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Umweltgesetzbuch: Struck setzt Merkel unter Druck

Am Scheitern des Umweltgesetzbuches hat sich ein heftiger Streit innerhalb der Großen Koalition entzündet. SPD-Fraktionschef Peter Struck wirft Bundeskanzlerin Angela Merkel Führungsschwäche vor. Sein Vize sieht die Kanzlerin gar am Ende. Kein Thema sei ihr richtig wichtig.

Das Klima in der Großen Koalition hat sich nach dem Scheitern des Umweltgesetzbuches deutlich abgekühlt. SPD und Union machen sich gegenseitig für den Flop verantwortlich. Das seit Jahrzehnten verfolgte Projekt sei "an dumpfem Reformunwillen und blinder Blockadepolitik der Union gescheitert", sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD). Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) warf Gabriel Sturheit vor. "Wir wollen gemeinsame Umweltstandards, aber keine Monster-Bürokratie. Der Bundesumweltminister ist an seinem eigenen Übereifer gescheitert."

Gabriel hatte das Gesetzgebungsverfahren am Sonntag gestoppt, weil Bayern als einziges Bundesland die Pläne weiter ablehnt. SPD-Fraktionschef Peter Struck kritisierte daraufhin Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU): "Ganz offenbar hat sich Herr Seehofer gegenüber Frau Merkel durchgesetzt."

Auf die Frage, ob die Kanzlerin ein Machtwort sprechen müsse, antwortete Struck: "Das erwarte ich schon." Der SPD-Politiker betonte: "Es gibt keine rationalen Gründe, gegen dieses Umweltgesetzbuch zu sein." SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber sieht das "System Merkel am Ende". Der Kanzlerin sei "kein Thema richtig wichtig, alles ist strategisch, und am Ende kämpft sie nicht", sagte Kelber dem "Tagesspiegel".

Mit dem Umweltgesetzbuch sollte ein bundeseinheitliches Wasser- und Naturschutzrecht eingeführt werden. Bisher konnte der Bund hier nur Rahmenvorschriften erlassen. Die Einzelheiten regeln die Länder. Statt 16 unterschiedlicher Landesregelungen sollten die Wasser- und Naturschutzvorschriften bundeseinheitlich geregelt werden.

Der Bundesumweltminister will die Änderungen im Wasser- und Naturschutzrecht nun per Einzelgesetz durchsetzen. Das kündigte Gabriel am Montag im Bayerischen Rundfunk an. Er werde die entsprechenden Neuregelungen als Einzelgesetze einbringen, damit man wenigstens die geforderten Umweltgesetze verabschieden könne, sagte Gabriel. Für kleinere und mittelständische Unternehmen könne man aber wegen der Weigerung der Union in dieser Wahlperiode nichts mehr tun.

Rückschritt beim Umweltschutz in Deutschland

Umweltverbände befürchten einen Rückschritt beim Umwelt- und Naturschutz in Deutschland. Mittel- und langfristig drohe "die Erosion bereits erreichter Standards", kritisierte Cornelia Nicklas von der Deutschen Umwelthilfe. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warnte vor einem Wettlauf der Länder bei der Senkung von Umweltstandards. Spätestens ab 2010 ermögliche die Föderalismusreform den Ländern, von bundeseinheitlichen Regeln im Wasser- und Naturschutzrecht abzuweichen.

Hauptstreitpunkt war die Genehmigung von Industrieanlagen aus einer Hand. Diese "Integrierte Vorhabengenehmigung" lehnt die Union und insbesondere die CSU ab. Baden-Württembergs Umweltministerin Tanja Gönner rief Gabriel auf, einen letzten Versuch einer Einigung zu starten. "Bei so einem zentralen Vorhaben, muss man bis zuletzt die Tür offen halten", forderte sie am Sonntag in Stuttgart. Baden-Württemberg hatte beim Umweltgesetzbuch die Federführung der Länderarbeitsgruppe.

Die Deutsche Umwelthilfe sieht das Scheitern der Pläne als Beleg für die partielle Regierungsunfähigkeit der Großen Koalition. Die Regierung von Merkel scheitere regelmäßig an den fundamentalen Widersprüchen der sie tragenden Parteien, wenn es um die Zukunft Deutschlands gehe, sagte der Bundesgeschäftsführer Rainer Baak. "Die Problemlösungskompetenz der Großen Koalition reicht immer nur bis zur nächsten Straßenecke."

Niedersachsen springt Bayern zur Seite

Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) begrüßte das Scheitern der Verhandlungen. Der zuletzt diskutierte Entwurf für ein solches Gesetz hätte nicht die erklärten Ziele erreicht, weniger Bürokratie und vereinfachte Verfahren im Umweltrecht zu schaffen, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Es drohte ein fauler Kompromiss." Sander zeigte Verständnis für die ablehnende Haltung Bayerns: "Es ist gut, dass mal jemand Klartext redet."

Die Linksfraktion im Bundestag sprach ebenfalls von einem "Startschuss für einen Wettbewerb um die niedrigsten Umweltstandards der Länder". Ihr naturpolitischer Sprecher Lutz Heilmann erklärte zudem, Umweltminister Gabriel hinterlasse einen "umweltpolitischen Scherbenhaufen".

DPA / DPA