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Willi Hoss: Zwischen Daimler und Dutschke

Er wurde von den Daimler-Managern geduzt, ging mit Globalisierungskritikern auf die Straße und brachte Industrie und Kommunisten unter einen Hut: Willi Hoss, Gründungsmitglied der Grünen, starb nach schwerer Krankheit im Alter von 73 Jahren.

Konsequent und unbeugsam ist Willi Hoss seinem Lebensweg gefolgt, ideologische Verbohrtheit war ihm stets fremd. Er war Gründungsmitglied der Grünen, wurde von den Daimler- Managern geduzt, ging mit Globalisierungskritikern auf die Straße und brachte Industrie und Kommunisten unter einen Hut. Am Donnerstag starb Hoss in Stuttgart im Alter von 73 Jahren nach schwerer Krankheit.

In den 50er Jahren war der Sohn einer Niederländerin und eines Deutschen ins Schwäbische gezogen. Er ließ sich als Elektroschweißer ausbilden und ging 1959 als, wie er sagte, "richtiger Malocher" zu Daimler-Benz. Zwölf Jahre später wurde Hoss Betriebsrat - als "Unabhängiger", nachdem die mächtige IG Metall den angeblichen Unruhestifter aus ihren Reihen verbannt hatte. Hoss zog die Konsequenz und gründete kurzerhand zusammen mit anderen engagierten Kollegen die so genannte Plakat-Gruppe - bei Betriebsratswahlen holte sie zwischen 29 und 39 Prozent.

«Undogmatischer Linker»

Hoss nannte sich "undogmatischer Linker" und stand in den 70er Jahren in Kontakt mit Intellektuellen wie Elmar Altvater, Oskar Negt und Rudi Dutschke. Als sich die Anti-Atom-Bewegung, Friedens- und Umweltgruppen aufmachten und mit den Grünen eine Partei gründeten, empfand Hoss diese als neue politische Heimat. Im Jahr der Gründung 1979 stieß er zu den Grünen, für die er 1983 in den Bundestag einzog.

Die Wege von Bündnis 90/Die Grünen und ihrem früheren Bundestagsabgeordneten Hoss hatten sich dagegen schon lange vor seinem Parteiaustritt 2001 wieder voneinander entfernt. Nach 1983 wurde Hoss 1987 zunächst ein weiteres Mal ins Parlament gewählt, 1994 fiel er dagegen bei der Aufstellung der baden-württembergischen Landesliste dem Proporz von Frauen, Männern und parteiinternen Strömungen zum Opfer. Auf einem hinteren Listenplatz wollte Hoss nicht kandidieren, seine Politiker-Karriere war beendet.

Austritt "nur konsequent"

Im November 2001 zog er den endgültigen Schlussstrich: Die Grünen hätten ihre Grundlagen in der rot-grünen Koalition zu weit verlassen, meinte der Vater der Schauspielerin Nina Hoss damals. Die einst grünen Alternativen hätten sich in grauen Polit-Mainstream verwandelt. Sein Austritt aus Protest gegen den Einsatz deutscher Soldaten im Afghanistan-Krieg sei deshalb nur konsequent.

Nach dem Ende seines regulären Arbeitslebens hatte sich Hoss ohnehin auf ein Selbsthilfeprojekt in Brasilien konzentriert. Ihm widmete er seine ganze Arbeitskraft: Über Jahre half er verarmten Bauern, die mit veränderten Anbaumethoden neue Einnahmequellen erhalten sollten.

Edgar Neumann und Martin Oversohl / DPA