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Verschwörungstheorien: Wenn Bundestagsabgeordnete Mails von Herrn Penis-Genozid erhalten

Hunderte Zuschriften gehen täglich bei Bundestagsabgeordneten ein. Davon sind geschätzt 95 Prozent ernst gemeint. Aus dem wunderlichen Rest wurden einige auf der re:publica rezitiert.

Vor dem Reichstag weht die deutsche Fahne

Wirr und apokalyptisch: Bundestagsabgeordnete erhalten oft Mails, die bei jedem Aluhut-Wettbewerb locker ganz weit vorne landen würden

Da war zum Beispiel die Geschichte von dem ganz großen Ding. Eine Rakete spielt dabei eine Rolle, das Bernsteinzimmer und Wladimir Putin. Etwa ein Jahr habe er sich damit beschäftigt, sagt Stephan Borghorst, wissenschaftlicher Mitarbeiter des SPD-Bundestagsabgeordneten Sönke Rix. Rund 20 Telefonate geführt, manche lang.

Es fing, wie bei den meisten großen Dingern, harmlos an. Eine Frau meldete sich 2005 bei Borghorst. Sie habe ein Problem, das sei sehr, sehr wichtig. Sie habe schon das Kanzleramt kontaktiert, allerdings ohne Erfolg. Borghorst notierte sich den Namen und rief seinerseits beim Kanzleramt an, das damals noch  sozialdemokratisch verwaltet war: Ob denn niemand der Frau antworten könne? Und worum es eigentlich gehe? "Kann ich Dir nicht sagen. Datenschutz", lautete die Antwort. Immerhin versprach der Genosse, der Frau zurückzuschreiben.

Als Putin das Bernsteinzimmer stahl

Das hätte das Ende der Geschichte sein können. War es aber nicht. Die Frau rief Borghorst wieder an und klagte, das Kanzleramt habe nichts zu ihrer Geschichte herauskriegen können. Und die geht so: Paul, ihr Sohn, hatte auf den Königswiesen von Schleswig an der Schlei gemeinsam mit seinem Lehrer eine Rakete gezündet. Ein paar Meter weiter fiel die Rakete wieder vom Himmel. Dort fanden Paul und der Lehrer eine merkwürdige Stelle und gruben sich in die Wiese. Sie stießen auf einen geheimen Gang, der in eine Halle mündete. Dort lagen Leichen in Uniform, Kisten voller Erz und Silber - und das Bernsteinzimmer. Also nicht ganz. Nur das halbe. Schaudernd traten Paul und der Lehrer den Rückzug an und verschlossen den Gang. Sie schworen sich zu schweigen. Zwei Monate später hielt plötzlich eine dunkle Limousine neben Paul. Darin saß ein Abgesandter von Kanzler Gerhard Schröder. Er war erstaunlicherweise über den Fund informiert. Und bot Paul einen Finderlohn an - Firmenbeteiligungen im Wert von über einer Million Euro.

Im Dezember 2004 jedoch kam Russlands Präsident Wladimir Putin zu Besuch. Er traf sich mit Kanzler Schröder auf Schloss Gottorf an der Schlei, ganz in der Nähe der Königswiesen. Paul war auch dabei - und Putin zeigte ihm einen zweiten Zugang zu der Kammer. Nach Putins Abreise war aber nichts mehr drin. Zumindest nicht das Bernsteinzimmer, das halbe. Und was ist jetzt, bitteschön, mit dem Finderlohn?

Das Brandenburger Tor ist ein Höllentor

"Sie hat ihre Geschichte mit großer Ernsthaftigkeit vorgetragen, deswegen habe ich immer gerne mit ihr telefoniert", sagt Borghorst. Er hat sich, soweit es geht, um die Frau gekümmert. In anderen Fällen war das nicht drin - und auch nicht gewollt.

Borghorst sitzt mit zwei Kolleginnen und einem Kollegen aus den Bundestagsbüros anderer Fraktionen auf einem Podium der re:publica, es ist die letzte Veranstaltung der Berliner Digitalkonferenz. Titel der Runde: "Wähler Poetry: Die Aluhut-Monologe". Es geht um die wunderlichen Zuschriften, Mails, Anrufe, ja: auch Faxe, die in Abgeordneten-Büros auflaufen. Es ist der Job von Borghorst und Kollegen, die Eingänge zu sichten, bevor sie dem Abgeordneten vorgelegt werden. 95 Prozent aller Kontaktversuche seien ernst gemeint, schätzt die Runde. Aus dem Rest zitieren sie hier. Und das hat seine tragikkomischen Aspekte.

Carolin Breuer ist die Büroleiterin des CSU-Abgeordneten Alexander Radwahn. Sie bekam eine Mail mit der Betreffzeile "Sie sind ein geistig behinderter Nazi zu 125 Prozent". Svea Reubold arbeitet für die Grüne Tabea Rössner und staunte über die Zuschrift mit der alarmierenden Erkenntnis: "Das Brandenburger Tor in Berlin ist das Höllentor der Menschheit und muss sofort abgerissen werden."

Plumpe Versuche, einen Vorteil zu erhalten

Jörg Braun ist seit sechs Jahren für die Linke Petra Sitte tätig. Er bekommt immer mal wieder Post von einem Menschen, der das irritierende Pseudonym "Penis-Genozid" gewählt hat. Einiges, was die Mitarbeiter zitieren, ist einfach nur wirr, anderes klingt apokalyptisch, einige Beispiele deuten darauf hin, dass der Absender ernsthafte psychische Probleme hat. Wenn jemand im Selbstverlag ein Buch rausbringt, in dem er auf hunderten von Seiten darlegt, wie Geheimdienste in Deutschland "Strahlenfolter" exekutieren und dieses Buch flächendeckend an Abgeordnete verschickt - dann ist etwas nicht in Ordnung. Beinahe charmant wirkt da der Mann, der stolz ein Foto seines Autos verschickt hat: ein in Polizeifarben angemalter Kombi mit großen aufgemalten Bundesadlern und der Aufschrift "Bundesamt für magische Wesen".

Bemerkenswert auch, wie viele plumpe Versuche es gibt, einen persönlichen Vorteil zu ziehen. Im CSU-Büro von Carolin Breuer ging eine Rechnung ein, die Franz Josef Strauß angeblich vergessen hatte zu bezahlen. Der Mann ist zwar seit 27 Jahren tot, aber warum es nicht nochmal versuchen? Svea Reubold von den Grünen erhielt die Bewerbung einer Mitzwanzigerin, die erklärt, sie könne sich vorstellen, für Grüne, SPD oder Linke anzutreten. "Ich sehe in meiner Bundestagskandidatur eine Lösung vieler meiner Probleme, die immer auch andere betreffen!" Das Schreiben endet mit dem Hinweis, es läge nun an den Grünen, sich zu entscheiden. Als Gruß- und Abschiedsformel steht unter den Zuschriften schon mal "Gruß und Kuss", "Überdenken Sie Ihre Entscheidung und treten Sie zurück!" oder auch: "Wieso sitzen diese Leute noch nicht im Gefängnis?"

Für Leute, die mit ihrem Anliegen tatsächlich durchdringen wollen, hatte die Runde zum Schluss ein paar Tipps parat. Erstens: Es hilft, nur jene Abgeordneten anzuschreiben, die für den Wohnort des Absenders zuständig sind. Es hilft auch, ernsthaft etwas ansprechen zu wollen. Und es hilft nicht, seine Mail an alle 630 Bundestagsabgeordneten gleichzeitig zu verschicken. Der Aufwand, sich darauf zu einigen, wer antworten darf, ist doch sehr hoch.

lg