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Wahlkampf in Sachsen-Anhalt: Wenn sich Traktoren lieben müssen

Der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt ist so fad, dass er schon wieder unterhaltsam ist. stern.de hat CDU-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer bei einer sonderbaren Liebeserklärung beobachtet.

Von Florian Güßgen

Große Koalition muss Lust verschaffen. Oder süchtig machen. Oder es muss so etwas geben, wie einen großkoalitionären Lockstoff, den Merkel und Müntefering per Liebesboten in die Länder fliegen lassen. Anders ist folgende Szene nicht zu erklären. Es ist Donnerstagabend, kurz nach zehn im Magdeburger Kulturhaus AMO. Gut zehn Tage sind es noch hin bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 26. März, und es ist eine Zeit angebrochen, die man früher als "heiße Phase" bezeichnet hätte. Aber früher ist vorbei. Jetzt regiert im Bund die große Koalition. Und jetzt steht Wolfgang Böhmer, der notorisch miesepetrig dreinschauende CDU-Ministerpräsident auf einer Bühne, an einem Cocktailtisch - und flirtet ebenso ungelenk-finster wie wild entschlossen mit Jens Bullerjahn, dem Vokuhila-Kandidaten der SPD, der vor allem deshalb sympathisch wirkt, weil er die Aura eines verletzlichen Jungen hat, der Heavy Metal hört, gut in Mathe ist, ein echter Kumpel, aber den die Mädels auf der Party im Jugendheim dennoch stehen lassen. Eigentlich sollen sich die beiden hier, beim "Wahlforum" der "Magdeburger Volksstimme" zanken. Aber daraus wird nichts. Der Berliner Lockstoff wirkt.

“Jedes zweite FDP-Plakat gegen die CDU“

Die Zeichen in Sachsen-Anhalt stehen auf große Koalition, an diesem Abend mehr denn je. Was er tun würde, wenn seine derzeitige schwarz-gelbe Koalition am 26. März nur eine knappe Mehrheit von ein oder zwei Sitzen erringen würde, wird Böhmer gefragt. Der Ministerpräsident, der das Land seit 2002 regiert, greift zum Mikro. Am Anfang windet er sich noch. Ein bisschen zumindest. Die schwierigste Frage überhaupt sei das, sagt der 70-jährige Frauenarzt. Die Koalition habe ja in den vergangenen vier Jahren eine sehr ordentliche Arbeit abgeliefert. Und ja. Es gebe auch eine "große Schnittmenge" zwischen den Programmen von CDU und FDP. Aber dann ist Schluss mit der Rücksicht auf das jetzt, das schon so sicher vorbei zu sein scheint, Schluss mit der Rücksicht auf den Kollegen und Finanzminister Karl-Heinz Paqué, den Spitzenmann der Liberalen, der nur zwei Meter entfernt an einem anderen Cocktail-Tisch steht. Böhmer holt aus - und schlägt zu. "Ich stelle aber natürlich auch fest, dass jedes zweite großformatige Plakat der FDP sich gegen eine inhaltliche Aussage der CDU richtet", sagt er. "Das würde eventuelle Koalitionsgespräche mit Sicherheit nicht erleichtern. Das muss man ganz deutlich sagen." Dann kommt Böhmer zum Kernpunkt. Dann durchdringt der Lockstoff das Sprachzentrum. Aber das sei nicht alles, sagt Böhmer. Schließlich gehe es auch um Glaubwürdigkeit. "Ich würde meine Glaubwürdigkeit nicht dadurch verspielen, dass ich eine Koalition bereit wäre einzugehen, die das Land regieren würde mit dem einzigen Ziel, in Berlin Opposition zu machen."

“Halte große Koalition für möglich“

Politik wider Merkel und Müntefering? Allein der Gedanke scheint bei Böhmer Ekel zu erregen. Und hier, so mag er denken, haben sie ja eine Chance. Bleibt es in Baden-Württemberg bei Schwarz-Gelb und in Rheinland-Pfalz bei Rot-Gelb, einer Art Patt-Ergebnis, die das prekäre Berliner Machtgefüge nicht erschüttert, so kann man hier in Magdeburg vielleicht sogar etwas tun, um dieses Gefüge zu stärken, dem großen Beispiel folgen. Für hiesige Verhältnisse fast schon hingebungsvoll fällt deshalb auch die Liebeserklärung aus, die der 70-Jährige an den Ingenieur Bullerjahn richtet, der sich zu seiner Rechten am gleichen Tischchen postiert hat. Mit der SPD habe man zwar nicht so viele inhaltliche Gemeinsamkeiten wie mit der FDP, sagt Böhmer. Aber schließlich beweise die Bundesregierung in Berlin, dass auch so ein Bündnis möglich sei, vor allem, wenn das Wahlergebnis dies notwendig mache. "Ich sage ganz deutlich, auch dies halte ich für möglich." Eigentlich fehlt jetzt nur noch, dass Böhmer Bullerjahns Hand ergreift und sie die Beine aneinander reiben. Aber noch verbietet sich das. Noch.

Anti-Wahlkampf, trutschig wie der MDR

Der Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt ist legendär fad, in der Praxis, wie an diesem Abend in Magdeburg, so trutschig wie das Programm des Mitteldeutschen Rundfunks. Es ist ein Anti-Wahlkampf. Es gibt keine spannenden Kandidaten. Es gibt keine spannenden Themen. Es gibt kaum Konflikte, Krach oder Dramatik. Nicht einmal das Ergebnis scheint für eine Überraschung gut: Seit 2002 regiert Schwarz-Gelb in Magdeburg, weil die CDU 37,3 Prozent gewann und die FDP 13,3, und weil die SPD damals auf katastrophale 20 Prozent fiel - und damit sogar 0,4 Prozentpunkte hinter der damaligen PDS lag. Jetzt deuten die Vorzeichen auf eine große Koalition hin. Die CDU kommt in Umfragen auf ein Ergebnis zwischen 36 und 38 Prozent, die FDP ist stabil auf rund sechs Prozent gefallen. Für eine absolute Mehrheit, für eine Neuauflage der schwarz-gelben Koalition, reicht das nicht - und wenn, dann nur erdenklich knapp. Die SPD dümpelt nach einem Zwischenhoch zwischen 25 und 30 Prozent knapp vor der Linkspartei. Weil SPD-Frontmann Bullerjahn, wohl auch auf Geheiß aus Berlin, die rot-rote Option klar ausschließt, bleibt nur die große Koalition. Auch der 43-jährige Bullerjahn, verheiratet und Vater zweier Kinder, ist dem Lockstoff erlegen. Er, der entgegen dem öffentlichen Erscheinungsbild schon mehrfach Reformwillen und Mut bewiesen hat, hat sich nun klar dazu bekannt, dass er sich die Juniorrolle unter einem Regierungschef Böhmer gut vorstellen kann. Für die SPD wäre das ein kleiner Erfolg. Sie hätte zudem bewiesen, dass man auch als Juniorpartner in Berlin gewinnen kann. Für die Union wäre es eine klitzekleine, aber gut verkraftbare Niederlage - Böhmer bliebe Regierungs-Chef. Die Granden in Berlin wären’s in jedem Fall zufrieden.

Sperrige Pragmatiker, armes Land

Zudem würde das Ergebnis nicht nur dem großkoalitionären Kalkül in Berlin zupass kommen, sondern auch dem Politik-Stil in Sachsen-Anhalt. In dem Bundesland mit knapp zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit und einem schnell voranschreitenden Bevölkerungsschwund mag sich keiner der Macher hier die Arroganz leisten, ernsthaft zu behaupten, er hätte Patentrezepte parat. Die Spitzenkandidaten von CDU, SPD und Linkspartei - Böhmer, Bullerjahn und Wulf Gallert - sind allesamt sperrige Pragmatiker mit dem ästhetischen und medialen Charme von Traktoren - aber auch mit einer ähnlich Verlässlichkeit. Am liebsten, so scheint es an diesem Abend, wäre ihnen wohl ohnehin eine Riesenkoalition, bei der fast alle mitmachen dürfen: CDU, SPD, Linkspartei, nur die FDP nicht. Und so steigen auch bei der Debatte im AMO außergewöhnlich wenige Sprechblasen auf. Nur dem FDP-Mann Paqué, dem Minister mit seiner blau-gelben Krawatte, entfahren sie hin und wieder, aber er ist auch der einzige, der ein wenig Zunder in die Auseinandersetzung bringt. Bullerjahns Absage an Rot-Rot hält er für unglaubwürdig.

Aussichten der DVU unklar

Aber auch, wenn Bullerjahn wohl zu seiner Aussage stehen dürfte, so bleiben in Sachsen-Anhalt noch einige Unwägbarkeiten, die sich als resistent gegenüber dem Berliner Lockstoff erweisen könnten. Eine geringe Wahlbeteiligung etwa dürfte im Ergebnis vor allem CDU und SPD schaden. 2002 lag sie bei 56,5 Prozent, angesichts der Langeweile, die dieser Wahlkampf ausstrahlt, könnte sie diesmal noch weiter fallen. Zudem ist das Abschneiden der kleinen Parteien noch nicht ausgemacht, weil es im Land bei vielen Wählern einen ausgeprägten Hang dazu gibt, bei jeder Wahl etwas anderes zu wählen. So dümpeln etwa die Grünen derzeit in Umfragen bei drei oder vier Prozent nach einem desaströsen Ergebnis von zwei Prozent im Jahr 2002. Spitzenkandidatin Ines Brock will ihre Wähler mit einem Feldzug gegen Gen-Mais und Gen-Tomaten mobilisieren, einer Kampagne gegen die Grüne Gentechnik gemeinhin. Auch die rechtsextreme DVU und einige Sektierer-Gruppen bis hin zu den Schill-Erben von der "Offensive" treten an. Nach derzeitigen Umfragen dürfte es am 26. März keiner dieser Parteien gelingen, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen. Aber mit Sicherheit wagt keiner hier, einen Erfolg der Rechten auszuschließen - gerade wegen der Lustlosigkeit, die sich ansonsten im Wahlkampf breit gemacht hat.

"Muss ja nicht sein

Irgendwann im Laufe dieses Abends versucht es dann doch einer, die süßliche, großkoalitionäre Zähflüssigkeit aufzumischen, den Bann des Berliner Lockstoffs zu durchbrechen. Es ist der Trompeter von "Da Capo", jener Swing-Band, die die Hintergrundmusik für diesen Abend liefert. Wie die anderen vier Jungs auch trägt der Mann einen rabenschwarzen Anzug, ein rabenschwarzes Oberhemd und eine grell-weiße Krawatte. Gerade haben sie "Die Morität von Mackie Messer" gespielt. Im Text geht es da um einen Haifisch, um Zähne, um Blut, und die einen, die im Dunkeln sind, und die anderen, die im Licht sind."Das, liebes Publikum, war 'Mack the Knife'", sprichtswingt der Trompeter mit tiefer Stimme ins Mikro. "Naja, liebe Zuhörer, vielleicht ist das ja auch das Motto des Wahlkampf". Dann legt er eine kurze Kunstpause ein, schaut ins Publikum, und fügt hinzu: "Naja, muss ja auch nicht sein."