Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 4 "Vorsicht Pflasterstein!"


16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel ab. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, wie er den Gipfel erlebt. Im vierten Teil beschreibt er, wie er die Berichterstattung über die Rostocker Krawalle empfunden hat.
Von Ingolf Boldt, Heiligendamm

Gleicher Ort, gleiche Zeit, gleiches Wetter … gleiche Lage. Langsam verliert man das Gefühl für Zeit und Raum. Nach Übernahme des Einsatzbereiches bringt nicht einmal das Durchschalten der Funkkanäle wesentlich Abwechslung. In Rostock herrscht zwei Tage nach den Straßenkämpfen das gleiche Bild. Scharmützel hier, Demo da. Ein trügerisches, ein bekanntes Bild.

Etwa 4000 Gewalttätige und Autonome sind weiterhin im Bereich von Rostock. Den Grund wissen die genauso gut wie wir: Der Gipfel kommt erst noch!

Heute früh habe ich wirklich überlegt, was ich schreiben soll. Ehrlich gesagt, ob ich überhaupt was schreiben soll. Warum? Jeder Interessierte wird heute die Tageszeitungen lesen und sicherlich genügend Informationen zu den Ereignissen der letzten beiden Tagen finden, um sich seine eigene Meinung zu bilden. Und die tägliche, hochgesicherte Untätigkeit lässt einen fast lethargisch werden.

Anfangs hatte ich nicht mal Lust, die Zeitung zu lesen. Nach solchen Ereignissen steht eh immer dasselbe drin.

Also schauen wir zusammen rein:

Eine riesige Schlagzeile springt mir ins Gesicht: "Wollt ihr Tote, ihr Chaoten?". "Unsere Polizisten werden verheizt!", "Wir können dankbar sein, dass kein Polizist tot ist!" ("Bild"). Dazu der "Kommentar", "Post von Wagner" und das Bild-Interview.

Viel brauche ich dazu gar nicht sagen. Für mich gesprochen: Vielen Dank! Die Berichte treffen den Nagel auf den Kopf, zumindest aus meiner Sicht. Überrascht und neugierig geworden organisierte ich mir nun auch andere Zeitungen.

Hier zeichnete sich eine etwas differenziertere Berichterstattung ab. Die üblichen Bilder, unterlegt mit der üblichen "Ursachenforschung" der Politiker und Entscheidungsträger. … Alles wie gehabt.

Die "SVZ" berichtet vom "Schwarzen Sonnabend", "Vorsicht, Pflasterstein!", "Neue Qualität der Gewalt" und "Bösen Ahnungen". Alles in allem, finde ich, eine objektive Berichterstattung beider Seiten. Eine Frage nebenbei: "Waren Sie, Herr Ströbele, auf der Demonstration in Rostock oder wie kommt man zu solchen Ansichten?"

Als letztes nehmen wir die "Ostseezeitung". Was ich darin las, versetzte selbst mich in Erstaunen. Ein akribisch aufgeführter Demonstrationsverlauf und viele objektiv geführte Berichte. Das man aber solch realitätsfernen Personen wie dem Organisationskoordinator Schädel (in unseren Kreisen hinreichend bekannt) überhaupt noch ein Mikrofon vor die Nase hält und es auch noch veröffentlicht, … das müssen die jeweiligen Medien mit sich selber ausmachen.

Der Artikel "Katerstimmung bei G8-Gegnern" versetzte mich jedoch in fassungsloses Entsetzen. Das der schwarze Block (gemäß Definition ein Sammelsurium linksextremer, anarchistischer und autonomer Gruppen) einen eigenen "Sprecher" hat, war mir persönlich neu. Bringt bei deren Auftritten meines Erachtens nach zwar wenig Sinn, aber man lernt nie aus.

Bei allem Respekt, Herr Laumeyer. Wie Sie dort angeführt werden, sind sie "... Jugendliche, die sich eine bessere Welt wünschen und sich zufällig schwarz kleiden ... dass es Verletzte gab, sei nie beabsichtigt gewesen!" Natürlich, deswegen schmeißt man auch mit hunderten, kiloschweren Pflastersteinen um sich und zielt vornehmlich auf Polizeibeamte. Wenn nebenbei friedliche Demonstranten getroffen werden, müssen die es halt für die "bessere Welt" verschmerzen können!?

Sie wollen keine Verletzten? Lobenswert, aber warum haben sie die Steine dann nicht in der Warnow versenkt?

Einen habe ich noch: "Doch nach dem das Polizeifahrzeug aus eigener Kraft das Gelände verlassen hat, konnten wir die Angriffe der Polizei so nicht stehen lassen." Natürlich nicht. Ist es doch eine Ungeheuerlichkeit abzuhauen, bevor sie fertig sind.

Fertig womit? Mit dem Zerstören von Fahrzeugen oder dem Töten von Menschen? Herr Laumeyer, ich kann nicht glauben, dass Sie das so gesagt haben sollen. Ein Gespräch mit ihnen wäre sicherlich sehr interessant.

Um es deutlich zu sagen: Ich lehne Gewalt in jedweder Form ab. Von Seiten der Demonstranten und selbstverständlich auch von Seiten der Polizei. Leider ist aber anzunehmen, dass trotz der Ereignisse des "Schwarzen Sonnabends" es ein Wunschtraum bleiben wird, dass es nur noch friedliche Demonstrationen geben wird. Wir werden uns wohl auf der Straße wieder gegenüber stehen (müssen?).

Die aktuelle Lagemeldung über Funk aus Rostock scheint es zu beweisen.

Bevor ich es vergesse ... Lagemeldung aus Heiligendamm: keine besonderen Vorkommnisse.


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