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Volkstrauertag: Versöhnung in einer feindseligen Umwelt

Am Volkstrauertag wird der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. Die Nazis bestimmten den Tag 1934 zum Staatsfeiertag.

Zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft wird in Deutschland am Sonntag zwei Wochen vor dem ersten Advent der Volkstrauertag begangen. An der zentralen Veranstaltung am 14. November an der Neuen Wache in Berlin nehmen wie jedes Jahr seit 1993 die Repräsentanten der obersten Verfassungsorgane der Bundesrepublik, also Bundespräsident, Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung und Bundesverfassungsgericht teil. Bei der anschließenden zentralen Gedenkstunde im Plenarsaal des Bundestags spricht Bundespräsident Horst Köhler das Totengedenken, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, hält die Gedenkrede.

Eingeführt von dem 1919 gegründeten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, fand die erste offizielle Feierstunde 1922 im Deutschen Reichstag in Berlin statt. Der damalige Reichstagspräsident Paul Löbe hielt eine im In- und Ausland viel beachtete Rede, in der er einer feindseligen Umwelt den Gedanken an Versöhnung und Verständigung gegenüberstellte.

"Heldengedenktag" während des Nationalsozialismus

1934 bestimmten die Nationalsozialisten mit einem Gesetz den Volkstrauertag zum Staatsfeiertag und nannten ihn "Heldengedenktag". Die Träger waren bis 1945 die Wehrmacht und die NSDAP. Die Richtlinien über Inhalt und Ausführung erließ der Reichspropagandaminister.

Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde der Volkstrauertag erneut vom Volksbund eingeführt und 1950 erstmals neben vielen regionalen Veranstaltungen mit einer Feierstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestages begangen. Nach einer Übereinkunft zwischen der Bundesregierung, den Ländern und den großen Glaubensgemeinschaften wurde der Termin auf den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr (evangelisch) beziehungsweise den 33. Sonntag im Jahreskreis (katholisch) verlegt, wie der Volksbund zur Geschichte des Gedenktages schreibt. Durch Landesgesetze ist der Tag geschützt. Öffentliche Gebäude werden mit halbmast beflaggt.

Andere Nationen wie Frankreich oder Großbritannien haben am 11. November einen ähnlichen Gedenktag: Sie gedenken am Jahrestag des Waffenstillstandsvertrags 1918 der Opfer des Ersten Weltkriegs beziehungsweise allgemein der Kriegstoten.

"Der Volkstrauertag ist ein bedeutender Bestandteil unserer Erinnerungskultur. Es ist ein Tag des Innehaltens, des Gedenkens an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft sowie ein Tag der Solidarität mit ihren Familien. Er konfrontiert uns mit der Vergangenheit und dem Auftrag, das Vermächtnis der Opfer zu erfüllen, indem wir uns nachhaltig für ein friedliches Zusammenleben einsetzen. Ich appelliere an alle Generationen, sich dieser Verantwortung zu stellen", heißt es im diesjährigen Geleitwort des Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Reinhard Führer.

800 Kriegsgräberstätten in 44 Staaten

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt nach Angaben von Führer heute über 800 Kriegsgräberstätten in 44 Staaten. Unter dem Motto "Versöhnung über den Gräbern - Arbeit für den Frieden" will er die Begegnung zwischen den Menschen unterschiedlicher Nationalitäten fördern und sich auch im Rahmen der Jugend- und Schularbeit dafür einsetzen, "dass auch in den nachfolgenden Generationen die Erinnerung an die beiden Weltkriege und deren Schrecken nicht erlischt".

AP / AP