stasi-Offiziere auf einer wissenschaftlichen Konferenz ihre Rolle beschreiben sollen? Sie rechtfertigen sich. Sie preisen ihre vermeintlichen Leistungen. Und so haben rund 90 Stasi-Leute im dänischen Odense ihre Erfolge gefeiert - und ihren "Humanismus."
Von Hans-Martin Tillack, Odense

Die Szene spielt im dänischen Odense am Samstagabend gegen 20 Uhr, in einem von zwei blau lackierten Berliner Reisebussen. Ein Ex-Staatssicherheitsdienstler preist über das Bordmikro sein jüngst erschienenes Buch, eine Attacke auf den Stasi-Kritiker Hubertus Knabe. Nur eines fehle dem Werk noch zum Durchbruch, verrät der Buchautor seinen Kollegen: "Dass es skandalisiert wird! Weil ja erfahrungsgemäß erst dann ein Buch bekannt wird!"

Als ob Osama bin Laden zum Gedankenaustausch gebeten würde

Über mangelnde Skandalisierung konnten sich die insgesamt etwa 90 angereisten Männer (ja, fast nur Männer) der früheren Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) an diesem Wochenende eigentlich nicht beklagen. Die Süddänische Universität hatte elf von ihnen als Redner zu einer Konferenz über die HVA eingeladen. Und zumindest in Deutschland waren alle empört.

Dass die kommunistischen Ex-Spione in Odense auftreten durften, kam zum Beispiel Hubertus Knabe so vor, als würde beim Thema Terror Al-Kaida-Chef Osama bin Laden zum Gedankenaustausch gebeten. Die Konferenz zur Arbeit der HVA hatte sogar schon im Juni dieses Jahres Schlagzeilen gemacht. Damals sollte sie erst in Berlin stattfinden. Aber der dänische Politologe Thomas Wegener Friis musste nach Protesten wieder absagen. Im heimischen Odense konnte Friis nun ungestört seine "Zeitzeugen" präsentieren - so nannte er sie.

Neun Stunden Busfahrt, 50 Euro Selbstbeteiligung

Die Zeugen selbst hatten sich in ihre besten Anzüge geschmissen, an Manuskripten gefeilt und am Freitag neun Stunden im Bus verbracht. 50 Euro habe die Mitfahrt gekostet, verriet einer. Den Rest der Busmiete trug die "Gesellschaft für rechtliche und humanitäre Hilfe".

Trotzdem war es keine leichte Sache für die teils um die 80-jährigen Veteranen. Werner Großmann, der letzte Chef der HVA, musste gleich ganz zu Hause bleiben und seine Rede verlesen lassen. Und zwar über den Kampf gegen die vom Westen geförderte "Zunahme oppositioneller Bewegungen" in der DDR schon Ende der 50er Jahre. Weiter über die von den USA "provozierten zunehmenden militärischen Spannungen" in den 80ern. Schließlich die "zunehmend folgenschweren Ereignisse" im Jahr 1989. Die dann zum "Ende unseres Dienstes" führten.

Ein Beitrag zur Erhaltung des Friedens?

Blickt Großmann zurück, dann war die HVA-Arbeit ein Beitrag zur "Erhaltung des Friedens". Die HVA habe weder "Staatsstreiche" organisiert noch "Killerkommandos" losgeschickt - das waren die Verbrechen der anderen. Genauso sahen das in Odense Grossmanns einstige Untergebene. Nach und nach bestiegen sie das Podium und lasen ihre Reden vom Blatt. Über weite Strecken waren es eher politische Deklarationen. Über die Erfolge von früher. Und die Ungerechtigkeit der Welt von heute.

Der ehemalige HVA-Vize Ralf-Peter Devaux pries so den "humanistischen Anspruch" der HVA und die "vertrauensvollen zwischenmenschlichen Beziehungen" zwischen der Stasi und ihren Informanten. DDR, Stasi und HVA, die dürfe man nicht einfach "in einen Topf" werfen. Und also bitte, "Opfer gibt es in jeder Gesellschaft".

Ungebrochen auch der Saarländer Rainer Rupp. Unter dem Decknamen "Topas" spionierte er seit 1977 die Nato-Zentrale in Brüssel aus. Fünf Jahre saß er dafür im Gefängnis. "Haben ostdeutsche Spione einen Atomkrieg verhindert?" - diese Frage müsse man wohl mit Ja beantworten.

"Ich würde nichts anders machen"

Keiner scherte aus der Reihe. Niemand übte Selbstkritik. "Ich würde nichts anders machen", sagte Devaux. Dafür sei man zu vielen Anfeindungen ausgesetzt, argumentierte ein Stasi-Mann - aber auch das nur hinter vorgehaltener Hand. Kein Unbehagen, weil Stasi-Männer westdeutsche Geheimnisträgerinnen mit der Romeo-Methode verführten? "Nennen Sie mir einen Geheimdienst der Welt, der die Methode Romeo oder Julia nicht einsetzt", verteidigte sich Devaux. Es sei ja gerade der Charme dieser Verhältnisse, dass "zwischen Werber und Zielperson" eine "wirkliche menschliche Basis entstanden" sei - "der wir uns mit Freuden angeschlossen haben".

Selten wurden Devaux und Co nach der Abgabe solcher Statements herausgefordert. Die Chance dazu gab es dank Helmut Müller-Enbergs von der Birthler-Behörde. Er hatte gegen den Willen seiner Vorgesetzten und ausdrücklich als Privatmann zugesagt. Weil er kurz vor der Abreise krank wurde, verlas ein Freund seinen Beitrag. In dem stellte der Staatssicherheitsexperte die Frage, ob die HVA überhaupt jemals unabhängig vom KGB agieren konnte. Und Müller-Enbergs fragte, ob die HVA vielleicht schon "Jahre vor dem Ende am Ende gewesen" sei - weil die Informanten älter wurden und neue schwerer zu gewinnen waren.

Auf diese Fragen gaben die ehemaligen Stasi-Offiziere eher pauschale oder gar keine Auskünfte. Trotzdem gab es für sie stets donnernden Applaus. Nie gab es einen Zweifel, wer unter den über 250 Konferenzteilnehmern den größten Fanblock stellte.

Ein übermächtiger Drang zur Selbstrechtfertigung

Selten wurden die Redner so konkret wie der frühere HVA-Stabschef Heinz Geyer. Er erzählte, wie er einmal persönlich durch das vom DDR-Grenzschutz gelegte Minenfeld an der Mauer bis auf bundesdeutsches Territorium geführt wurde. Geyer wollte selbst erleben, wie seine Mitarbeiter die Spione nach Westdeutschland schleusten.

Neues erfuhren die anwesenden Wissenschaftler meist nicht. Dafür war der Drang zur Selbstrechtfertigung zu übermächtig und das Auditorium wohl auch zu groß. "Das sind Zeitzeugen, aber sie erzählen nichts über ihren Büroalltag", ärgerte sich der frühere DDR-Oppositionelle Bernd Lippmann.

Mehr Details steuerten eine Handvoll Wissenschaftler bei. Stolze 40 Prozent der HVA-Quellen hätten westliche Wissenschaft und Technologie ausgekundschaftet, berichtete Kristie Macrakis von der Michigan State University. Allein 19 Maulwürfe saßen beim Luftfahrt- und Rüstungskonzern MBB. Der maroden DDR-Wirtschaft half aber auch das nicht aus der Patsche.

Der Hamburger Militärhistoriker Armin Wagner versuchte eine Ehrenrettung des Bundesnachrichtendienstes (BND). Trotz viel schwierigerer Startbedingungen habe der westdeutsche Dienst stets ein "zutreffendes Lagebild" der sowjetischen Militärpräsenz in der DDR gehabt - auch wenn es mit der Spionage in den obersten Sphären der ostdeutschen Politik sehr haperte.

Ein Däne mit sächsischem Akzent

Die Fassade vom angeblichen Elitedienst HVA brach nur selten auf. HVA-Mann Devaux räumte immerhin ein, dass in den letzten Jahren bei den eigenen "Kundschaftern" und auch in der Leitung die "Zweifel" gewachsen seien, ob das Verhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis noch stimme. Und dann berichtete Gabriele Gast mit stockender Stimme von ihren Erfahrungen. Die HVA hatte sie als Perspektivagentin geworben und in den BND eingeschleust. Dort arbeitete sie schließlich an den Lageberichten für Kanzler Helmut Kohl. Hätte sie "überblickt", was ihrem Eintritt in den BND folgen würde, "ich hätte mich nicht getraut, diesen Schritt zu gehen", sagte die gebürtige Remscheiderin. Sie saß seit September 1990 drei Jahre und vier Monate im Gefängnis.

Konferenzorganisator Friis war am Ende hoch zufrieden mit dem Erfolg seiner Konferenz - so viel Wirbel im kleinstädtischen Odense! Nach zehn Jahren Stasi-Forschung redet der Däne sogar schon Deutsch mit einem sächsischen Akzent, zumindest bei Wörtern wie DDR oder HVA ("Ha-Vau-Oa"). Horst Vogel, ehemals erster HVA-Vizechef, bedankte sich artig auch beim stellvertretenden Bürgermeister von Odense, weil der die Konferenzteilnehmer am Vorabend zum Empfang im Rathaus eingeladen hatte. In der Tat eine nette Geste, zumal der Kommunalpolitiker von der sehr rechtsgewirkten Dänischen Volkspartei kam. Den hätten die Stasi-Leute früher sicher als Faschisten energisch bekämpft - als sie noch jünger und fitter waren.


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