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Stuttgart 21-Befürworter "Wir sind Stuttgart"

Auch sie werden immer mehr - erst im Internet, am Abend auch auf der Straße: Mehrere tausend Menschen, die für das Megaprojekt Stuttgart 21 kämpfen. Ein Blick auf die andere Seite.
Von Sebastian Kemnitzer

Mehr als 66.000 Personen gefällt bei Facebook eine Gruppe, die da heißt: "FÜR Stuttgart 21". Damit liegen die Befürworter des Projekts online in Führung, die Gruppe der Gegner "KEIN Stuttgart 21" kommt auf knapp 58.000 Personen. Jenseits der virtuellen Welt sieht das noch ein wenig anders aus: Woche für Woche demonstrieren zehntausende Menschen gegen das Projekt. Gibt es wirklich auch Befürworter in den Straßen der Schwabenmetropole?

Ja, sie gibt es und auch sie werden immer mehr. Doch sie demonstrieren nicht wie die Gegner; die Befürworter joggen einmal in der Woche, immer am Donnerstag. So wie gestern Abend, als mehrere tausend Menschen für Stuttgart 21 demonstriert haben. "Wir sind Stuttgart 21!" und "Weiterbauen!" skandierten sie bei ihrem "5. Lauf für Stuttgart" auf dem Marktplatz. Ausgedacht hat sich das Christian List mit einem Freund, bei einem Glas Wein. "Im August war ich vor Ort, als die Bagger anrückten", erzählt der 39-jährige Leiter einer Agentur stern.de. "Die Leute waren wild und wütend, immer wieder skandierten sie "Lügenpack, Lügenpack". Das entspricht einfach nicht meinem Demokratieverständnis." Hinzu kämen die durch die Massen verstopften Straßen. Deswegen überlegten List und ein Freund, wie sie sympathisch gegenhalten könnten, ohne den Ablauf des Projekts zu stören.

Die Idee kam recht schnell: Laufen für Stuttgart 21. Anfang September zum ersten Mal, mit gelben Leibchen. "S21 macht Sinn", steht da groß drauf. 150 Menschen liefen beim ersten Mal mit, mittlerweile sind es fast 400. Nach 4,5 Kilometern gibt es immer auf dem Marktplatz eine Kundgebung , in der vergangenen Woche mit 2.500 Teilnehmern. "Wir sind Stuttgart, wir sind Stuttgart", schreien die Menschen. Vor Ort sprach auch schon Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster von der CDU. Der Mann, der sich ansonsten hinter den Mauern seines Rathauses verschanzt, wie die Gegner von Stuttgart 21 finden.

"Wer A sagt, muss auch B sagen"

Einen ähnlichen Vorwurf formuliert auch Befürworter Kommunikationsexperte List, natürlich nicht so direkt: "Ohne Zweifel gab es bei Stuttgart 21 Kommunikationsprobleme", sagt er. Die Politiker, allen voran Schuster, hätten in die Stadtteile und die verschiedenen Dörfer fahren sollen, dann gebe es heute weniger Probleme. Christian List schwärmt, wenn er von Stuttgart 21 spricht: "Das Projekt hat einen unschätzbaren Wert. Ich finde fasziniert, dass die Möglichkeit besteht, eine riesige Fläche in der Stadt neu zu gestalten." List vertraut darauf, dass die schwarz-gelbe Regierung, insbesondere Ministerpräsident Mappus, bei ihrer Position bleibt. "Wer A sagt, muss auch B sagen", sagt List.

Ähnlich argumentiert Gerald Holler. Der 33-jährige Unternehmensberater hat den Online-Widerstand auf Facebook initiiert und vor wenigen Wochen mit 40 anderen Mitstreitern den Verein "Bürger für Stuttgart 21" gegründet. "Allein die letzten Wochen sind wir 18.000 Buttons mit I love Stuttgart 21 losgeworden", sagt Holler, der sich gegen den Vorwurf wehrt, von irgendwem bezahlt zu sein. "Wir kämpfen ohne Bezahlung für dieses tolle Projekt."

Bespuckt und mit Eiern beworfen

Holler kämpft auch persönlich: Immer wieder geht er auf die Demonstrationen der Gegner. Sein Anliegen: Flagge zeigen, reden und aufklären, keinesfalls provozieren. "Mit vielen Menschen komme ich gut ins Gespräch", erzählt Holler. Allerdings sei er auch schon mit Eiern beworfen und bespuckt worden. "Angst habe ich deswegen nicht, ich möchte weiter ein bisschen Zivilcourage zeigen." Sowohl Holler, als auch List sprechen sich gegen einen Volksentscheid aus. Vernunft müsse in den nächsten Wochen einkehren, es müsse wieder mehr geredet werden. Beide hoffen, dass Vermittler Heiner Geißler dies gelingt.

Angesprochen auf die Argumente der Gegner, die immensen Kosten, sagt Holler: "Der Kostenrahmen muss eingehalten werden, es darf keine weiteren Steigerungen geben." Ansonsten schwärmt auch er von den Möglichkeiten des Projekts, von dem neuen Stadtteil, der entstünde. "Außerdem wird oft vergessen, dass durch Stuttgart 21 die Schiene wirklich gestärkt wird, man viel schneller von München nach Stuttgart kommt", sagt Holler.

Die SPD ist natürlich voll mit dabei

Das findet auch die SPD. Die Genossen im Ländle sind für Stuttgart 21, fordern allerdings seit ein paar Wochen lautstark einen Volksentscheid, wollen die Bürger entscheiden lassen. Die SPD-Spitze im Bund gibt Rückendeckung für diese Position, allen voran mit dem breiten Kreuz eines Sigmar Gabriel. Vielleicht sollte der sich das noch einmal genau überlegen.

Die altvorderen Genossen im Ländle schütteln schon lange den Kopf, was die Jungen in der Partei so anstellen. Das mehr als komplizierte Konstrukt mit dem Volksentscheid ist nur die eine Sache. Die andere Sache ist, dass SPD-Politiker an vorderster Front weiterhin für Stuttgart 21 kämpfen. Eine Regionalfraktion stimmte gegen einen Baustopp, Fraktionschef Claus Schmiedel spricht prominent zu den Befürwortern und der SPD-Kreisvorsitzende in Stuttgart, Andreas Reißig sitzt im Vorstand des Vereins "Pro Stuttgart 21". Der SPD-Generalsekretär im Ländle, Peter Friedrich, verteidigt seine Parteigenossen: "Wir geben als Volkspartei keine Linie vor", sagt er stern.de. Ein SPD-Spitzenpolitiker im Bund ist dagegen entsetzt: "Konsequent wäre es, wenn die Für-Stuttgart-21-Position in den Hintergrund rückt. Sonst machen wir uns unglaubwürdig."

Für Holler und List, die für Stuttgart 21 auf die Straße gehen oder joggend dafür kämpfen, spielt das Gebaren der SPD keine Rolle. Sie wollen sich nicht von Parteien vereinnahmen lassen. Allerdings sei bei ihnen jeder Redner willkommen.


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