VG-Wort Pixel

Steinbrück-Porträt Klare Kante, beißende Ironie


Früher Dreamteam in der Großen Koalition, heute Kontrahenten: Peer Steinbrück will für die SPD Angela Merkel im kommenden Jahr das Kanzleramt entreißen. Was ihn ausmacht.

Die Eigenschaften, die Peer Steinbrück zugeschrieben werden, könnten manchen Gegner schrecken: Der 65-Jährige ist ein Mann der klaren Worte, seine Sprachgewalt und seine Intelligenz werden von vielen gerühmt, seine beißende Ironie wird von manchen als verletzend empfunden. Nun macht sich der gebürtige Hamburger und seit langem in Nordrhein-Westfalen beheimatete SPD-Politiker offenbar auf, seine Karriere mit dem ganz großen Coup zu krönen: Er soll die Sozialdemokraten zurück an die Macht führen und Angela Merkel (CDU) in einem Jahr die Kanzlerschaft entreißen.

Dabei ist die Ausgangslage kaum besser als 2009, als Frank-Walter Steinmeier ins Rennen ging. In Umfragen schafft es die SPD derzeit kaum auf 30 Prozent und liegt um Längen hinter der Union. Die Hoffnungen der Genossen ruhen jetzt darauf, dass Steinbrück die Stimmung zugunsten der SPD herumreißen kann. Bei der letzten Bundestagswahl war die SPD auf ein historisches Tief von 23 Prozent abgestürzt - ein Schlag, von dem sich die Sozialdemokraten nur langsam erholten.

Folgt der linke Flügel?

Die Gefahr einer frühen Kandidatenkür beschrieb Steinbrück selbst erst diese Woche so: "Der wird an der Wand entlanggezogen, der wird zersägt, wieder zusammengeklebt, wieder auseinandergenommen." Einen Vorgeschmack darauf gab es gerade erst: Just als sich die Spekulationen über eine Kandidatur Steinbrücks verdichteten, tauchten Berichte über eine "Sponsoring-Affäre" aus seiner Zeit als Bundesfinanzminister auf. Der Angegriffene wies die Vorwürfe scheinbar unbeeindruckt zurück.

Die schwierigste Aufgabe dürfte für Steinbrück sein, die gesamte SPD hinter sich zu vereinen. Denn als Mann für linke Träumereien gilt er nicht. Stattdessen gab er sich stets als Verfechter der parteiintern umstrittenen Agenda 2010.

Mit dem Segen Schmidts

Seine politische Karriere startete Steinbrück unter der SPD/FDP-Bundesregierung von Helmut Schmidt, 1978 bis 1981 war er im Kanzleramt im Bereich Forschungspolitik tätig. Schmidt und Steinbrück sind noch heute eng verbunden: Das gemeinsame Buch "Zug um Zug" der Schachspieler sorgte 2011 für viel Aufmerksamkeit. Schmidt hatte Steinbrück schon im Oktober 2011 mit den Worten "Er kann es" als Kanzlerkandidaten angepriesen.

1985 arbeitete der studierte Volkswirt erstmals in der Regierung von Nordrhein-Westfalen, er wurde Büroleiter von SPD-Ministerpräsident Johannes Rau. Ab 1990 folgten Stationen als Staatssekretär und Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein. 1998 vertraute ihm Rau-Nachfolger Wolfgang Clement (SPD) dann dieses Ressort in Düsseldorf an und leitete damit den rasanten Aufstieg des Hanseaten ein.

Im Februar 2000 wurde Steinbrück nordrhein-westfälischer Finanzminister. Im Herbst 2002 schließlich beerbte er den nach Berlin gewechselten Clement und wurde NRW-Ministerpräsident. Steinbrück leitete fortan die rot-grüne Landesregierung in Düsseldorf, wobei die Zusammenarbeit mit den Grünen nicht immer störungsfrei verlief - ihm wurde eher Sympathie mit der FDP nachgesagt.

Dreamteam mit Merkel ist und bleibt Geschichte

Den politischen Tiefpunkt seiner Karriere musste Steinbrück im Mai 2005 hinnehmen: Die damalige NRW-Landtagswahl wurde zur "Schicksalswahl" für die rot-grüne Bundesregierung erklärt. Steinbrück stürzte im Stammland der Sozialdemokraten auf 37,1 Prozent ab, die vorgezogene Bundestagswahl vier Monate später ging für die SPD ebenfalls verloren.

In der großen Koalition unter Merkel war Steinbrück dann von November 2005 bis Oktober 2009 Finanzminister. Er verschrieb sich dem Schuldenabbau und schreckte - zum Leidwesen vieler Genossen - auch vor unpopulären Sparmaßnahmen nicht zurück. In der Finanzkrise 2008 galten Kanzlerin und Minister vielen als "Dreamteam". Doch an diese Zeiten mag Steinbrück - der seit Herbst 2009 nur noch einfacher SPD-Bundestagsabgeordneter ist - heute nicht mehr erinnert werden: Ein erneutes Ministeramt unter einer Kanzlerin Merkel schließt er kategorisch aus.

Claudia Haas, AFP AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker