Wahlabend in Bayern Der tote Blick des Erwin Huber


Das politische Bayern steckt im Gefühlschaos: Die CSU zu Tode betrübt, Freie Wähler und FDP himmelhoch jauchzend. Nur Franz Maget, Chef der SPD, wahrt die Fassung. Er verdrängt, dass seine Partei das schlechteste Ergebnis aller Zeiten eingefahren hat.
Eine Reportage von Sebastian Christ und Tobias Lill, München

Politische Niederlagen passieren nicht einfach. Sie kündigen sich an. Wochen, vielleicht schon Monate vorher gibt es Anzeichen dafür. Manche Politiker übersehen sie. Andere deuten sie richtig. "Seit einem Jahr habe ich die Reaktionen der Menschen auf der Straße gesehen. Das Ergebnis entspricht dem, was ich erwartet und befürchtet habe", sagt Ernst Weidenbusch, CSU-Abgeordneter aus dem Landkreis München. Sein Kopf ist hochrot und zuckt immer wieder unwillkürlich zur Seite. Eigentlich will Weidenbusch weg aus dem Maximilianeum, ganz schnell, zurück ins Landratsamt, auf die Wahlkreisergebnisse warten. Es wird eng für ihn. Das Desaster seiner Partei schmälert auch seine Chancen auf eine Direktwahl. "Die Leute haben gesagt, dass sie im Urlaub nicht mehr stolz zu den Touristen aus den anderen Bundesländern rüber schauen konnten", sagt Weidenbusch. Sollten sich die Bayern am Ende sogar für ihre alleinherrschende CSU geschämt haben?

Die meisten seiner Parteikollegen traf das katastrophale Abschneiden der CSU völlig unvorbereitet. Offensichtlich gab es keinen Plan B, wie bei einer Erdrutschniederlage zu verfahren sei. Bis auf Weidenbusch war am frühen Abend kaum ein Landtagskandidat zur Wahlparty ins bayerische Parlament gekommen - wohl auch, weil erste Prognosen schon um halb fünf durchsickerten. Zuerst hieß es, die CSU könne auf 46 Prozent kommen, wenig später geisterte schon die Zahl "42,5" durch die Hallen. "Für uns ist das der größte anzunehmende Unfall", stöhnt Stefan Müller, Landesvorsitzender der Jungen Union. Der RCDS-Landesvorsitzende Paul Linsmaier hat die Konsequenzen schon vor Augen: "Da werden in der Parteispitze Köpfe rollen. Mindestens zwei."

Die CSU-Marschroute

Als Ministerpräsident Günther Beckstein den Landtag betritt, reißen Kameraleute fast eine Sperrwand ein, die zwischen Seitenflügel und Backstage-Bereich aufgestellt war. Er verschwindet für einige Minuten in einem kleinen Raum, der am unteren Ende eines dunklen Treppenhauses liegt. Kurze Besprechung. Vielleicht beschließt er hier mit Parteichef Erwin Huber die weitere Marschroute für den Abend: "Schwarzer Tag", aber keine Rücktritte. Wie an einer Perlenschnur gezogen entsteigt sein Tross wenig später dem dunklen Gang. Vier, fünf Begleiter vorne weg, dann die beiden CSU-Spitzenkräfte. Ihre Leibwächter müssen den Weg frei prügeln. Kameras werden weggeschoben, Fotografen zur Seite geschubst. Huber hält seine Frau im Arm, sie schmiegt sich dicht an ihn.

Huber sieht extrem mitgenommen aus, sein Gesicht ist blass, der Fraktionssaal maßlos überfüllt. "In der CSU haben wir weiterhin das Vertrauen in die Gestaltungskraft von Günther Beckstein", sagt er. Und: "Wir haben unser Wahlziel nicht erreicht." Als er die Bühne verlässt, wird er gefragt, ob jetzt nicht Rücktritte fällig seien. "Bayern braucht Stabilität", ruft er in den Raum. Beckstein klingt nicht weniger hilflos. "Nach 250 Wahlkampfauftritten hatte ich einen anderen Eindruck, als der, der sich jetzt ergeben hat", sagt er. Wenig später steht Huber bei einem Hörfunkinterview neben Beckstein und starrt Löcher in die Holzvertäfelung. Im Gegensatz zum Ministerpräsidenten hat er sich noch nicht gefangen. Sein Blick ist tot, er wirkt gedankenverloren.

Der tragische Herr Maget

Wenn aber an diesem Abend politische Opfer gefordert werden, ist zuerst der Name von Generalsekretärin Christine Haderthauer zu hören. Sie hat den Wahlkampf geleitet. Man sagt ihr nach, dass sie neben Huber am ehesten die Schuld am Vertrauensverlust der CSU trage. Als sie auf das Podium im Maximilianeum tritt, unterläuft ihr abermals ein Fauxpas. "Es ist ein schwarzer Tag für die CSU und für Bayern", sagt sie. Als ob das die 56 Prozent ihrer Landsleute so empfinden würden, die bei dieser Wahl eben nicht für die CSU gestimmt haben.

SPD-Chef Franz Maget gibt fortwährend Interviews, in denen er darauf hinweist, dass es jetzt eine Mehrheit jenseits der CSU gibt. Er selbst hat das historisch schlechteste Ergebnis für die Sozialdemokraten eingefahren, und das zweitschlechteste vor fünf Jahren fällt auch in seine Verantwortung. Er wirkt ein wenig tragisch an diesem Abend, an dem jeder den Niedergang der CSU bestaunt, aber keiner einen Erfolg der SPD erkennen kann. Die abtrünnigen CSU-Wähler sind zu den bürgerlichen Parteien abgewandert. Zum Beispiel zu den Freien Wähler.

Aiwanger auf Prozentdroge

Hubert Aiwanger hat eine Ochsentour hinter sich. Tiefe Ringe haben sich unter seine Augen geschoben. Etwas schüchtern, fast verloren steht er inmitten des nicht enden wollenden Blitzlichtgewitters. Den Rummel kennt er nicht: nur wenige Journalisten interessierten sich bisher für den 37-jährigen Chef der Freien Wähler. Fast könnte man meinen, er wäre er jetzt lieber auf seinem kleinen Bauernhof in einem niederbayerischen Dorf. "Unser Ziel ist es die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen", hatte Aiwanger noch vor der Wahl gesagt. Doch wer hatte ihm schon zugehört. Nur elf Prozent der Bayern gaben bei einer Forsa-Umfrage vor zwei Wochen an, Aiwanger zu kennen, seine innerparteiliche Kontrahentin Gabriele Pauli ist dagegen neun von zehn Bayern ein Begriff.

Das ändert sich schlag 18 Uhr. Der Fernsehsprecher verkündet die erste Prognose für die Freien Wähler: 10,8 Prozent. Aiwanger nimmt die Zahl zu sich wie eine Droge, plötzlich strahlt er über beide Ohren, er weiß: das ist sein Tag. "Super, Wahnsinn!", ruft er und spurtet zum ersten Fernsehinterview. Noch sichtlich überwältigt wirbt er für seine Strategie. "Es gibt eine Mehrheit jenseits der CSU", sagt er. Da eine Viererkoalition mit SPD, FDP und Grüne aber vermutlich an den Liberalen scheitern wird, hält sich Aiwanger auch eine Koalition mit der CSU offen. "Wir schließen nichts aus".

Bier bei der FDP

Die FDP schließt aus. Parteichef Martin Zeil sagt im Hofbräukeller, eine Viererkoalition werde es mit der FDP nicht geben. Auch die Linksliberale Sabine Leuthäuser-Schnarrenberger, kann sich eine solche Konstellation kaum vorstellen. Um die beiden herum feiern die FDP-Anhänger, dass ihre Partei nach 14 elenden Jahren wieder in den Landtag einziehen darf. Einige Männer tragen Business-Anzug, einige Frauen schwarzes Kostüm und Perlenkettchen, sie fügen sich in das Klischee von der Partei der Besserverdienenden. Aber die bayerische FDP hat inzwischen mehr zu bieten, sonst wäre sie nicht auf acht Prozent gekommen. "Es ist uns gelungen auch auf dem Land zu punkten", sagt Christoph Zeitler, bildungspolitischer Sprecher. Neben ihm steht ein junger Mann mit grünem Trachtenhut, Jacke mit Hirschhornknöpfen und Haferlschuh. Er heißt Patrick Schreiber. "Bayern und CSU sind nicht mehr eins", sagt Schreiber. Auch die FDP sei "volksnaher" geworden. Auf vielen Tischen steht Bier, kein Prosecco.

Sepp Daxenberger, Spitzenkandidat der Grünen, hechtet durch das Maximilianeum. Der knorrige Urbayer ist erschöpft, aber glücklich. "Das ist eine Zeitenwende. Eine Regierung ohne CSU-Beteiligung ist möglich", sagt er stern.de. Mit etwa als neun Prozent hat Daxenberger das beste Ergebnis der Grünen im Freistaat aller Zeiten eingefahren. Dann muss er weiter, die Talkshows warten.


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